»Tiefer Einschnitt«
SPIEGEL: Herr Bundeskanzler, hätten Sie es für möglich gehalten, dass die Deutschen beim Blick auf ihren Mittagsteller eines Tages überlegen müssen: Hoffentlich ist nichts verseucht?
Schröder: Wir reden hier tatsächlich über einen tiefen Einschnitt, der im Bewusstsein der Menschen völlig zu Recht tiefe Spuren hinterlassen wird.
SPIEGEL: Ist die industrielle Landwirtschaft in Deutschland gescheitert?
Schröder: BSE wird eine veränderte, verbraucherorientierte Landwirtschaft erzwingen. Das halte ich für ausgemacht. Ich sehe nicht, wie sonst auf Dauer wieder Vertrauen hergestellt werden kann. Ich teile nicht die Hoffnung derer, die sagen, in einem halben Jahr sei alles das schon wieder vergessen.
SPIEGEL: Was wollen Sie ändern?
Schröder: Auf jeden Fall wäre es falsch, wenn wir uns mit der Bekämpfung von Symptomen zufrieden gäben. Die Landwirtschaft muss eine Perspektive jenseits der Agrarfabriken entwickeln. Es muss Schluss sein damit, dass die Subventionen für die Landwirtschaft die industrielle Massentierhaltung bevorzugen. Und ich weiß, dass Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke das genauso sieht.
SPIEGEL: Und was heißt das konkret?
Schröder: Wir müssen zum Beispiel Vertragslandwirtschaft verstärkt realisieren. Bei der Produktion von Fleisch muss jeder zurückverfolgen können, woher das Produkt kommt. Die Vermarktungskette muss für den Konsumenten transparent sein. Es gibt so etwas in allen Bundesländern, aber nur für vereinzelte Betriebe, die Vermarktungsketten aufgebaut haben. Dies ist die richtige Richtung, zum Vorteil für Landwirtschaft und Verbraucher.
SPIEGEL: Die Vorstellung, dass künftig die Leute ihr Fleisch bei teuren Bio-Bauern kaufen, erscheint ziemlich unrealistisch.
Schröder: Natürlich soll und muss man die Bio-Orientierung der Landwirtschaft ausbauen. Aber sie wird nicht die Ernährungsbasis für die breiten Schichten der Bevölkerung, also für die Durchschnittsverdiener, sein. Das heißt aber überhaupt nicht, dass man zulassen darf, dass ungesundes Fleisch auf die Theke kommt. Wir dürfen nicht zulassen, dass billigeres Fleisch die Gesundheit gefährdet.
SPIEGEL: Aber die Vision von kleinen bäuerlichen Familienbetrieben bedeutet, dass das Fleisch erheblich teurer wird.
Schröder: Der Ansatz, Familienbetriebe zu fördern, ist auf jeden Fall richtig. Gleichwohl wird man den Strukturwandel in der Landwirtschaft nicht aufhalten können. Strukturwandel ist das eine, Qualitätsorientierung das andere. Beides muss zusammenkommen. Es ist nun einmal so, dass die Verbraucher nur bedingt bereit sind, für gesunde Nahrungsmittel auch entsprechende Preise zu zahlen. Trotzdem muss ich als Verbraucher akzeptieren, dass sich der Preis für gesundes Fleisch künftig an der Ladentheke niederschlägt. Anders geht es nicht in einer Marktwirtschaft.
SPIEGEL: Warum gehen Sie bei der Kennzeichnungspflicht für Fleisch in Europa nicht national voran?
Schröder: Genau dies tun wir. Deutschland ist Vorreiter einer raschen Umsetzung der lückenlosen Kennzeichnungspflicht für Rindfleisch. Weil es noch nicht europaweit durchgesetzt werden kann, machen wir es national.
SPIEGEL: Schmeckt die Roulade noch?
Schröder: Ich würde sie essen. Ich bin sowieso, was diese Frage angeht, großzügiger als andere, vielleicht auch unbedachter; das will ich nicht bestreiten. Und ich würde sie allemal essen, wenn sie zu Hause gekocht wird.
SPIEGEL: Sie werden also auch in Zukunft auf Ihre Currywurst nicht verzichten?
Schröder: Die Currywurst wird weiter gegessen - aber ich will künftig wissen, wo sie herkommt.