INDUSTRIE / NSU Wankelmut -
Ehe eine Sache alles ist, ist sie nichts. Des halb verhüte jeder große Meister, daß man seine Werke im Embryonenzustand sehe.
Baltasar Grácian, spanischer Philosoph (1601 bis 1658).
In Automobilen aller Klassen rollten am Freitag vergangener Woche 650 Kleinaktionäre der NSU Motorwerke AG nach Neckarsulm, wo sich Vorstand und Aufsichtsrat bereits tagelang auf eine harte Auseinandersetzung mit den Anteilseignern vorbereitet hatten.
Etwas gezwungen lächelnd stand Vorstandsvorsitzender Gerd Stieler von Heydekampf am Präsidiumstisch. Mit einem biologischen Vergleich versuchte er den Aktionären das magere Ergebnis des letzten Geschäftsjahres - acht Prozent Dividenden (im Vorjahr zehn Prozent) - begreiflich zu machen: »Die nun mal ihre Zeit dauernde Schwangerschaft des NSU-Wankelmotors ist noch nicht ganz beendet.«
Bis zur »glücklichen Geburt« müsse man Geduld üben und sich mit den Erträgen aus der Kleinwagen- und Zweiradproduktion bescheiden. Mürrisch eröffneten die Aktionäre eine Debatte über diese unpopuläre Aussicht. Ihr Unmut verdichtete sich zum Tumult.
Erst nachdem Milch in Tüten gereicht worden war, legte sich der Sturm. Am Schluß der Versammlung wurden alle Teilnehmer eingeladen, eine neue Werkhalle zu besichtigen, in der auf einem Podest ein kugeliges Etwas surrte. Die Mienen vieler Kleinaktionäre, die noch wenige Minuten zuvor zornrot gewesen waren, hellten sich auf. Da standen sie nun vor dem technischen Fabeltier, das zum Dukatenesel der NSU Motorenwerke AG werden soll.
Zum erstenmal in der 77jährigen Geschichte der NSU-Werke hängt fast der gesamte Kredit und das Börsenprestige des namhaften, aber wenig florierenden Unternehmens an einer einzigen technischen Erfindung, dem Rotationskolben-Motor des Felix Wankel.
In den Aktenregalen der Patentämter verstauben seit Jahrzehnten Hunderte von unausgereiften Entwürfen für ähnlich vereinfachte Motoren, deren hohe Leistung und minimaler Verschleiß Traum aller Motorenbauer seit Diesel und Otto wurden.
Erst dem von NSU angeheuerten Felix Wankel glückte die Konstruktion einer solchen Maschine, die sich von den Motoren herkömmlicher Bauart unterscheidet wie etwa das Düsentriebwerk einer Boeing 707 von der Dampfmaschine des James Watt.
»Noch können wir die Größe der auf dem Gebiet des Verbrennungsmotors sich anbahnenden Revolution nur ahnen«, schrieb Ende 1959 die Fachzeitschrift »Auto, Motor und Sport« in einem ersten Bericht über den Wankelmotor. »Daß es eine Revolution geben wird, kann keine Frage mehr sein.«
In den Automobil-Fabriken der Welt ist diese Revolution noch nicht ausgebrochen. An der Börse aber hat sie schon vor einem Jahr begonnen.
Am 30. Juni 1960 erreichte die NSU -Hausse mit 3200 Prozent (3200 Mark für eine 100-Mark-Aktie) ihren Höhepunkt; drei Jahre zuvor war dasselbe Firmenpapier nur mit 124 Prozent bewertet worden, 1953 sogar noch geringer.
Kein anderes Wertpapier bewegte sich so oft und in so merkwürdigen Bocksprüngen auf den Kurszetteln der westdeutschen Nachkriegsbörsen auf- und abwärts wie die NSU-Aktie.
Schon im Embryonen-Stadium entwickelte dieser Motor eine märchenhafte Dynamik. Er regte die Phantasie aller Börsenjobber an. Als sich nach der ersten Schauvorführung des Motors im Januar vergangenen Jahres die Motor-Journalisten mit spekulativen Berichten überschlugen, kauften Routiniers und Gelegenheitsspekulanten NSU-Aktien, wo sie nur konnten. Damit machten sie das schwäbische Mauerblümchen aus Neckarsulm zur meistbegehrten Börsen-Kokotte, die sogar kritischen Wertpapier-Sammulern und kaltschnäuzigen Bankiers die Köpfe verdrehte.
