Verhängnisvolle Ohnmacht - DER SPIEGEL
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NAHOST Verhängnisvolle Ohnmacht

Gefährlicher Funkenschlag aus den Autonomiegebieten: Der Aufstand der Palästinenser gegen Israel bringt auch die Herrscher in den Bruderstaaten in Bedrängnis. Eine neue Vermittlungsinitiative soll die Welle der Gewalt brechen.
• aus DER SPIEGEL 23/2002
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Auf den ersten Blick sah es aus wie das übliche Strohfeuer der Empörung in den Hauptstädten Arabiens: In Amman ging Königin Rania auf die Straße, ernst und schön wie immer, sparsam geschminkt und ein Palästinensertuch um die Schultern. In Kairo folgten ägyptische Studenten ihrem Beispiel und marschierten wütend auf die israelische Botschaft am Nilufer zu. In der Altstadt von Damaskus fasste sich die Besitzerin des Nobelrestaurants »Oxygen« ein Herz und warf den amerikanischen Konsul in Syrien aus ihrem Lokal.

Doch anders als in all den Jahren zuvor wich die Flut der Empörung und Solidarität, die der israelische Einmarsch in die Autonomiegebiete ausgelöst hatte, diesmal nicht zurück. Erstmals schienen die Monarchen und Präsidenten von Marokko bis an den Golf, durch den Nahost-Konflikt an Aufwallungen ihrer Völker gewöhnt, nicht mit ihrem altbewährten Rezept davonzukommen: das staatliche Sicherheitsventil ein wenig zu öffnen, um dem Druck der Straße nachzugeben.

Mehr als je zuvor sehen die Potentaten ihre Machtbastion bedroht, da sich die Empörung der arabischen Massen über Israels harte Vergeltungsstrategie immer mehr gegen ihre eigenen Regime richtet: Sollten die Araberführer diesmal tatsächlich mit Volkszorn aus den eigenen Reihen für ihre - selbst verschuldete - Ohnmacht im Palästina-Konflikt zahlen? Könnte der Aufstand gegen die im Palästina-Konflikt über Eitelkeiten und Eigeninteressen zerstrittenen Herrscher gar ihre eigenen Paläste erschüttern?

Die Prognose ist düster: Seit vier Wochen ist Palästinenser-Chef Jassir Arafat wieder auf freiem Fuß, aber die Protestwelle ebbt nicht ab. Bedrohlicher noch: Während Israels Armee nach einem Selbstmordattentat in Tel Aviv vergangene Woche erneut nach Betlehem, Hebron und in andere Städte des Westjordanlands einrückte, griff die Wut in den arabischen Kernländern auf Kreise über, die bislang wahrlich nicht zu politischen Kundgebungen neigten.

So folgte in Damaskus dem teuren »Oxygen« das noch teurere »Mondo«, das plötzlich keine Amerikaner mehr bewirtet - Auftakt zu einer bisher in der syrischen Hauptstadt unbekannten Mobilisierung. In den vornehmen Vierteln von Kairo stellen sich junge Ägypter vor Fitnessclubs zum »Solidaritäts-Training für Palästina« an, auf Fenstern und Autoscheiben prangen Abziehbilder der Palästina-Flagge.

»Wer für Palästina marschiert, marschiert für sich selbst«, fasst der syrische Philosoph und Zeitkritiker Sadik al-Asm das unausgesprochene Credo der wachsenden Bürgerbewegung zusammen (siehe Seite 129). Jahrzehntelang sei die Entstehung einer arabischen Zivilgesellschaft von oben verhindert worden, nun formiere sie sich von unten - mit womöglich verhängnisvollen Folgen für die jeweiligen Staatschefs.

»Politische Umbrüche«, warnt der führende Kairoer Publizist Mohammed Sid-Ahmed, »sind in Ägypten immer überraschend gekommen. Noch eine Woche vorher hat man nichts vorausgesehen.«

Die Führungen spüren den Druck, selbst die staatsnahe Presse der Region schlägt Alarm: Der »beispiellosen Wut in den Straßen der arabischen und muslimischen Länder«, kommentierte das Kairoer Wochenblatt »al-Ahram Weekly«, könne man nicht länger nur mit Rhetorik begegnen - um seinerseits die Rhetorik zu verschärfen:

Bislang habe Ägypten den Jom-Kippur-Krieg von 1973 als seinen »letzten Krieg« betrachtet. Beginne Israel jedoch eine Deportation von Palästinensern oder greife Syrien an, dann könne Kairo nicht abseits stehen: »Wir müssen auf einen Krieg vorbereitet sein, der schon morgen beginnen könnte - aber auch auf einen Frieden, der vielleicht ewig dauert.« Den soll nun eine neue Vermittlungsinitiative retten.

