NORDKOREA Stalins Schattenreich
Im Gebäudekomplex Glinkastraße 5-7, Berlin Mitte, sind zwei Institutionen untergebracht, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben: die Psychotherapeutische Ambulanz der deutschen Hauptstadt (alle Kassen, Termine nach schriftlicher Vereinbarung, Schwerpunkt: Verhaltenstherapie) - und die Botschaft der Volksrepublik Korea, Termine nur in Ausnahmefällen. Dies ist einer. Pjöngjangs Chefdiplomat hat geladen.
Pak Hyon Bo, 63, lässt zur Begrüßung heißes Wasser auffahren. Es dampft in einer riesigen Thermoskanne, die auf einem riesigen Tisch in einem riesigen Empfangszimmer steht. Dazu gibt es Nescafé aus der Dose. Der Raum ist schmucklos, sieht man von einer verstaubten Grünpflanze ab sowie zwei sehr hoch gehängten Fotos: Kim-Il-Sung und Kim Jong Il, der »Große Führer« und der »Geliebte Führer«, Nordkoreas stalinistische Götter. Der eine 1994 gestorben, aber Präsident über den Tod hinaus; der andere De-facto-Machthaber und Oberkommandierender der fünftgrößten Armee der Welt.
Herr Pak trägt einen Führer-Button am Revers und wirkt auch sonst wie ein Funktionär vom Schnittmusterbogen, genormt, grau und griesgrämig. Von 1980 bis 1985 sei er Botschafter seines Landes in der DDR gewesen, ist ihm zu entlocken, stationiert im selben Gebäude; später Abteilungsleiter im Außenministerium. Im Oktober 2001 wurde er dann im neuen Deutschland akkreditiert. »Manchmal vermisse ich den Honecker-Staat«, sagt der Botschafter. »Damals hatten wir noch dreimal mehr Leute hier und jede Menge ideologischer Unterstützung.«
Doch Aufmerksamkeit ist Pak und seinem Land derzeit auch mit kleiner Mannschaft sicher: US-Präsident George W. Bush hat Nordkorea neben dem Irak und Iran als Teil einer »Achse des Bösen« angeprangert. Nach CIA-Berichten hat Nordkorea bereits Nuklearwaffen oder steht unmittelbar vor deren Fertigstellung. Pjöngjang kündigte den Atomwaffensperrvertrag auf, warf die Uno-Inspektoren aus dem Land, verweigert sich seitdem internationalen Vermittlern. Das Reich des Großen und des Geliebten Führers gilt als der abgeschottetste, unberechenbarste und geheimnisvollste Staat der Erde.
»Die Amerikaner versuchen, uns zu vernichten. Wir haben genaue Informationen darüber, dass sie Nordkorea zum Ziel eines atomaren Erstschlags bestimmt haben«, sagt der Diplomat in ganz undiplomatischer Schärfe. Das meint er im Ernst? »Aber ja. Sie wollen uns in eine Kolonie verwandeln. Wir beginnen keinen Krieg. Aber wehe, es wird in unserer Heimat nur ein Pflänzchen gekrümmt, dann sind wir zu allem fähig. Dann ertränken wir die Welt in einem Meer von Blut.« Nur wer die Stimmung in Nordkorea am eigenen Leib gespürt habe, könne den Patriotismus seiner Landsleute ermessen, ihre Entschlossenheit, sich Feinden entgegenzustellen und ihr politisches System zu verteidigen, meint Botschafter Pak.
Und wie soll eine solche Überprüfung möglich sein, wenn die politische Führung in Pjöngjang allenfalls streng abgeschirmte Gruppenreisen genehmigt? Einen Augenblick zögert Herr Pak. »Sie können sich bis auf unsere Militäranlagen alles ansehen, was Sie wollen«, sagt er dann. »Ich werde Ihnen das Journalistenvisum für eine Einzelreise verschaffen.«
Die altersschwache Iljuschin-62 der Koryo Air landet reichlich unsanft auf der holprigen Flughafenpiste von Pjöngjang; Militärjets in Sichtweite, keine Passagiermaschinen. Die Airline fliegt nur zwischen Nordkorea und China, dienstags und samstags von Peking. Es ist eine Reise in eine andere Zeit - im wahrsten Sinn des Wortes. Denn neben den riesigen Führerbildern in der Eingangshalle verblüfft auch die Jahreszahl auf den Schautafeln. Wir befinden uns demnach im Jahr 92 des Herrn: Nordkorea zählt erst ab dem Geburtsjahr des Großen Führers. Er und sein Sohn sind das Maß aller Dinge.
