Hausmitteilung Streitgespräch
Datum: 3. Dezember 1984 Betr.: Streitgespräch Wenn der SPIEGEL Personen, die scharf kontroverse Ansichten oder Positionen vertreten, zu SPIEGEL-Streitgesprächen zusammenbringt, stellt er seine eigenen Präferenzen hintan und beschränkt sich weitgehend auf die Rolle des Moderators. So war es zum Beispiel, als der Gewerkschafter Hensche mit dem Unternehmer Kirchner über Aussperrung stritt, die Mediziner Hackethal und Rothauge über Prostata-Krebs eiferten, der FDP-Innenminister Baum mit dem Ex-Terroristen Mahler sprach.
Letzte Woche saßen der CDU-Familienminister und Generalsekretär Heiner Geißler und der Grüne Joschka Fischer, Ex-Sponti und Ex-Straßenkämpfer, zum Streitgespräch am Tisch des Bonner SPIEGEL-Büros. Es seien, meinte Fischer, »nicht gerade zwei Welten«, die da aufeinanderträfen, »aber zwei politische Kulturen«. Und Geißler räumte ein: »Es gibt in meiner eigenen Partei und anderswo so Berührungsängste.«
Den CDU-Politiker Geißler reizte es, sich mit den Grünen und ihrer der CDU »diametral entgegengesetzten Konzeption« auseinanderzusetzen. Dennoch mußte das verabredete Streitgespräch mehrmals verschoben werden, so zum Beispiel, als MdB Fischer sich am Bundestagsvizepräsidenten Stücklen verbal vergriffen hatte ("Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch").
Auch als Geißler und Fischer jetzt, vom SPIEGEL moderiert, über ihr unterschiedliches Verständnis von Demokratie und Rechtsstaat, Wirtschaftsordnung und Massenvernichtungsmitteln stritten, gab es Anwürfe. Doch es kam auch zu Annäherungen und Bekenntnissen. Fischer erzählte, er habe in Frankfurt zu den »jungen Hausbesetzern« gehört, »und es war eine Vielzahl von Rechtsbrüchen, die da begangen wurde«. Geißlers Mitteilung, »selber Mitglied einer Bürgerinitiative« gewesen zu sein, quittierte Fischer: »Ganz hervorragend. Aber dann würde ich nicht so blöd argumentieren, wie Sie es gerade gemacht haben« (Seite 66).