Hausmitteilung Titel / Wallraff / Gema
Diez
Foto: TEUTOPRESS / IMAGODer Mann, den SPIEGEL-Redakteur Georg Diez auf einem Industriegelände in Moskau traf, machte einen unruhigen, gehetzten Eindruck, er sah gebeugt aus, ausgemergelt, wie eine russische Revolutionsfigur: Pjotr Wersilow, dessen Frau gerade im Pussy-Riot-Prozess vor Gericht steht, kommt in diesen Tagen kaum zum Schlafen, weil er über Twitter und Facebook Kontakt zur Welt hält. Gemeinsam mit Walter Mayr und dem Moskau-Korrespondenten Matthias Schepp beschreibt Diez in der Titelgeschichte den Wandel Russlands unter Putin zum repressiven Staat. Diez hatte Wersilows Frau Nadeschda Tolokonnikowa bereits im Februar in Moskau kennengelernt, als er sich mit fünf der Pussy-Riot-Aktivistinnen konspirativ in einer Buchhandlung traf. Die Frauen trugen bunte Strickmasken, Löcher für Augen und Mund hatten sie mit einer Schere hineingeschnitten. Für ihn, sagt Diez, seien die Aktionen der jungen Frauen damals »eher Spiel als Ernst« gewesen (zum Artikel ).
Wersilow
Foto: JAN LIESKEMit seinen Enthüllungsreportagen wurde Günter Wallraff zum Gewissen der Republik. Dabei war er mehr Aktivist und weniger Journalist, Kritik an seinen Methoden gibt es seit langem. So umfassend und gut dokumentiert wie jetzt aber waren sie bislang nie. Die Vorwürfe gegen Wallraff erhebt sein ehemaliger Sekretär, der Methoden seines Arbeitgebers anwandte und nun behauptet, dass im Enthüllungsunternehmen einiges nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. SPIEGEL-Redakteur Christoph Scheuermann hat gemeinsam mit Holger Stark, Sven Becker und Fidelius Schmid Hunderte Seiten vertraulicher Dokumente gesichtet. Wallraff, so sieht es aus, soll Helfer zu Niedriglöhnen beschäftigt und das Geld ohne Beleg bar gezahlt haben. Sogar von manipulierten eidesstattlichen Versicherungen ist die Rede - und von einem Ghostwriter, der für Wallraff geschrieben habe. Wallraff streitet die meisten Vorwürfe ab und verweist auf die angebliche Unzuverlässigkeit seines ehemaligen Sekretärs (zum Artikel ).
Bei ihrer Recherche über die Gema - die »Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte« - fühlten sich die SPIEGEL-Redakteure Wiebke Hollersen und Jochen-Martin Gutsch oft, als beträten sie einen fernen Planeten. Sie wurden konfrontiert mit dem Abrechnungstarif M-U III 1c, Kompositionsanmeldungen aus dem Jahr 1927, dem »Discotheken-Topf« und Methoden wie der »earischen Auswertung«. Die Gema kontrolliert auch das öffentliche Abspielen von Musik und zieht dafür Gebühren ein. Aber was heißt »öffentlich«? Ein Gema-Mitarbeiter klärte Gutsch darüber auf, dass auch private Geburtstagspartys darunterfallen können, sofern eine gewisse Gästezahl überschritten wird. Für Gutsch eine unangenehme Erkenntnis. »Ich habe oft solche Partys gemacht, aber nie Gebühren gezahlt«, sagt Gutsch. »Ich habe offenbar schwarzgefeiert« (zum Artikel ).