Über 50 Meter breite, fahrzeuglose Autobahnen auf dem Weg in die Stadt. Noch mehr Führerporträts. Die Kims bei der Inspizierung von Fabriken, von Feldern, von Krankenhäusern. Martialische Posen mit waffenschwingenden Militärs. Immer wieder auch Blumenmotive. »Kimilsungia« heiße die violett blühende Orchideensorte, verrät der Mann vom Außenministerium strahlend. Und die auf den Wandmalereien allgegenwärtige blutrote Begonie? »Das ist die Kimjongilia.«
Imposante Monumente: die riesige bronzene Kim-Il-Sung-Statue, vor der jeder Besucher ein Bouquet niederlegen soll; das 100 000 Zuschauer fassende Kim-Il-Sung-Stadion; der 150 Meter hohe »Turm der Juche-Ideologie« mit einer ewig leuchtenden 20 Meter hohen Plastikflamme auf der Spitze, Mahnmal für das nordkoreanische Gesellschaftsmodell der stalinistisch-nationalistischen Selbstverwirklichung um jeden Preis. Der Große, der Geliebte und Juche - das ist Nordkoreas Religion, seine Dreifaltigkeit.
»Paradies« heißt ein Vorort, »Paradies« auch eine der 17 blitzblanken U-Bahn-Stationen. Auf diese Art soll wohl vermittelt werden, dass man nirgendwo sonst einem vollkommenen Gemeinwesen so nahe ist. Jedenfalls verheißen das die Lautsprecher, die viele Plätze mit dem Einheits-Radioprogramm und Militärmärschen beschallen. Alle ausländischen Sender werden gestört, das Meinungsmonopol ist absolut; wenngleich sich seit dem Jahr 2000 durch einige staatlich erlaubte Familientreffen mit Südkoreanern in Pjöngjang bei manchen eine Ahnung darüber verbreitet, wie weit der Lebensstandard in Stalins Schattenreich der Außenwelt hinterherhinkt.
Als einziger US-Popsong ist die nordkoreanische Version von Frank Sinatras »My Way« zu hören - angeblich textlich wie melodisch das Lieblingslied des Geliebten Führers, der als großer Kino-Freak gilt und 20 000 Videos besitzen soll, darunter westliche Horrorfilme und Daffy-Duck-Cartoons. Kim Jong Il galt bis vor kurzem auch als James-Bond-Fan; das letzte Filmabenteuer, in dem 007 von Nordkoreanern gefoltert wird, hat die Liebe zum Erkalten gebracht. »Ein Machwerk aus dem Hauptquartier der degenerierten Sex- und Gewaltkultur«, wetterte das Parteiorgan.
Pjöngjangs Intershops verkaufen ausländische Waren auf Euro-Basis, der Dollar wird verschmäht. Im staatlichen Kaufhaus langweilen sich Verkäuferinnen - es gibt nicht viel mehr als Plastikblumen und Plastikgeschirr. Auf den Straßen sind kaum Fahrräder zu sehen, ganz anders als sonst in Asien. »Der Kauf ist erlaubt. Aber wir fördern den Individualverkehr nicht, das schafft nur falsche Vorstellungen von Freiheit«, sagt ein Offizieller.
Bettler oder Behinderte darf es in dieser gesäuberten Welt nicht geben. Schon vor Jahren haben die KP-Bosse die Hauptstadt zu einer »krüppelfreien Zone« gemacht, wie es der Mitarbeiter einer Uno-Hilfsorganisation ausdrückt. Einfach dadurch, dass sie alle Behinderten aufs Land abschoben. Auf den großen Plätzen herrscht das »gesunde Volk« (so das Parteiblatt »Rodong Sinmun"); zu den fast täglichen Massenveranstaltungen werden Arbeiter, Jugendliche und Kinder herangekarrt.
