Typ Landpfarrer - DER SPIEGEL
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CDU/NRW Typ Landpfarrer

In der nordrhein-westfälischen CDU hat Oppositionsführer Kurt Biedenkopf einen Rivalen bekommen. Der Rheinländer Bernhard Worms kommt mit der Partei viel besser zurecht.
• aus DER SPIEGEL 47/1981
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Morgens um 6.20 Uhr joggt er im Stadion, abends im Bett liest er Plato oder was über die Sumerer. Es ist »ja immer gut, wenn man für seine Reden eine ganze Fülle von Sprüchen parat hat«.

Seine »innere Kraft« schöpft er »aus der Geschichte meines Volkes« und »aus meinem Glauben«. Beim Kardinal von Köln hat er »jederzeit Zutritt«, denn zuweilen »braucht die Eminenz meinen Rat«.

Bernhard Worms, 51, ein Christdemokrat mit rechten Werten, ist auf dem Weg nach oben. Am vorletzten Wochenende wählten ihn 432 von 488 Delegierten zum zweitenmal an die Spitze des CDU-Landesverbandes Rheinland (132 000 Mitglieder).

Der CDU-Vorsitzende und Worms-Förderer Helmut Kohl lobte seinen Schützling nach dem Sieg: »Ein beispielhafter Geist, unverdrossen, fleißig; ein Freund, auf dessen Wort man sich verlassen kann.« Der Vorsitzende später im kleinen Kreis: »Der hat das Zeug für was Größeres.«

Selbst den in Nordrhein-Westfalen regierenden Sozialdemokraten fällt nichts richtig Böses zu ihm ein. Im Gegenteil, die Parteizeitung »Vorwärts« vergleicht ihn sogar mit dem SPD-Superstar: Worms sei »ein Sympathie-Magnet mit dem Anziehungswert eines Johannes Rau« - das gelungene Kontrastprogramm zum CDU-Oppositionsführer Kurt Hans Biedenkopf, der sich in der CDU so ziemlich mit allen überworfen hat, den keiner so recht leiden mag.

Ganz anders Aufsteiger Worms, an den sich die Parteigrößen als loyalen Mitarbeiter schnell gewöhnt haben, mit dem sie besser klarkommen als mit dem arrogant auftretenden Professor.

Dabei war »dä leeven Bernhard«, Diplom-Kaufmann und Dr. rer. pol. aus Pulheim bei Köln, bis vor einem Jahr vorwiegend im Pulheimer Sportclub bekannt. Als Erftkreis-Landrat, Vorsitzender des Braunkohlenausschusses und Mitglied im Bezirksplanungsrat wirkte er als einer, der dauernd auf Achse ist und viele Leute kennt.

Worms fühlte sich frühzeitig zu Höherem berufen. Doch erst mal wies ihm die Partei die Ochsentour: 1964 wurde er persönlicher Referent des NRW-Ministerpräsidenten Franz Meyers, 1968 kam er in den Vorstand der CDU Rheinland, 1970 wurde er Landtagsabgeordneter. Seine Forderung an den damaligen Parteichef Heinrich Köppler, ihn angesichts der miserablen Lage der Landes-CDU zum Generalsekretär zu ernennen, scheiterte am Widerstand der Westfalen. Im Landtag hatte Worms seinen Spitznamen weg: Köpplers Küster.

Als Köppler letztes Jahr gestorben war, hätten die Rheinländer lieber einen bereits populären Kandidaten gehabt. Rainer Barzel, Heiner Geißler und Walther Leisler Kiep waren im Gespräch.

Barzel schied aus, weil seine Frau krank war und Kohl gegen ihn stänkerte, Geißler und Kiep wollten nicht. Der Pulheimer Landrat empfahl sich bei der Kandidaten-Kür als idealer Platzhalter: »Ihr wählt einen«, so stellte er sich den Delegierten vor, »der sich unter jeder Gemeinde im Rheinland etwas vorstellen kann; der in jeder Gemeinde die Grundprobleme und die handelnden Personen kennt.«

Akteure kennt er auf allen Ebenen, auch bei den Sozialdemokraten. Bundespostminister Kurt Gscheidle (SPD) persönlich genehmigte ihm einen »Sonderauftrag«, weil Worms wegen politischer Verpflichtungen für sein Amt als Abteilungspräsident der Oberpostdirektion Düsseldorf keine Zeit mehr fand.

Für 89 000 Mark Jahresgehalt soll er, bei freier Arbeitszeit und ohne Anwesenheitspflicht, bis 1982 ein Gutachten S.47 ("Überprüfung des Systems der Kostenermittlung im Hoch- und Tiefbau der Deutschen Bundespost") abliefern. Rund 88 000 Mark jährlich bezieht er daneben als Landrat, aus Kreistags- und Landtagsdiäten.

Doch Worms sorgt nicht nur für sich selbst, er denkt auch an andere. Dem Ministerpräsidenten Johannes Rau, SPD, schlug er vor, in jedes Ministerium einen hohen CDU-Beamten zu setzen. Im Gegenzug werde sich die Union anderswo erkenntlich zeigen.

Die Situation, die der neue Vorsitzende Worms in der Partei vorfand, war schwierig. Traditionsgemäß konkurrieren die christdemokratischen Stämme aus Rheinland und Westfalen. Die Spitzenpositionen in der nordrhein-westfälischen CDU hatte nach Köpplers Tod Worms'' Rivale Biedenkopf besetzt, seit 1977 Landeschef der CDU Westfalen-Lippe und im Schattenkabinett Köpplers einst als Wirtschaftsminister vorgesehen.

