Verrissen - DER SPIEGEL
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Am Rande Verrissen

• aus DER SPIEGEL 47/2000
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Hiermit ergeht nachträglich Anzeige wegen Sachbeschädigung einer Berliner Mauer in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 gegen Unbekannt zu Lasten eines Arbeiter-und-Bauern-Staates. Der Fall ist zwar verjährt, aber aus präventiven Gründen seien damit Nachahmer gewarnt, dass Revolutionen in Deutschland bei derlei Offizialdelikten grundsätzlich zu untersagen sind.

So wie in Kassel, wo eine Revolution Ende August in der erfolgreichen Sachbeschädigung der mitten auf dem Königsplatz stehenden »Treppe ins Nichts« gipfelte. Die hatte der Hamburger Landschaftsplaner Gustav Lange Anfang der neunziger Jahre zurückgelassen und Documenta-Chef Jan Hoet später zum Kunstwerk erhoben. Weil nun die Magistratsspitze, die Mehrheit der Bürger hinter sich, die Treppe kurzerhand abreißen ließ, sollen Oberbürgermeister, Bürgermeister und Baudezernent 400 000 Mark Ordnungsgeld zahlen. Ein Richterspruch mit unübersehbaren Folgen: Solange Märtyrertum in deutschen Politikerkreisen als unbeliebt gilt, wird sich nun kein Volksvertreter mehr zur finalen Tat bereitfinden. Wer aber reißt jetzt noch auf die Schnelle den Palast der Republik ab? Den Big-Brother-Container? Halb Pforzheim? Ganz Hamm? Wer soll nun noch über Nacht 4500 Meter Prora platt machen, 19 Atomkraftwerke, knapp 1100 McDonald's-Restaurants? Reinhard Klimmt wäre der Mann gewesen. Hatte Erfahrung als Bauminister und nichts mehr zu verlieren, ist bald möglicherweise sowieso vorbestraft und sich notorisch keiner Schuld bewusst. Klimmt endlich mal als großer Reißer - wenn man dem Mann bis zum Prozess schon nicht das Vertrauen hätte geben wollen, dann wenigstens einen Bagger. Zu spät.

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