Pjöngjang wirkt wie eine permanente Theateraufführung, die Einwohner wie Schauspieler in der Kulisse eines gigantischen Filmsets. Sie sagen, nach ihrer Meinung befragt, Texte so gleichförmig auf, als brauchten sie einen staatlichen Souffleur gar nicht mehr, als sei ihnen die Parteipropaganda in Fleisch und Blut eingegangen: geklonte Untertanen. »Wir verdanken unsere großartigen Errungenschaften einzig der Weisheit des Großen und des Geliebten Führers!« Und: »Tod den amerikanischen Imperialisten!«
Die Fixierung auf alles Amerikanische ist verblüffend. Am Ufer des zugefrorenen Taedong-Flusses liegt die USS »Pueblo« wie eine riesige Trophäe auf Eis. »Wir haben das hochgerüstete Spionageschiff der Imperialisten mit unserer Willensstärke erobert«, sagt Kim Jung Rok, 62, beim Rundgang unter Deck. Er war 1968 als junger Leutnant beim Aufbringen der »Pueblo« dabei. Stolz zeigt er den Entschuldigungsbrief, den Generalmajor Gilbert Woodward im Namen der US-Regierung geschickt hat. Dass Pjöngjang das Schreiben als Gegenleistung für die Freiheit der Crew erpresst hat, verschweigt er.
Im Kriegsmuseum »Siegreiche Vaterlandsbefreiung« hat die Geschichtsfälschung dramatischere Ausmaße. Wieder einmal ist bei Temperaturen um minus 20 Grad in der Stadt die Elektrizität ausgefallen, und so muss die Uniformierte die ihr eingebläuten Falschinformationen auch noch bibbernd vor Kälte vortragen. »1950, als die Amerikaner unser Land überfielen ...« Mit Ausnahme einiger Funktionäre gibt es in Nordkorea wohl niemanden, der weiß, dass Kim Il Sung den Korea-Krieg ausgelöst hat. Keine Rede bei der Museumsführung auch davon, dass erst Truppen aus der Volksrepublik China den Norden vor dem Untergang retteten, gegen die von den Amerikanern angeführte internationale Streitmacht ein Patt erkämpften. »Die unmenschlichen US-Verbrecher wurden durch das militärische Genie unseres Großen Führers besiegt«, sagt die Dame.
Panmunjom, 170 Kilometer südlich von Pjöngjang und nicht einmal 50 Kilometer von der südkoreanischen Hauptstadt Seoul entfernt: Hier zeigen Offiziere die Demarkationslinie, den Stacheldraht, die Mauer, die Militärpatrouillen. Sogar der Tisch, an dem am 27. Juli 1953 das Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet wurde, steht noch unverändert. Mikrofonkabel in seiner Mitte markieren die festgelegte Trennung der Welten. Schuld an der »Tragödie der Teilung« sind nach den Worten des Pjöngjanger Grenzoffiziers »einzig die USA, die Südkorea versklavten und uns mit ihrem Hass verfolgen«.
Kim Jong Il, 61, sieht sein Land als Nemesis der USA. Er möchte auch in der jetzigen Atomkrise mit Präsident George W. Bush von Gleich zu Gleich sprechen: 22 Millionen Nordkoreaner und 288 Millionen Amerikaner auf Augenhöhe. Immer schriller werden die Töne aus Pjöngjang. Sollten die USA ihre Militärpräsenz in der Region weiter verstärken, schließt Nordkorea einen militärischen Erstschlag nicht mehr aus. Nimmt man die kriegerische Rhetorik wörtlich, droht sogar Terror: »Acht Millionen junge Menschen sind bereit, sich in Selbstmordbomben zu verwandeln.«
Größenwahn, der womöglich zu einem Krieg führt? Oder versucht der Geliebte Führer mit Drohungen, für sein verzweifeltes Land Hilfe zu erpressen und so sein Regime kühl kalkulierend zu retten?
Choe Su Hon, 66, ist Vizeaußenminister und Mitglied höchster Führungsgremien - er sollte die Antworten wissen. Bei einem Zweistundengespräch im Ministerium am Kim-Il-Sung-Platz erläutert er dem SPIEGEL die Position der Parteiführung. Zitieren sei erlaubt, nicht jedoch ein Abdruck als Interview: Für Nordkorea darf offiziell nur einer sprechen, er, der Geliebte, die »Rote Sonne der Revolution«.