Ein ganzer Reigen westlicher Spitzendiplomaten traf vergangene Woche in der Region ein, um Vorgespräche zu der von den USA, der Europäischen Union, Russland und der Uno geplanten Nahost-Konferenz zu führen. Die Araberstaaten drängen darauf, nicht nur über Details, sondern über die Grundfragen des Konflikts zu beraten - nach dem Vorbild der Friedenskonferenz in Madrid 1991. Deutschlands Außenminister Joschka Fischer, EU-Chefdiplomat Javier Solana, der US-Sonderbeauftragte William Burns und CIA-Chef George Tenet treffen auf neue Realitäten.

Denn genau 35 Jahre nach der arabischen Niederlage im Sechstagekrieg gerät die politische Statik im Nahen Osten ins Wanken. So wenig die Aksa-Intifada der vergangenen anderthalb Jahre die Verhältnisse in den besetzten Gebieten verändert hat - das Machtgefüge der arabischen Staaten untereinander ist nach den Ereignissen von Nablus, Dschenin und Ramallah nicht mehr dasselbe.

Staatsmänner wie der ägyptische Präsident Husni Mubarak, der syrische Staatschef Baschar al-Assad oder der jordanische König Abdullah schätzen zwar weiterhin den Auftritt auf internationalem Parkett - doch zu Hause haben sie längst jenes panarabische Vertrauen verloren, das ihre Vorgänger noch genossen.

Assad, eigentlich ein scharfer Arafat-Kritiker, riskierte sogar eine diplomatische Indiskretion, um seine Ehre als Vorkämpfer Palästinas zu retten: Die Amerikaner, so verriet er vergangenen Donnerstag öffentlich, hätten ihn gedrängt, bei der Suche nach einem Ersatzmann für den missliebigen Arafat zu helfen. Das aber, so Assad, habe er empört zurückgewiesen.

Ägyptens Mubarak wiederum, von US-Präsident George W. Bush seit längerem auf Distanz gehalten, verlangte mit »unerwarteter Nachhaltigkeit«, so der amerikanische Botschafter in Kairo, einen Termin bei dem Führer der letzten verbliebenen Weltmacht. Mit Erfolg. Diese Woche wird Mubarak im Sommersitz des US-Präsidenten erwartet. Dort will der Ägypter für Palästina Flagge zeigen, um an der Heimatfront Boden gutzumachen.

Die lange von Kairo - in Konkurrenz mit Damaskus - beanspruchte Führungsrolle unter den Arabern spielt nach dem Gipfel von Beirut ein anderer: der saudische Kronprinz Abdullah Ibn Abd al-Asis.

Grund für die Verschiebung der Gewichte ist das von den arabischen Völkern als epochal empfundene Versagen ihrer Führungen angesichts der Tragödie Palästinas. Nicht »Solidarität«, »Stolz« und »Kampf« sind seit Wochen die Schlagworte führender Kolumnisten, sondern »Niederlage«, »Depression«, »Paralyse« und »Trauma«. Ein »dröhnendes Echo arabischer Impotenz«, kommentierte kürzlich die Tageszeitung »al-Hajat« eines der vielen folgenlosen Dringlichkeitstreffen arabischer Außenminister.

Die Liste der kritisierten Rücksichtnahmen und ewig verpassten Chancen ist lang, ihre Wirkung auf das arabische Selbstbewusstsein niederschmetternd: 1951 noch war in Syrien ein Büro eingerichtet worden, das eine Warensperre gegen Firmen organisierte, die Handel mit dem soeben gegründeten Staat Israel trieben. Nichts dergleichen wäre heute unter den moderaten Staatsführern denkbar - obwohl der Wunsch der Araber überwältigend ist, sich zumindest symbolisch für die als extreme Ungerechtigkeit wahrgenommenen Zustände in Palästina zu rächen.

Seit Wochen organisieren deshalb Studentengruppen und Solidaritätskomitees eine zivile Kampagne gegen Produkte, hinter denen sie amerikanische Konzerne vermuten. »Mit jedem Groschen, den du für ein US-Produkt ausgibst«, warnen Plakate im Basar von Damaskus, »jagst du deinem Bruder eine Kugel ins Herz.«

Selbst die wenigen Offensiven, für die sich überhaupt eine Mehrheit arabischer Regierungen gefunden hat, verbleiben im Stadium der Absichtserklärung. Eine auf dem Gipfel in Beirut beschlossene Lobbyisten-Truppe, die in den westlichen Kapitalen den Araber-Standpunkt klar machen sollte, ist bis heute nicht aufgebrochen. Angeblich wird noch darüber verhandelt, wer der Delegation angehören soll.

