SIPPENHAFT
(Nr. 10/1910, Eban-Besuch)
Herr Eban ist wirklich ein Schelm: Die Deutschen müssen also mit ihrer Ge-. schichte leben. So kann man natürlich auch formulieren. Denn mit der Mithaftung der jungen Deutschen für die Verbrechen Hitlers dürfte ja wohl die finanzielle gemeint sein; sozusagen pekuniäre Sippenhaft gemixt mit ein wenig Erbsünde.
Katzwang (Bayern) UWE SCHREINER
Wie edel, hilfreich und gut gibt sich Bonn. wenn man 80 Mark (in Worten: achtzig) pro Person »als individuelle Wiedergutmachung« nach Israel an Juden überweist, die die Liquidationskommandos der Eichmänner überlebt haben. Achtzig Mark für einen Krüppel, Invaliden oder zu lebenslangem Pflegeheim Verurteilten spricht Hohn. Da die Juden aus den Massengräbern des Ostens nicht wiederauferstehen, hat Bonn demzufolge Millionen Mark gespart, die für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu den arabischen Staaten »nützlich« angewendet werden können.
Frankfurt ADOLF DIAMANT
Darüber, daß Herr Eban mit mehreren jungen Leuten gesprochen haben soll, die sich ihrer »Mithaftung für die Verbrechen Hitlers« bewußt seien, kann ich nur müde lächeln. Mir ist nur unklar, wie der israelische Außenminister, bei den für ihn getroffenen Absperr- und Sicherheitsmaßnahmen, überhaupt noch Gespräche mit jungen Leuten hat führen können. Ein Durchschnittsbürger wird wohl bestimmt nicht dabeigewesen sein.
Reindorf (Schl.-Holst.)
HARALD HARTESUER
Ein Bravo dem Außenminister Scheel. Er orientiert sich erfreulicherweise nicht nur an der Meinung schuldbeladener Mümmelgreise. Die junge Generation empfindet im überwiegenden Teil große, ehrliche Sympathien für den israelischen Staat und seine Menschen. Sie verurteilt die scheußlichen Verbrechen der Nazis aufs schärfste, aber das Gerede von Kollektivschuld lehnt sie ebenso energisch ab. Jungingen (Bad.-Württ.)
ROLF SCHEFFOLD
Ich bin während des Krieges geboren und fühle mich in keiner Weise verantwortlich für die während der NS-Zeit verübten Verbrechen. Es ist unerfreulich zu sehen, daß Abba Eban das Wohlwollen auf deutscher Seite ignoriert, um die Bundesregierung zu finanziellen Zusagen zu nötigen. Sehr fragwürdig ist jedoch die moralische Argumentation, da die israelische Regierung -- und das wird auch in Deutschland einmal als historische Realität bekannt -- seit 1948 eine Politik verfolgt, die mit der nationalsozialistischen identisch ist, was zum Beispiel »Eroberung von Lebensraum im Osten«, Kriegsverbrechen, Einstufung der Menschen einer anderen Nation als Bürger zweiter Klasse anbelangt. In Deutschland sollte öfter der »Feindsender«, das heißt die Stimme des Auslandes gehört werden. Andernfalls leistet die Bundesregierung mit ihren finanziellen Mitteln eine Wiedergutmachung, die nicht einen Bruch mit der Vergangenheit, sondern deren Fortsetzung darstellt.
Hannover JOCHEN HABERRELNER
Ich bin nicht gewillt, und das ist auch die Mehrheit der Bundesrepublik, den israelischen Krieg zu finanzieren. Die Jugend hat recht, wenn dagegen demonstriert wird.
Reutlingen (Bad.-Württ.)
MANFRED PFANNER 1. Vorsitzender des FDP-Kreisverbandes Hechingen
Bedenkt man in Israel nicht, daß ein permanent gepflegter Schuldkomplex auf die Dauer auch den völlig Unbeteiligten auf die Palme bringt? Genauer gefragt: Ist Israel überhaupt ehrlich an einer Entspannung zwischen sich und der Bundesrepublik interessiert, oder betrachtet man die Bundesrepublik nur als milchgebende Kuh?
Regensburg (Bayern) CHRISTIAN KIRSCH
Wie lange soll das mit den Zahlungen noch weitergehen? So lange, bis einer der nächsten Generationen der Kragen platzt und alles kommt wie gehabt? Und wer hat dann die Schuld?
Hamburg ALMA VOLLMER
Wann darf denn Deutschlands Nachkriegsgeneration, sprich Steuerzahler, mit einer »Normalisierung« deutschisraelischer Beziehungen rechnen? Oder sind davon auch noch unsere Kindeskinder betroffen?
New York KARL G. REINHARDT