»Vor dem Siedepunkt«
Pahlewi, 42, in den USA ausgebildeter Politikwissenschaftler und Kampfpilot, sieht sich selbst als legitimen Nachfolger seines 1979 durch die islamische Revolution aus dem Lande gejagten Vaters Mohammed Resa, der 1980 im ägyptischen Exil einem Krebsleiden erlag; von Washington aus macht Pahlewi Stimmung gegen die Mullahs in Teheran. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Hören Sie nach den jüngsten Demonstrationen bereits die Totenglocken für die Regierung in Teheran läuten?
Pahlewi: Zumindest erinnert mich die Situation sehr an das Jahr 1978. Ich selbst habe die Parolen, die gegen meinen Vater gerufen wurden, zwar nicht mitbekommen, da ich zur Ausbildung in den USA weilte, aber meine Geschwister haben mir davon berichtet. Und schon im folgenden Jahr musste mein Vater das Land verlassen. Da die Unzufriedenheit der Bevölkerung heute viel größer ist, kann es schnell zu einem Regimewechsel kommen.
SPIEGEL: Verglichen mit den tagelangen Unruhen der Studenten im Juli 1999 waren die Proteste diesmal eher zurückhaltend.
Pahlewi: Natürlich zeigt das massive Aufgebot an so genannten Sicherheitskräften Wirkung. Dennoch ließen sich viele Menschen von ihrer Willensbekundung nicht abbringen. Bedrohlicher als das Ausmaß des Protests sind für die Herrschenden aber die Forderungen der Demonstranten. Bei den Kundgebungen vor vier Jahren ging es noch um Reformen innerhalb des Systems. Inzwischen haben die Menschen jegliches Vertrauen in eine Liberalisierung unter der religiösen Führung verloren. Deshalb hatten auch die Kommunalwahlen vor vier Monaten die geringste Beteiligung überhaupt. Jetzt verlangen die Iraner die Abschaffung des Systems. Sie wissen, dass sie sich allein so aus ihrer politischen und wirtschaftlichen Misere befreien können.
SPIEGEL: Dennoch trägt nur ein sehr kleiner Teil der Bürger die Proteste mit.
Pahlewi: Sie dürfen von einer ökonomisch derart ausgezehrten Bevölkerung nicht zu viel erwarten. Fast 40 Prozent der Iraner leben unterhalb der Armutsgrenze. Wie viel Kraft kann jemand für den politischen Kampf aufbringen, der täglich aufs Neue ums Überleben ringen muss? Auch daran gemessen war die Beteiligung an den Aufmärschen ein großer Erfolg. Trotz aller Widrigkeiten und Gewalttätigkeiten des Regimes werden die Iraner ihren gewaltfreien wie zivilen Ungehorsam fortsetzen und die religiöse Führung in die Knie zwingen.
SPIEGEL: Hat die Bevölkerung 24 Jahre nach dem gewaltsamen Sturz Ihres Vaters durch die Mullahs überhaupt schon wieder die Kraft zu einer zweiten Revolution?
Pahlewi: Unterschätzen Sie nicht den Widerstandswillen der Iraner. Wenn die erst einmal davon überzeugt sind, dass die Verhältnisse geändert werden müssen, lassen sie sich von diesem Weg nicht mehr abbringen. Außerdem sind etwa 45 Millionen Iraner unter 30 Jahren. Diese jungen Menschen werden nicht länger tatenlos zusehen, wie all ihre Zukunftschancen schwinden. Sie wollen ihre Generation nicht opfern für ein System, an das sie längst den Glauben verloren haben. So kocht jetzt nicht nur der Unmut hoch. Ich glaube sogar, wir stehen kurz vor dem Siedepunkt.
SPIEGEL: Nur weil die Menschen gegen den Gottesstaat protestieren, sind sie aber noch lange nicht für die Rückkehr der Pahlewis auf den Pfauenthron.
Pahlewi: Es geht mir nicht um die Pahlewis oder den Pfauenthron. Es geht um das iranische Volk, das ein demokratisches System einfordert. Ob es sich dann für eine Republik oder eine konstitutionelle Monarchie wie in Spanien oder auch Japan entscheidet, werden wir sehen.
SPIEGEL: Das Volk hat Ihren Vater nicht ohne Grund aus dem Land gejagt.
Pahlewi: Ich bestreite nicht, dass damals Fehler gemacht wurden. Aber das ist Historie. Mein Ziel ist ein Referendum, in dem das iranische Volk in Freiheit und unter internationaler Beobachtung über seine Regierungsform abstimmen kann. Meine Mission endet, wenn alle Gruppierungen, die für eine säkulare Demokratie eintreten, zu diesem Urnengang kandidieren dürfen.
SPIEGEL: Allein mit markigen Reden, die über Exil-Sender in Kalifornien nach Teheran ausgestrahlt werden, können Sie die Mullahs kaum von der Macht verdrängen.
Pahlewi: Das ist wohl wahr. Ich sehe mich ohnehin eher als Katalysator, der auf Grund seines Namens Kräfte im Exil bündeln und die Regimegegner in Iran stärken kann. Das geschieht auch durch meine Ansprachen, die viele Menschen in meiner Heimat mobilisieren. Mein Büro wird mit Anrufen, Faxen und E-Mails aus ganz Iran geradezu bombardiert. Wir verfügen über gute Kontakte, sowohl zu den Studenten wie zu demokratischen Kräften im Sicherheitsapparat und sogar im Klerus.
SPIEGEL: Zum Sturz des Regimes sollen Sie eng mit der Regierung von US-Präsident George W. Bush zusammenarbeiten, für den Iran auf der »Achse des Bösen« liegt.
Pahlewi: Ich begrüße jede Art von moralischer Unterstützung für die Demonstranten und freue mich über jeden Mitstreiter. Und natürlich ist es hilfreich, wenn einige Senatoren und Kongressabgeordnete uns auf dem Weg zur Demokratie unterstützen. Doch obgleich ich über gute Beziehungen verfüge, einige inoffizielle Kontakte mit Regierungsmitgliedern eingeschlossen, kann von direkter Kooperation nicht die Rede sein.
SPIEGEL: In Überlegungen der US-Regierung, den Regimewechsel durch eine militärische Intervention zu beschleunigen, sind Sie also nicht eingebunden?
Pahlewi: Das ist nicht mein Weg. Im Falle Afghanistans oder des Irak mag das die einzige Lösung gewesen sein. Mit dem Regime in Teheran aber wird das Volk schon selbst fertig. INTERVIEW: DIETER BEDNARZ
* Mit Kaiserin Farah nach deren Krönung 1967.