»Tot oder lebendig« - DER SPIEGEL
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IRAN »Tot oder lebendig«

Resa Saberi, 68, über den Hungerstreik seiner Tochter Roxana, 32, die in Teheran wegen angeblicher Spionage zu acht Jahren Haft verurteilt wurde
• aus DER SPIEGEL 19/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Saberi, wann haben Sie Ihre Tochter das letzte Mal gesehen?

Saberi: Am Dienstag hatte Roxanas Anwalt einen Termin mit ihr, und ich habe ihn begleitet. Ich durfte für etwa eine halbe Stunde neben Roxana sitzen, habe ihre Hand gehalten. Psychisch ist sie stark und kämpferisch. Sie weiß, dass sie unschuldig ist, und das gibt ihr Kraft. Körperlich ist sie geschwächt durch ihren Hungerstreik.

SPIEGEL: Die Teheraner Justiz hat bestritten, dass Ihre Tochter tatsächlich die Nahrung verweigert.

Saberi: Meine Tochter ist eine sehr entschlossene Frau. Sie hat gesagt, dass sie aus dem Gefängnis raus will - »tot oder lebendig«. Als ihre Eltern nehmen wir das sehr ernst und sind in großer Sorge. Meine Frau und ich versuchen, Roxana diese Aktion auszureden. Meines Wissens trinkt sie aber seit über zehn Tagen nur noch Wasser, versetzt mit etwas Zucker.

SPIEGEL: Wie oft haben Sie Kontakt?

Saberi: Regulärer Besuchstag für uns Eltern ist der Montag. Am Samstag darf sie uns anrufen, entweder auf meinem Mobiltelefon oder unter ihrer eigenen Festnetznummer, denn wir leben seit unserer Ankunft aus den USA in ihrer Teheraner Wohnung. Auch durften wir sie am Sonntag, dem 26. April, besuchen. Das war ihr Geburtstag. Meine Frau und ich haben ihr Blumen gebracht ...

SPIEGEL: ... und gehofft, dass sie Roxanas nächsten Geburtstag unbeschwert in den USA feiern können?

Saberi: Zumindest hoffen wir, dass die Revisionsverhandlung in wenigen Wochen stattfindet und dass die Strafe reduziert wird. Vielleicht gibt es sogar einen Freispruch. Dass Präsident Mahmud Ahmadinedschad die Staatsanwaltschaft aufgefordert hat, den Fall noch einmal sorgsam zu betrachten, könnte Roxana helfen. Wir überlegen auch, den Revolutionsführer Ali Chamenei um Gnade zu bitten.

SPIEGEL: Sehen Sie Ihre Tochter als Opfer politischer Machtkämpfe in Teheran oder auch des Konflikts zwischen Iran und den USA?

Saberi: Es kann sein, dass Roxana die doppelte Staatsbürgerschaft als Iranerin und US-Amerikanerin zum Verhängnis geworden ist. Sie selbst wollte deshalb einen weiteren Anwalt, der sich mit politischen Verfahren auskennt, und so haben wir Frau Schirin Ebadi ...

SPIEGEL: ... die prominenteste Anwältin Irans und Friedensnobelpreisträgerin ...

Saberi: ... angesprochen. Doch es gab persönliche Differenzen zwischen dem Staatsanwalt und dem Anwalt ihrer Kanzlei. Frau Ebadi selbst hält sich im Ausland auf. Deshalb ist die Zusammenarbeit beendet. Wir sehen uns jetzt nach einem neuen zusätzlichen Anwalt um, der sich mit politischen Prozessen besser auskennt.

SPIEGEL: Durchschauen Sie inzwischen die verschiedenen Vorwürfe gegen Ihre Tochter?

Saberi: Der verbotene Erwerb von Alkohol, über den viel berichtet wurde, ist nicht Gegenstand des Verfahrens. In ihrem ersten Anruf bei mir hatte Roxana gesagt, sie sei wegen des Kaufs einer Flasche Wein verhaftet worden. Sie war aufgefordert worden, mir dies als Begründung für ihre Verhaftung am 31. Januar zu erzählen.

Es stimmt auch nicht, dass Roxana als Journalistin ohne Akkreditierung vom Erschad, der Behörde für Kultur und islamische Führung, recherchiert hat. Sie hat lediglich Artikel aus der iranischen Presse übersetzt sowie zusammengefasst. Diese Berichte hat sie dann nach Amerika geschickt. Zum offiziellen Anklagepunkt Spionage hat unser Anwalt keine wirklich überzeugenden Beweise gesehen.

SPIEGEL: Haben Sie mit Ihrer Tochter schon besprochen, wie es nach dem Revisionsurteil weitergehen soll?

Saberi: Wir hoffen auf ihre Entlassung, möglichst noch vor der Präsidentschaftswahl am 12. Juni. Für diesen Fall wird unsere Tochter Iran so schnell wie möglich verlassen - wahrscheinlich für immer.

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