Choe erklärt Koreas Trauma. Sein Volk sei von Großreichen eingekreist: von Russen, Chinesen, Japanern und - über den Pazifik - von Amerikanern. Alle diese Mächte hätten die strategisch so wichtige und rohstoffreiche Halbinsel in ihrer Geschichte schon teils oder ganz besetzt. Akut ist nach des Ministers Worten nun vor allem die amerikanische Bedrohung. »Die Bush-Regierung will uns unterjochen. Sie will uns entwaffnen, unser politisches System auslöschen. Wir sind nicht die Aggressoren - wir kämpfen um unsere Existenz.«
Im Oktober 1994 haben Washington und Pjöngjang ein Rahmenabkommen unterzeichnet. Darin garantierte Nordkorea die Stilllegung seines Grafit-moderierten Reaktors in Yongbyon, aus dem nuklearwaffenfähiges Material abgezweigt worden war. Im Gegenzug versprachen die Amerikaner den Bau zweier Leichtwasserreaktoren und die jährliche Lieferung von 500 000 Tonnen Schweröl, um Nordkoreas chronische Energienot zu beheben. »Die Amerikaner haben diesen Vertrag gebrochen. Die neuen Reaktoren sollten bis zum Jahr 2003 mit voller Kapazität arbeiten, aber der Bau hat noch nicht einmal ernsthaft begonnen. Jetzt stellte Washington auch die Schweröl-Lieferung ein. Sie wollen uns in die Knie zwingen - und tragen allein die Verantwortung dafür, wenn Kinder frieren und hungern.«
Mit der Clinton-Regierung habe man einigermaßen vernünftig zusammenarbeiten können, sagt der Vizeaußenminister. Alles Unglück sei mit der »Machtergreifung der Bush-Clique« gekommen, mit dem ebenso beleidigenden wie bedrohenden Wort von der Achse des Bösen. Und mit den »Plänen eines amerikanischen Nuklearangriffs auf die Volksrepublik Korea, die uns vorliegen«. Choe träumt von einer »Achse der Bush-Gegner: Paris-Berlin-Pjöngjang«. Große Hoffnung setzt er auch auf Südkorea, wo er eine Volksbewegung am Werk sieht, die alle US-Soldaten aus dem Land werfen und mit dem Norden paktieren will.
Ist das nicht eine sehr selektive Wahrnehmung der Wirklichkeit? Hat Nordkorea mit seinem Austritt aus dem Atomwaffensperrvertrag nicht alle anderen 186 Beitritts-Nationen brüskiert?
»Wir werden das nicht rückgängig machen«, sagt der Minister. »Wir haben genau dasselbe Recht auf Atombomben wie die USA, auch auf Präventivkriege.« Die Internationale Atomenergiebehörde hat gerade den Hinauswurf ihrer Inspektoren vor den Uno-Sicherheitsrat gebracht, die Weltgemeinschaft könnte Sanktionen gegen Pjöngjang beschließen. »Wir würden das als Kriegserklärung betrachten«, sagt der Minister trotzig. »Und darauf antworten - vielleicht mit neuen Raketentests.«
Europäische Politiker haben hinter den Kulissen einen Kompromissvorschlag formuliert: Verhandlungen aller Uno-Sicherheitsratsmitglieder mit Süd- und Nordkorea an einem runden Tisch. »Kommt nicht in Frage«, sagt der Spitzenfunktionär. »Wir sprechen nur mit Bush. Wir bestehen auf einem formalen Nichtangriffspakt. Außerdem auf Kompensationsleistungen für den Energieausfall. Danach können wir über Sicherheitsgarantien für die USA reden. Sie dürfen nicht vergessen - die Vertragsbrecher sitzen in Washington.«
Die US-Regierung sieht das anders, versucht es gegenüber Pjöngjang aber bisher nicht mit unverblümten Kriegsdrohungen wie gegenüber Bagdad, sondern mit Einfrieren der Energiehilfe und mit Diplomatie - einem Schlingerkurs von Zuckerbrot und Peitsche. Dabei ist Nordkorea nach Meinung von Militärexperten und Politikern, unter ihnen Bill Clinton, mit seinen Massenvernichtungswaffen (auch chemische und biologische) eine größere Gefahr für den Weltfrieden als der Irak.
Seit Juni 2002 glaubt die CIA hieb- und stichfeste Beweise dafür zu haben, dass Nordkorea - mit Hilfe pakistanischer Experten - an der Bombe baut, womöglich schon ein bis zwei Nuklearwaffen besitzt. In den ersten Oktobertagen fuhr der US-Regierungsabgesandte James Kelly nach Pjöngjang zum Showdown und verblüffte seine Gegenüber laut US-Aussagen mit Dokumenten so, dass die in einem Zornesausbruch ihr Atomprogramm zugaben. Die Besorgnis erregende Nachricht hat das Weiße Haus der Öffentlichkeit bewusst vorenthalten: Am 11. Oktober holte sich der Präsident vom Kongress grünes Licht für einen Irak-Feldzug. Probleme mit Pjöngjang störten da nur.
