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SPD Viel Fun

Die Jusos bekommen Konkurrenz. Das »Red net« soll bei der Spaß- und Party-Jugend für die SPD werben.
• aus DER SPIEGEL 49/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zum Treffen mit dem SPD-Bundesgeschäftsführer Anfang November durfte der Juso-Bundesvorstand sich an einem Ort versammeln, zu dem er normalerweise keinen Zugang hat - im Präsidiumssaal im 6. Stock des Berliner Willy-Brandt-Hauses. Doch die Ehrfurcht zerstob schnell, innerhalb weniger Minuten ging es hart zur Sache.

Bundesgeschäftsführer Matthias Machnig passt der ganze Verein nicht mehr. »Ihr wollt ein sozialistischer Richtungsverband sein?«, stichelte der Ober-Funktionär. »Ihr könnt das programmatisch, personell und strukturell nicht.« Die Jungsozialisten in der SPD seien »so nicht mehr lebensfähig«. Als Alternative schwebt ihm vor: »Ihr braucht einen Neuanfang.«

Wie der aussehen könnte, verriet Machnig noch nicht. Dabei feilt er schon lange daran, den traditionellen SPD-Nachwuchs ordentlich aufzumischen. Er will den Jungsozialisten mit einem bundesweiten Netzwerk Konkurrenz machen, das vor allem Spaß, Sport und Unterhaltung anbietet.

Anschauungsunterricht hatte der Stratege in Köln genommen, wo junge SPD-Sympathisanten frischen Wind in die letzten Wahlkämpfe brachten. »Red Sox« nannte sich die Truppe, in Anlehnung an die beinahe schon legendären »Rote Socken«-Kampagnen der CDU gegen die Zusammenarbeit von SPD und PDS im Osten. Sie lud zu Disco-Veranstaltungen oder Streetball-Turnieren ein und lockte bis zu 600 junge Leute an.

So wie in Köln sollen nun bundesweit junge SPD-Anhänger aktiv werden, ohne Satzungen und feste Vorgaben und doch netzartig miteinander verwoben. Mit Computer-Wettbewerben und Partys, Musiknächten und Kneipentrips haben sie eine feste Zielgruppe im Visier: die junge Fun-Generation. Am nächsten Wochenende wollen sich in Berlin 100 Jugendliche zur Gründung versammeln. Auch der Name steht schon fest: »Red net« will sich die Truppe nennen.

»Wir wollen junge Menschen Eventorientierter ansprechen«, erklärt Red-Sox-Anführer Christian Joisten, ein 29-jähriger Student, im passenden Jargon. Den Spaß-Sozis der neuen Party-Generation, so heißt es im vertrauten SPD-Polit-Deutsch in der Einladung zur Gründungskonferenz, müsse es insbesondere um die Fähigkeit gehen, »die Sprache der Jugend zu sprechen und sich auf gleicher Augenhöhe zu begegnen«.

Davon kann bei den Jusos längst keine Rede mehr sein. Klassenkampf und Kapitalismuskritik, strenge Satzungen und dröge Gremiendebatten wirken selbst auf engagierte Einsteiger als verlässliche Rausschmeißer. Mit einem »radikalen sozialistischen Reformprojekt« und dem Kampf gegen ein »Europa der Kapitalbesitzer und Vermögenden«, wie noch 1997 gefordert, sind heute nur noch Sektierer zu ködern.

Die Jungwähler, einst verlässlichster Baustein für sozialdemokratische Mehrheiten, laufen der SPD in Scharen davon. Die Jusos - dazu zählen alle Parteimitglieder bis zu 35 Jahren -, zu ihren besten Zeiten über 300 000 Mitglieder stark, sind auf 80 000 geschrumpft. Wenn die Talfahrt weitergeht, rechnet die Parteispitze in fünf Jahren mit nur noch 40 000 Mitgliedern.

Der Anspruch der Jusos von einst, gesellschaftliche Avantgarde zu sein, ist nicht einmal mehr seelenwärmende Reminiszenz. Aus den Schulen ist der SPD-Nachwuchs fast völlig verschwunden, an den Universitäten spielen die Juso-Hochschulgruppen allenfalls eine Statistenrolle: Im Willy-Brandt-Haus schätzt man die Zahl der aktiven Uni-Jusos auf 1000 - an über 300 Hochschulen in Deutschland.

Auch in der politischen Praxis ist den Jungsozialisten zuletzt wenig gelungen. Zwar war der Jugend 1996 noch ein eigener Parteitag gewidmet, doch außer der Tanzeinlage des damaligen Vorsitzenden Oskar Lafontaine ist davon wenig in Erinnerung geblieben. Weder bei der Zwangsabgabe für nicht ausbildende Betriebe noch beim Bafög konnte sich der Nachwuchs durchsetzen: In beiden Fällen ließ Kanzler Gerhard Schröder ihre Forderungen ins Leere laufen.

Für Juso-Chef Benjamin Mikfeld, 28, könnte die neue Formation, die er »als Ergänzung« zu seinen Jungsozialisten versteht, der Auftakt zum letzten Gefecht werden. Vergebens hatte er beim letzten Juso-Bundeskongress gefordert, »wieder Alltagsnähe zu entwickeln«. Der Reflex erfolgte erwartungsgemäß: Er sei »nur auf Anbiederung« aus, musste sich Mikfeld von seinen jungen Genossen attestieren lassen. Für den kommenden Sommer hat er vorsorglich seinen Rücktritt angekündigt.

Der Widerstand aus den Juso-Bataillonen gegen das Red net ist gewiss. Auch in Köln mussten sich Joisten und seine Freunde von den jungen Gralshütern alter sozialistischer Dogmen »zu wenig Inhalte und zu viel Fun« vorhalten lassen: »Das hat mit Politik wenig zu tun.«

Bundesgeschäftsführer Machnig, früher selbst aktiver Juso, sieht das anders. Anknüpfend an die Erfahrungen von Köln sollen aus den ersten 100 Aktivisten aus dem ganzen Land in den nächsten 18 Monaten 1000 werden. Mit ihnen will er die Bundestagswahl 2002 beeinflussen.

Junges Engagement und frischer Wind allein, so mussten die Red-Sox-Aktivisten in Köln erkennen, reicht freilich nicht immer: So verzeichneten die Partys mit der SPD-Kandidatin Anke Brunn zwar regen Zulauf - den Oberbürgermeister stellt heute aber die CDU. HORAND KNAUP

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