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CDU-VORSITZ Stop Barzel now

• aus DER SPIEGEL 7/1966
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ludwig Erhard war Ende letzter

Woche immer noch entschlossen zur Unentschlossenheit.

Mit dem barschen Satz: »Ich lasse mich nicht in irgend etwas hineindrängen« machte der Kanzler gegenüber Mitarbeitern klar, daß er vor einer Entscheidung über seine Kandidatur für den CDU-Vorsitz zunächst die Strömungen innerhalb der christ-demokratischen Staatspartei ausloten will.

Mit ihrem Matador saß die »Brigade Erhard« am vorletzten Sonntag nachmittag bei Kaffee und Kuchen im Kanzler-Bungalow in Bonn zusammen. Zur gleichen Stunde empfing Partei-Patriarch Adenauer in Rhöndorf den Brief, mit dem Josef Hermann Dufhues das Erbe des christ-demokratischen Erzvaters ausschlug. Eine Kopie war auch ins Kanzleramt gegangen.

Der Verzicht des Bochumer Industrie -Anwalts auf den CDU-Vorsitz überraschte das Kanzler-Kränzchen nicht (SPIEGEL 6/1966). Die Analyse der nun entstandenen Lage hatten die Berater Erhards schon parat.

Danach könnte der evangelische Kanzler

- nach einem katholischen Partei-Chef

suchen, der ebenso wie Dufhues sein Amt loyal und ohne Rivalität zum Kanzler ausübt, oder

- sich neben einem starken katholischen Beisitzer selbst an die Parteispitze setzen.

Keinesfalls aber, so dozierte die Kanzlerrunde, dürfe Ludwig Erhard dulden, daß ein möglicher Anwärter auf das Amt des Regierungschefs die Führung der CDU an sich reißt.

Da ein gleichwertiger Ersatzmann für Dufhues den Erhard-Ratgebern nicht greifbar schien, rieten die Kanzler-Vertrauten Minister Westrick und Ministerialdirektor Hohmann: Möglichst bald, spätestens aber nach dem Besuch bei de Gaulle, solle der Regierungschef verkünden, er selbst wolle CDU-Vorsitzender werden. Zu diesem Zweck liegen im Kanzleramt fertig formulierte Briefe an Adenauer und Dufhues bereit, in denen Ludwig Erhard sich bereit erklärt, zu kandidieren.

Zugleich aber führte Westrick seinem Chef die Risiken eines solchen Schrittes vor Augen: gemindertes Prestige bei einer nur schwachen Mehrheit oder gar eine Wahl-Niederlage auf dem Parteitag; dazu die Bürde des Doppelamtes.

So bedenkenvolle Entscheidungshilfe bewog Erhard, sich zunächst auf Zeitgewinn zu verlegen: »Ich werde mich nicht vor dem 16. Februar äußern und dann vor den zuständigen Gremien.«

Ludwig Erhard tut sich schwer bei dem Entschluß, sein Volkskanzler -Image mit dem Odium des Parteipolitikers zu belasten. Die CDU-Königsmacher hingegen stehen vor dem Problem, der katholischen Mitgliederschaft den evangelischen Kanzler - der zudem die Protestanten Schröder und von Hassel als Außen- und als Verteidigungsminister neben sich hat - obendrein noch als Parteivorsitzenden schmackhaft zu machen.

Der Konfessions-Proporz muß bis zum Bundesparteitag am 21. März ausbalanciert sein. Ursprünglich wollte Dufhues seinen Verzicht auf das höchste Parteiamt vor dem 60köpfigen CDU-Vorstand Mitte Februar erklären.

Um aber zu verhindern, daß die internen Beratungen über die Kandidaten für den CDU-Vorsitz zu sehr unter Zeitdruck geraten, hatte Adenauers Nachfolge-Favorit, Bundesinnenminister Paul Lücke, gemeinsam mit dem mächtigen rheinländischen CDU -Chef Konrad Grundmann erfolgreich auf Dufhues eingewirkt, er möge nicht erst auf der Vorstandssitzung seinen Entschluß zum Verzicht bekanntgeben.

Bei Gesprächen über seine Kandidatur erklärte Lücke mit Zustimmung seines Förderers Adenauer, er wolle auch als Parteichef weiter Innenminister bleiben. Eine solche Lösung fand jedoch sogar der stets auf Parteifrieden bedachte, ebenfalls katholische Unions -Obmann Heinrich Krone politisch unmöglich: Keinesfalls könne ein CDU -Vorsitzender in einem Kabinett sitzen, dem Kanzler Erhard mit seiner Richtlinien-Kompetenz vorsteht.

So kam als neuer Kandidat der vom Kabinettszwang freie, ebenfalls katholische Fraktionschef Rainer Barzel, 41, ins Rennen. Er stammt wie Dufhues aus dem Landesverband Westfalen. Der Fraktionsmanager mußte aber bald erkennen, die Partei werde einem »jungen Mann wohl nicht eine Machtfülle geben, wie sie in der Führung der Partei und ihrer Bundestagsfraktion liegt: Es gibt ein unartikuliertes stop-Barzel-now-movement«. Deshalb legte er bereitwillig ein weiteres Treuebekenntnis zu Erhard ab: »Meine eigentliche Aufgabe liegt in der Fraktion; da habe ich genug zu tun.«

Massive Schützenhilfe erhielt Kanzler Erhard letzte Woche aus dem Südwesten. Die Chefs aller vier baden württembergischen CDU-Landesverbände, unter Führung des zeitweilig als Bewerber genannten Stuttgarter Ministerpräsidenten Kurt-Georg Kiesinger, sprachen sich einhellig für Erhards Berufung an die Parteispitze aus.

Dennoch war es bis zum Ende der letzten Woche nicht sicher, ob der Regierungschef die von ihm selbst als Voraussetzung genannte breite Zustimmung unter den Parteitags-Delegierten finden würde. Immerhin zeichnete sich auch unter den norddeutschen Landesverbänden eine Mehrheit für Erhard ab.

Um konfessionelle Schwierigkeiten auszuräumen, hatten die südwestdeutschen »Oberkatholiken« (Krone) angeregt, einem Parteichef Erhard einen katholischen Generalsekretär, wie etwa den Schwaben Bruno Heck, an die Seite zu stellen.

Am vergangenen Mittwochabend empfing Ludwig Erhard, gestärkt durch die Nachrichten aus Baden-Württemberg, seinen möglichen Rivalen Paul Lücke zur Aussprache im Palais Schaumburg. Der Innenminister versicherte seinem Kanzler, er wolle auf jeden Fall im Kabinett bleiben. Zu einer Kandidatur für den Parteivorsitz habe er sich noch gar nicht entschlossen, und zur Kampfabstimmung gegen Erhard werde er bestimmt nicht antreten.

Kanzler und Minister besprachen einen Kompromiß, den einen Tag später auch die beiden nordrhein-westfälischen Landesvorsitzenden bei einem Treffen in Freudenstadt im Schwarzwald erörterten, wo der Rheinländer Grundmann seinen Kollegen Dufhues während dessen Kur besuchte: Um dem natürlichen Anspruch des Regierungschefs auf die Parteiführung und auch dem katholischen Verlangen nach angemessenem Einfluß in der CDU-Spitze gerecht zu werden, könnte Kanzler Erhard für den Parteivorsitz, Innenminister Lücke für den Posten eines Geschäftsführenden Vorsitzenden und Familienminister Heck für das neu zu schaffende Amt eines Generalsekretärs kandidieren.

Die Gesprächspartner vereinbarten, es zu erwägen. Festlegen mochte sich niemand.

Süddeutsche Zeitung

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