Aber der Wirtschaftsprofessor, alles andere als eine Integrationsfigur, schien bereits nach wenigen Wochen am Ende. Nach der verlorenen Landtagswahl im vergangenen Jahr warfen die Abgeordneten ihrem Spitzenmann »Gefühlskälte, Überheblichkeit und politischen Feudalismus« vor. Biedenkopf hatte die CDU-Parlamentarier erst mal nach dem Abc zu sich bestellt und sie wie ein richtiger deutscher Professor in ihre Arbeit eingewiesen.

In den 27 westfälischen Kreisverbänden zwischen Minden und Bottrop, klagen die Parteifreunde, lasse er sich zu wenig sehen. »Wenn Sie, wie Biedenkopf, in Düsseldorf wohnen«, so hält auch Worms ihm vor, »können Sie nicht den Landesverband Westfalen führen. Wie will der denn abends mal ein Bier mit denen trinken und das ganze Fluidum mitkriegen?«

Der Professor gibt sich in der Provinz auch schon bescheidener. Als ihn sein westfälisches Fußvolk im Juli mit 78 Prozent der Delegiertenstimmen wiederwählte, bedankte er sich artig: »Darf ich sagen, ich bin glücklich?«

Zwei Jahre zuvor hatte er nur 61 Prozent bekommen. Die CDU-nahen »Westfälischen Nachrichten« formulierten, was die Mehrheit in der Partei dachte: »Mit diesem Vorsitzenden können wir in keine weitere Wahl in Nordrhein-Westfalen gehen.«

Inzwischen gibt es unter den beiden Spitzenleuten die ersten öffentlichen Hakeleien. Als Worms eine Verfassungsklage beim Landesverfassungsgericht forderte, um die SPD-Gesamtschulpläne zu durchkreuzen, blockte ihn Biedenkopf ab. Und als Biedenkopf vor dem Hamburger CDU-Bundesparteitag behauptete, er habe seine neuen Thesen zur Abrüstungsstrategie der Nato mit Worms abgesprochen, dementierte der rheinische Vorsitzende: »Unwahr«.

Biedenkopfs Probleme mit dem aufstrebenden Konkurrenten beginnen schon beim Terminplan. Während Worms stets eine Kopie seiner Besuchs- und Reisepläne in Biedenkopfs Büro bringen läßt, hält sich der Oppositionsführer bedeckt. Daß der Vorsitzende ein Vier-Augen-Gespräch mit NRW-Ministerpräsident Johannes Rau vereinbart hatte, erfuhr Worms erst, als die Düsseldorfer Staatskanzlei die plötzliche Absage Biedenkopfs publizierte. Sein Büro hatte im letzten Augenblick entdeckt, daß zur gleichen Zeit der Parteitag der Rheinischen CDU stattfand.

Trotz aller Vorbehalte in den eigenen Reihen ist für den Oppositionsführer S.50 klar, daß er bei der nächsten Landtagswahl 1985 wieder der Spitzenmann sein wird. Biedenkopf: »Ich will für die Union die Wahl gewinnen.«

Für Worms wiederum ist das längst noch nicht ausgemacht. Zwar ziert er sich, seinen eigenen Anspruch offen anzumelden, weil er das zum jetzigen Zeitpunkt für eine politische Dummheit hielte: »Ich mache meine Arbeit und warte ab.«

Die Zeit arbeitet ohnehin für Worms. Biedenkopf, so darf er hoffen, wird sich treu bleiben und bei nächstbester Gelegenheit auch mit denen anlegen, deren Stimmen er braucht. Worms weiß hinter sich einen richtigen »Freund«, den er ehrfurchtsvoll »Herr Doktor Helmut Kohl« nennt.

Dem CDU-Bundesvorsitzenden wiederum kommt der brave Bernhard Worms gerade recht. Für Kohl ist Worms keine Gefahr, dafür um so mehr für den Pfälzer Biedenkopf, dem der Pfälzer Kohl in aufrichtigem Haß verbunden ist.

Er kann nicht verwinden, daß Biedenkopf ihn als Kanzlerkandidaten nicht wollte und 1979 in einem Memorandum Kohls Rücktritt vom Fraktionsvorsitz forderte. Seither zwickt Kohl den kleinen Professor, wo er kann: »Strafe muß sein.« Vorteil für Worms.

Hinter sich weiß Worms auch »die Stimmung im Lande": Gefragt ist derzeit weniger der allwissende Theoretiker, der über die Köpfe der Leute hinwegredet, sondern eher der Typ Landfahrer und Landpfarrer, mit dem man auch mal klönen kann.

Ein politischer Visionär ist der strenggläubige Katholik von Pulheim sicher nicht, ganz zu schweigen von Originalität. Er sei, charakterisiert Worms sich selber, »nicht der Mann, der analytisch abstrahierend in Grundformeln etwas absondert«, sondern einer, der das beherzigt, was auch Kohl seinen Provinzfürsten empfiehlt: »Keine Experimente.«

Aber »genau das«, hat Gerd Wendzinski, der SPD-Fraktionsvize im Düsseldorfer Landtag, schon erkannt, macht Worms »für die SPD weit gefährlicher als Biedenkopf«.

S.47Als Modell für den Maler Franz Josef Blaschke.*

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