»Bis heute hat Bush keine erkennbare Nordkorea-Strategie entwickelt«, sagt ein westeuropäischer Diplomat. Gegenüber dem Autor Bob Woodward ("Bush at War") deutete der US-Präsident immerhin an, dass er es langfristig auch in Pjöngjang nicht bei einer Politik der Eindämmung belassen will. »Ich verabscheue Kim Jong Il«, rief Bush aus. »Mir drehen sich die Eingeweide um, wenn ich an diesen Kerl denke, der sein Volk verhungern lässt.« Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sprach von einem »terroristischen Regime«. Doch anders als im Fall Irak wagte er es nicht, einen Regimewechsel anzukündigen. Vorletzte Woche erklärte CIA-Chef George Tenet vor einem Ausschuss des US-Senats, Nordkorea könne mit seinen atomwaffenbestückten Langstreckenraketen selbst die Westküste der USA erreichen.
Jeden Freitagabend in Pjöngjang trifft sich das diplomatische Corps mit den Vertretern der wenigen ausländischen Hilfsorganisationen zum Jour fixe in privaten Räumen. Die Kim-Jong-Il-Watcher haben Hochkonjunktur, immer neue Geschichten von der Exzentrik und der Extravaganz des Führers machen die Runde. Dass er 200 Mercedes der S-Klasse bestellt habe (erwiesen); dass er häufig Hennessy-Paradis-Cognac zu 270 Euro die Flasche konsumiere (wahrscheinlich, er war zumindest Anfang der neunziger Jahre der größte Einzelkunde der Firma); dass er als Geheimdienstchef die Sprengung einer südkoreanischen Verkehrsmaschine befohlen habe und seitdem kein Flugzeug mehr besteige (möglich); dass er sich in seinem siebenstöckigen Palast von mehreren schwedischen Gespielinnen verwöhnen lasse (spekulativ). Keiner hat Verständnis für Kim Jong Il, aber keiner plädiert für einen Militärschlag. Nur mit diplomatischem Engagement sei sicherzustellen, dass es nicht zu einem fürchterlichen Blutbad komme; vor allem China und Russland setzen auf Eindämmung. Kim gilt als skrupellos, unberechenbar.
Die Sehnsucht des Geliebten Führers nach Größe beginnt an Paranoia zu grenzen. Sie manifestiert sich in immer gigantischeren Gedenkstätten. Idyllisch eingebettet in eine Berglandschaft bei Hyangsan steht - unweit der offenbar gerade wieder angefahrenen Atomanlagen von Yongbyon - das »Museum der Völkerverständigung«, ein besonders bizarres Beispiel für den Kult um Kim-Sohn und Kim-Vater.
Zwei riesige Paläste beherbergen überlebensgroße Skulpturen der Führer. Gespenstisch flackert das aus einem Notstromaggregat gespeiste Licht in 200 riesigen Hallen. 49 808 Geschenke, die Delegationen aus 170 Staaten den beiden Kims vermachten, sollen von weltpolitischer Bedeutung zeugen. Ein Jagdgewehr von Putin, eine Perlmuttschatulle von Arafat, eine Krokodiltasche von Castro, ein Basketball von Frau Albright. Historisches wie ein selbst geschossener, präparierter Bär von Ceauçescu - und jede Menge Schnickschnack von obskuren Freundschaftsclubs aus aller Welt.
Allein die Räumlichkeiten müssen Millionen gekostet haben, Geld, das den Menschen besonders auf dem Land bitter fehlt. Jenseits der wenigen Highways und des potemkinschen Pjöngjang bricht die Infrastruktur zusammen. Keine befahrbaren Straßen, ganze Landstriche, in denen im wahrsten Sinn des Wortes die Lichter ausgegangen sind. Wie mahnende Finger weisen verrottete Schlote in den Himmel; nur mehr 20 Prozent der Industriebetriebe arbeiten, schätzen Uno-Mitarbeiter; es funktioniert allein die Armee - 1,1 Millionen sind unter Waffen. Einziger Exportschlager sind ballistische Raketen; »Nordkorea ist der weltweit größte Lieferant dieser Waffentechnologie« (so Rumsfeld).