Die potentesten Liebhaber aus Hochfinanz und Großindustrie bereiteten derweil ein Techtelmechtel vor, das die kleinen Spekulanten erst am Aschermittwoch des NSU-Aktienrausches durchschauten. Dieser Aschermittwoch - man kann ihn auch den schwarzen Freitag der Durchschnittsaktionäre nennen - kam, als die Dresdner Bank, die jahrzehntelang mehr als die Hälfte des Aktienkapitals besessen hatte, ein Aktienpäckchen nach dem anderen verkaufte und eine sehr merkwürdige Kurspflege trieb.
Die Folge war ein radikaler Kurssturz, der die Blütenträume aller Spekulanten zerstörte. Zwischen Hausse und Baisse schrumpfte der Kurs um fast zwei Drittel. Seit der Jahreswende schwankt er um 1300 und erhöhte sich nur kurzfristig um 100 bis 200 Prozent - jedesmal, wenn wieder einmal das Stichwort Wankelmotor fiel und die Vermutung laut wurde, das kraftstrotzende Aggregat, dessen Entwicklung bisher etwa 32 Millionen Mark gekostet hat, sei endlich reif für die Serienproduktion.
Das waren nicht nur Zweckgerüchte. Der Motor wurde in Dutzenden von Variariten auf vielen Prüfständen erprobt und in den mannigfachsten Anwendungsbereichen getestet, neuerdings sogar in Rasenmähern und als Wasserski-Antriebsmittel. Bei leichterer Arbeit bewährten sich die kleinen Motoren sehr gut; den hohen Ansprüchen schneller Luxusautomobile sind sie allerdings noch nicht ganz gewachsen. Es fehlt ihnen der letzte »Reifegrad«.
Da die Finanzen und Forschungsspezialisten der Neckarsulmer Werke nicht ausreichten, um letztgültige Verbesserungen auszutüfteln, ermunterte der NSU-Vorstand andere Firmen, sich an der Entwicklung zu beteiligen.
Schon 1958 sicherte sich die amerikanische Motorenfirma Curtiss-Wright gegen Zahlung von 8,4 Millionen Mark das Recht, jegliche Art von Motoren nach dem Wankel-Prinzip in den USA, in Kanada und Mexiko konstruieren und verkaufen zu können. Wenn die Prototypen produktionsreif sind, muß der amerikanische Konzern vom Verkaufspreis jedes gefertigten Motors fünf Prozent an NSU und die Firma des Erfinders, die Wankel GmbH, abführen.
Der Tag ist nicht mehr fern, denn in der vergangenen Woche meldete Curtiss-Wright, daß ein mit Vorrang konstruierter Ein-Liter-Prüfmotor (etwa 100 PS) seine Bewährungsprobe im 1000-Stunden-Dauerlauf - das entspricht etwa 150 000 Kilometern Fahrstrecke - erfolgreich bestanden habe.
Jüngst hat nun einer der größten Motorenproduzenten Europas, die britische Tochtergesellschaft des kanadischen Landmaschinen - Konzerns Massey-Ferguson - F. Perkins Ltd. - für 1,5 Millionen Mark Lizenzrechte erworben. Sie will in England Dieselmotoren und Marine-Benzinmotoren nach dem Wankel-Modell entwickeln.
In Tokio ratifizierte die japanische Regierung zwei Lizenzverträge, wonach die Automobilfirma Toyo Kogyo Co. Ltd. in Hiroshima und die Yanmar Diesel Engine Co. Ltd. in Osaka Wankelmotoren für ganz Asien bauen und verkaufen dürfen. Die Japaner zahlten fünf Millionen Mark sogenanntes Lizenz -Eintrittsgeld. Drei weitere japanische Firmen sicherten sich durch Vorverträge das NSU-Wankel-System.
In der Bundesrepublik hingegen fand sich bisher nur der größte Produzent für Kleinstmotoren, die Fichtel & Sachs AG, zum Lizenzabschluß mit NSU und Wankel bereit. Allerdings laufen seit etwa einem Jahr auf den Prüfständen der Mercedes - Wagenfirma Daimler -Benz AG in Stuttgart-Untertürkheim mehrere Wankelversuchsmotoren. Mercedes-Chefkonstrukteur im Motorbau, Wolf-Dieter Bensinger, will einen etwa 1,4 Liter großen Prototyp entwickeln, der einmal den Sechszylinder-Motor des Mercedes-Typs 220 SE ersetzen soll.