»Die Araber«, stellte der britische Nahost-Experte Patrick Seale jüngst auf einem Mediengipfel in Dubai fest, »haben das wichtigste Terrain, auf dem sie für ihre Sache hätten kämpfen können, längst an den Gegner verloren.«

Dass der ägyptische Präsident und der jordanische König erst gar nicht zum Gipfel von Beirut angereist waren, mochte der kurzfristigen Einsicht entspringen, dass mit einem Durchbruch ohnehin nicht zu rechnen war. Für die Rollenverteilung unter den Araberführern war Mubaraks und Abdullahs Rückzug allerdings folgenschwer.

Jordanien, das den Palästina-Konflikt stets als eine Angelegenheit von existenzieller Bedeutung begriffen hat, offenbarte, dass es seinem König klüger scheint, sich aus diplomatischen Händeln manchmal herauszuhalten. Sein Vater, der Haschemiten-Herrscher Hussein, war noch Risiken eingegangen, als er im Schwarzen September 1970 die PLO vertrieb, 1988 seine Ansprüche auf das Westjordanland aufgab und 1994 Frieden mit Israel schloss.

Ägypten, in den sechziger und siebziger Jahren das unbestrittene Gravitationszentrum der arabischen Welt, entpuppt sich inzwischen als »uncharismatischer Trend-

setter«, wie der deutsche Nahost-Analytiker Volker Perthes glaubt. Die Tage, als Gamal Abd al-Nasser seine Brüder hinter der Fahne des Panarabismus vereinte, sind ebenso Geschichte wie der Epoche machende Auftritt Anwar al-Sadats vor der israelischen Knesset im Herbst 1977.

Als Vermittler ist Präsident Husni Mubarak bei fast jedem außenpolitischen Manöver der arabischen Staaten dabei. Doch seine Aktivitäten verströmen den Charme der Geheimdiplomatie - Begeisterung wie sein Vorgänger Sadat erzielt er selten.

Auch Mubaraks Besuch in den USA wird wieder im Zeichen einer ägyptischzurückhaltenden Agenda stehen: Das Friedensangebot von Beirut soll erneuert, an Syriens Anspruch auf die Golanhöhen erinnert und für Arafat abermals eine Lanze gebrochen werden. »Wir machen bei keiner neuen Nahost-Konferenz mit«, so Mubaraks Berater Ussama al-Bas, »an der nicht auch Arafat teilnimmt. Sollte das auf Ablehnung stoßen, werden wir den Ausschluss Scharons beantragen.«

So glanzlos und vorhersagbar agieren die Erben des Panarabismus, dass nun ein Mann zum Favoriten der gemäßigten Eliten zu werden scheint, der das weder seiner Herkunft, seinem Alter, noch wohl seiner Lebensplanung nach im Sinn hatte. Der saudi-arabische Kronprinz Abdullah, 77, war nach den Anschlägen vom 11. September in die Defensive geraten. Wochenlang ging in Riad die Befürchtung um, die USA könnten ihren Verbündeten Saudi-Arabien, die Heimat von 15 der 19 Attentäter, fallen lassen.

Die Zuspitzung des Konflikts befreite die Saudis von ihrer Sorge. Da sich kein anderer der arabischen Staatschefs nach vorn wagte, nutzte Abdullah die doppelte Chance, die Araber aus ihrer Lethargie zu befreien und gleichzeitig den Ruf seines Landes zu korrigieren.

Das Manöver hinterließ Eindruck auf beiden Seiten. Wie inzwischen aus amerikanischen Quellen bekannt wurde, war dafür nicht zuletzt das impulsive Temperament des Kronprinzen verantwortlich: Ein Fernsehbericht, in dem ein israelischer Soldat zu sehen war, der eine Palästinenserin mit dem Fuß zu Boden drückte, hatte seinen Zorn heraufbeschworen. Abdullah reagierte wie Millionen einfacher Araber auch: »Er flippte aus«, so ein Mitarbeiter - und ließ US-Präsident Bush eine geharnischte Note zukommen.

Harte Worte und ein Draht zum Volksempfinden richten mitunter offenbar mehr aus als die langsamen Mühlen der Diplomatie: Vier bis fünf Tage, so hatte die saudi-arabische Botschaft vermutet, würde sie auf eine Antwort aus dem Weißen Haus warten müssen. Bushs Brief kam 36 Stunden später und war voller Verständnis. BERNHARD ZAND

* Am 5. April vor der Azhar-Universität.* Mit dem Emir von Bahrein.* 1968 mit seinem späteren Amtsnachfolger Anwar al-Sadat.

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