Im Kohlerevier arbeiten sich Kinder mit bloßen Händen in die Schächte vor, schwarze Greisengesichter, ausgemergelte Körper. Alte Frauen schleppen sich in die Berge, auf der verzweifelten Suche nach allem Brennbaren, nach allem Essbaren. Manche sind so schwach, dass sie teilnahmslos am Wegrand kauern, neben sich Bündel von Reisig, Blätter, Wurzeln. Internationale Organisationen sprechen von Hunderttausenden Hungertoten, aber sie erreichen nicht alle Provinzen des Landes. Auch wer überlebt, ist oft verdammt. Kinder ein Leben lang: Der extreme Vitaminmangel führt zur körperlichen und geistigen Unterentwicklung einer ganzen Generation.
Während Japan in den letzten Monaten wegen der politischen Entwicklung seine humanitäre Hilfe aufgegeben hat, ist die EU, allen voran Deutschland, noch aktiv tätig. Das größte Geberland aber sind nach wie vor die Vereinigten Staaten. Die Säcke mit Reis tragen die Aufschrift »USAid«. Das seien Kriegsreparationen, erklären nordkoreanische Beamte, wenn sie die Lebensmittel verteilen.
Wie es denn war, lässt Pak Hyon Bo in Berlin nach der Rückkehr anfragen. »Wir Koreaner stehen im Zentrum der Weltpolitik«, sagt er stolz. Bei »objektiver« Berichterstattung stellt der Diplomat eine erneute Visa-Erteilung in Aussicht.
Botschafter Nordkoreas zu sein ist in diesen Zeiten nicht einfach. Zwar müssen sich Pjöngjangs Vertretungen nicht mehr durch dubiose Aktivitäten in ihren Gastländern mitfinanzieren, was zum Beispiel 1976 zur Ausweisung der in Schweden stationierten Gesandten führte - sie hatten mit Rauschgift gehandelt. Die Botschaft in Berlin ist derzeit sogar ein Musterbeispiel für legale Devisenbeschaffung: Teile des Gebäudekomplexes aus DDR-Zeiten werden vermietet, unter anderem an die deutschen Verhaltenstherapeuten. Manchmal fahren Blaulicht-Wagen in den gemeinsamen Hof; das sind dann dringende psychiatrische Fälle, wissen die Diplomaten.
Pjöngjangs Resttruppe residiert betont bescheiden. Aber politische Gefahren lauern überall - sogar in den eigenen Reihen. An einem Januartag 1999 etwa verschwand der Handelssekretär Kim Kyong Pil aus der Berliner Vertretung. Die Nordkoreaner suchten ihn verzweifelt, doch bald wurde klar: Der Mann hatte sich auf Nimmerwiedersehen verabschiedet. Der Überläufer plauderte in Washington und Seoul, wurde laut westlichen Geheimdiensten eine Quelle erster Ordnung. Pjöngjangs Führer hat seitdem ein diplomatisches Rotationsprinzip eingeführt. Allein im letzten Jahr wurden über zwei Dutzend Botschafterposten neu besetzt, die bisherigen Vertreter zur ideologischen Festigung in die Heimat zurückbeordert.
Pak Hyon Bo muss sich in Berlin von Feinden umzingelt fühlen, weitgehend isoliert von der internationalen Gemeinschaft. Die den Nordkoreanern noch einigermaßen gewogene kommunistische Welt ist klein geworden: China, Kuba, Vietnam. Neulich war Nordkoreas Mann beim Nationalfeiertag der Vietnamesen, eine einzige Enttäuschung. Ho Tschi-minhs Erben hatten das Angebot der Deutschen Bank AG angenommen, die Veranstaltung mietfrei im Atrium der Berliner Kapitalisten-Repräsentanz zu veranstalten. Ho, gesponsert vom einstigen Klassenfeind!
So weit soll es mit Nordkoreas Führung nicht kommen. »Nationen brauchen ihre Ehre und Eigenständigkeit, müssen diese zur Not auch mit einem blutigen Krieg verteidigen«, sagt Chefdiplomat Pak. Er zupft den Button an seinem Revers zurecht. Wäre nicht nötig gewesen, der Führer klebt an ihm wie angeschweißt.