Während der einjährigen Probezeit investierte die Mercedes-Firma bereits drei Millionen Mark in Verbesserungsversuche. Das zunächst geheimgehaltene technische Verlöbnis soll nach monatelangem Verhandlungsgeplänkel Ende dieses Monats mit einer Lizenzvertragsehe besiegelt werden.
Wenn das neuartige kleine Gewächs im Pflanzgarten 'der Mercedes-Fabrik völlig ausgereift ist, wird es nur etwa ein Zehntel soviel wie der 220er SE-Motor wiegen und unter der Motorhaube kaum mehr Platz als ein Wasserball einnehmen. Mit seiner 150-PS-Leistung schlägt das Versuchsmodell, das 200 Stunden Dauerlauf »unter Vollast« (Spitzengeschwindigkeit) absolvierte, den klotzigen Hubkolbenmotor um 30 PS.
Unlängst fuhr Mercedes - Bensinger nun nach Lindau, um den 58jährigen Privatgelehrten des Motorbaus, Felix Wankel, selbst noch einmal wegen einiger Verbesserungen zu konsultieren. Er hatte mit ihm schon vor zwanzig Jahren an kriegswichtigen Projekten zusammengearbeitet, als Wankel noch den Spitznamen »Deutschlands Abdichter« führte.
Felix Wankel hatte sich jahrzehntelang auf ein motortechnisches Problem kapriziert, das in der Natur des allgemein gebräuchlichen Hubkolbenmotors liegt: die mangelhafte Abdichtung des Zylinders, in dem das Kraftstoff-Luft-Gemisch angesaugt, verdichtet und verbrannt wird, während der Kolben seine Arbeitstakte macht.
Die Väter der Dampfmaschine hatten ihre Hubkolben mit Hanf umwickelt, der von einer Mischung aus Pferdedung und Talg durchtränkt war. Später wurde der gußeiserne Kolbenring erfunden, der sich federnd an die Zylinderwand schmiegt. Obwohl seit der Herstellung des ersten Kolbenrings etwa zweihundert Jahre verflossen sind, wird weiter an neuen Ringformen getüftelt. Noch immer fehlt die perfekte Dichtung; ein Bruchteil der verdichteten Gase entweicht auch heute noch aus den Zylindern der besten Hochleistungsmotoren. In der Lösung dieses technischen Problems sah Wankel seine Lebensaufgabe
Er verschrieb sich der Motortechnik aus Leidenschaft, nachdem er während der Inflationsjahre zunächst Verlagskaufmann gelernt hatte. Durch Selbststudium und später als Inhaber einer Zylinderschleiferei erwarb er sich wissenschaftliche und praktische Kenntnisse, die ihn zum schöpferischen Spezialisten werden ließen.
1936 war das Reichsluftfahrtministerium auf ihn aufmerksam geworden und lotste ihn von den Bayrischen Motoren-Werken weg, für die er einen sogenannten Drehschiebermotor entwickeln sollte, eine Verbrennungsmaschine mit rotierenden Walzen statt auf- und abbewegter Ventile.
Das Ministerium versprach sich von dem technischen Naturtalent so viel Erfolg, daß es ihm für mehrere Millionen Mark ein Forschungsinstitut mit Entwicklungswerkstätten in Lindau am Bodensee einrichtete. Dort sollte er den Drehschiebermotor für die Luftwaffe bauen. Diplom-Ingenieur Bensinger half ihm dabei. Indes, als der Motor endlich lief, war auch der Krieg zu Ende.
Nach 1945 war Deutschlands Abdichter zunächst gar nicht gefragt. Die Franzosen schleiften sein Lindauer Institut und verboten ihm jede:Forschungstätigkeit. So vergingen mehrere unfruchtbare Jahre, bis Hitlers ehemaliger Wirtschaftsberater, Staatssekretär äußer Diensten Wilhelm Keppler, Wankels Berater und Starthelfer wurde.
Keppler hatte seinen Freund Wankel schon als patriotischen Jüngling kennengelernt, der 1928 gelobte, seinen Beitrag am Aufbau des großdeutschen Reiches mit der Erfindung eines revolutionären Motors zu leisten. Schon damals schwärmte Felix Wankel von Rotationskolbenmotoren, mit denen sich in den letzten 150 Jahren viele Erfinder befaßt hatten. Alle gingen davon aus, daß die Hubkolbenmaschine einen unvernünftigen technischen Umweg zurücklegen muß, um erzeugte Kraft in Drehbewegungen umzusetzen.
