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BARZEL Taffer Mann

• aus DER SPIEGEL 41/1970
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit dem dritten Frühstart hofft Rainer Barzel endlich sein Ziel zu erreichen: das Kanzleramt.

Als erster aus der christdemokratischen Kandidatenriege meldete der CDU/CSU-Fraktionschef am vorletzten Wochenende auf dem Deutschlandtag der Jungen Union in Braunschweig öffentlich seinen Führungsanspruch an.

Parteichef Kiesinger werde, so Barzel, »wegen der großen Arbeit an CDU-Reform und CDU-Programm« möglicherweise nicht Kanzler werden, »wenn wir in diesem oder im nächsten Jahr wieder die Regierung übernehmen«. Dieses Konzept einer Trennung von Kanzlerschaft und Parteivorsitz paßt nur einem einzigen Kandidaten Rainer Barzel.

Er weiß, daß er nur dann eine sichere Chance hat, Kanzlerkandidat der Union zu werden, wenn die Regierung Brandt vorzeitig stürzt und die auf Barzel eingeschworene Bundestagsfraktion die Entscheidung treffen müßte.

Auf einem Parteitag hingegen, der den Unions-Vorsitzenden wählt, würden dem Fraktionschef seine Meriten als parlamentarischer Oppositionschef weniger nützen, dafür müßte er sich sein Negativ-Image beim Wahlvolk vorhalten lassen. Bisher neigten die Delegierten stets dazu, sich ihren Führer vornehmlich nach dessen Eignung als Wahllokomotive auszusuchen.

Mit seinem Anlauf in Braunschweig geht Barzel allerdings ein Risiko ein denn schon zweimal zuvor waren ihm Fehlstarts unterlaufen, die sein Ansehen in der Partei verdunkelten.

Vor vier Jahren, im Herbst 1965, stellte sich Barzel öffentlich als getreuer Erhard-Paladin dar ("Ludwig Erhard ist und bleibt Bundeskanzler'), betrieb jedoch hinter dem Rücken des ahnungslosen Chefs seine eigene Kandidatur für die Nachfolge. Noch lange hing ihm in der CDU der Ruf des Kanzlerkillers an, und bei der Feier von Erhards 70. Geburtstag im Februar 1967 brüskierte der Jubilar den Fraktionschef durch Mißachtung.

Beim Berliner CDU-Parteitag im November 1968 -- zehn Monate vor der Bundestagswahl -- nutzte Barzel den Unmut der Delegierten über ein defätistisches Referat des Parteivorsitzenden und Kanzlers Kurt Georg Kiesinger ("Wie gerne würde ich Sie mit dem Banner in der Hand in die Schlacht führen, aber ich kann es nicht"): Tags darauf stilisierte sich der derzeitige Fraktionschef in einer aggressiven Rede mit versteckten Angriffen auf den grippekranken Kanzler-Darsteller als jugendlicher Parteiheld.

Doch Barzels Coup mißlang. Kiesinger grollte ("Das muß man sich merken, ganz gut merken"), und mit seiner Parteitags-Schlußrede gewann der Kanzler die Delegierten wieder für sich und ließ Rainer Barzel als heimtückischen Heckenschützen erscheinen. Indes, die Aussichten für Barzels neuerlichen Griff nach der Kanzler-Macht scheinen heute besser als früher.

Als feste Größe in seiner Politplanung ist eine bevorstehende Krise der sozialliberalen Koalition eingebaut. Barzel rechnet damit, daß Verzögerungen und Mißerfolge in der Ostpolitik, Preissteigerungen und Inflationsfurcht im Innern sowie ein Scheitern der FDP in den Landtagswahlen in Hessen und Bayern spätestens im Frühjahr 1971 zum Zerfall des Bonner Links-Bündnisses führen werden.

Noch im Juni hatte Barzel von solchen Spekulationen nichts wissen wollen und ermahnte Fraktionskollegen, die sich Hilfe von ein paar FDP-Dissidenten für einen Regierungssturz erhofften: »Wir müssen uns auf vier mal 365 Tage und Nächte Opposition einrichten.«

Heute, unter dem Eindruck der unerwartet raschen Erosion der FDP und unter dem Konkurrenz-Druck des aufstrebenden Mainzer CDU-Ministerpräsidenten Helmut Kohl, glaubt der Bonner Fraktionschef schnell zugreifen zu müssen.

Im nächsten halben Jahr halten Barzel und sein Polit-Stab drei Umsturzsituationen für denkbar, die alle ein FDP-Desaster bei den kommenden Landtagswahlen voraussetzen: >Eine Mehrheit der FDP-Bundestagsfraktion könnte unter Führung von Partei-Vize Hans-Dietrich Genscher, der seine Verbindungen zur CDU nie abreißen ließ, aus der Koalition mit den Sozialdemokraten aussteigen und den Bürgerblock mit CDU/CSU wiederherstellen.

* Etwa ein Dutzend rechter FDP-Bundestagsabgeordneter könnte die FDP verlassen und als National-Liberale Fraktion eine Koalition mit der CDU/CSU eingehen.

* Einzelne Rechtsabweichler -- mindestens sieben wären nötig -- könnten als fraktionslose Abgeordnete einen CDU-Kanzler Barzel mitwählen und dann eine CDU/CSU-Minderheitsregierung tolerieren. Selbst mit einer Stimme Mehrheit bei der Kanzlerwahl will Rainer Barzel neuerdings ein christdemokratisches Regierungsexperiment wagen.

Um die Partei soll sich dann, so wäre es Barzel am liebsten, der nordrheinwestfälische Oppositionsführer Heinrich Köppler kümmern.

Sollte jedoch das kurzfristige Konzept für den Machtwechsel scheitern, will Barzel auf die alte Unions-Maxime zurückkommen, daß die CDU den Mann, den sie als Kanzler sehen will, auch zum Parteichef macht.

Auf dem ordentlichen CDU-Parteitag im Herbst 1971, wo die Union einen neuen Parteivorsitzenden und damit gleichzeitig den Kanzlerkandidaten für 1973 -- bestimmen soll, will Barzel sich bewerben.

Sein Popularitäts-Minus hofft er durch ein Leistungs-Plus ausgleichen zu können. Ein abfälliges Urteil des Sozialpsychologen Alexander Mitscherlich, der Barzel als Typ eines Angestellten, der »befördert werden will«, qualifizierte, möchte er vor den Delegierten zum Erfolgsrezept ummünzen: In der Leistungsgesellschaft seien »Vaterfiguren« nicht mehr gefragt, sondern »dynamische, taffe Männer, die arbeiten und Ideen haben«.

Doch wie immer es um die Beförderungschancen des Angestellten Barzel steht, seinen ersten Auftritt als Kanzler hat der Frühstarter schon konzipiert. Er will dem deutschen Volk nicht herrliche Zeiten versprechen, sondern -- nach Churchill-Vorbild -- Blut, Schweiß und Tränen.

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