Der Hubkolben gleitet im Zylinder hin und her; seine lineare Stoßkraft muß mittels Pleuelstange und Kurbelwelle in Rotation umgewandelt werden. Die Kraftumsetzung erfordert einen umständlichen Mechanismus, der die Drehgeschwindigkeit und damit die Leistung des Hubkolbens mindert.
Es kam also darauf an, einen drehenden Kolben zu erfinden, der die Getriebewelle unmittelbar mitdreht. Aber alle Versuche scheiterten an dem Unvermögen, die Arbeitsräume - sie entsprechen den Zylindern des konventionellen Motors - gegeneinander und gegen das Motorgehäuse völlig abzudichten.
1933, als das braune Regime begann, war Wankel - entgegen seinen Versprechungen - von einer brauchbaren technischen Lösung noch weit entfernt. Der Hitlerpartei hatte er wegen einer Unterschlagungsaffäre, die er aufdecken half; vor der Machtübernahme den Rücken gekehrt. Als Parteiverräter verfemt, wurde Wankel monatelang eingesperrt.
Sein badischer Landsmann Keppler paukte ihn aus dem Gefängnis heraus und protegierte ihn dann in allen Lebenslagen - auch 1951, als Wankel noch arbeitslos war. Keppler war damals gerade aus dem Landsberger Kriegsverbrecher-Gefängnis entlassen worden.
Schon wenige Wochen später empfahl er seinen Erfinderfreund (Wankel: »Keppler kannte die ganze deutsche Industrie") den NSU-Werken, die zunächst nur an der unausgenutzten Drehschieber-Konstruktion interessiert waren. Erst nachdem NSU während des Zweiradbooms Rücklagen angesammelt hatte, ging der Vorstand auf Wankels Vorschlag ein, sich von ihm »die perfekte Verbrennungsmaschine«, den Drehkolbenmotor, bauen zu lassen.
Den Erfinder hatte sein Jugendtraum immer wieder beschäftigt. Nach dreieinhalb Jähren intensiver Konstruktionstätigkeit, bei der Wankel von NSU -Ingenieuren unterstützt wurde, konnte er im Februar 1957 auf dem Neckarsulmer Prüfstand seine erste Drehkolbenmotor-Konstruktion vorführen, die zwar überraschend gut lief, aber schwer in die industrielle Massenfertigung zu übertragen war.
Wegen dieser Schwierigkeiten wartete man noch ein Jahr, bis im NSU-Geheimkabinett ein neues Wankel-Wunderkind geboren wurde, der sogenannte Kreiskolbenmotor (siehe Graphik Seite 27). Es war ein braves, anpassungsfähiges Kind. Trotzdem war die Stimmung im Werk sehr gedrückt. Ob das Unternehmen noch den Atem hatte, die Entwicklung bis zur Produktionsreife zu Ende zu führen, schien sehr fraglich. Über Neckarsulm waren nämlich inzwischen die Hagelschauer des Konjunkturumschwunges in der Zweiradindustrie niedergegangen.
Die altrenommierte NSU-AG nannte sich freilich immer noch stolz »Größte Zweiradfirma der Welt« und erinnerte mit neuen Rennsporterfolgen - zum Beispiel mit sensationellen Rekordfahrten seiner zigarrenförmigen Zweirad -Vehikel auf dem Salzsee im nordamerikanischen Bundesstaat Utah - an glorreichere Zeiten, als NSU noch hochtourige Sportwagen konstruierte und auf der Avus starten ließ.
Dem Großaktionär - der Dresdner Bank - waren Rekorde ziemlich gleichgültig; die Bank wollte Umsatzerfolge sehen. Als sie ausblieben, trachteten die Bankherren danach, die seit 1928 bestehende Verbindung zu NSU, die schon oft als Mesalliance* empfunden worden war, endlich zu lösen und ihr 51prozentiges NSU-Aktienpaket zu verkaufen.
Es wurde damals auch dem Daimler -Benz-Großaktionär Friedrich Flick angeboten. Aber Flick lehnte ab. Er hatte sich bereits für DKW-Autounion entschieden, deren Zweiradfertigung später vom Liliput-Konzern des Flickschen Hausmeiers Odilo Burkart übernommen wurde (SPIEGEL 49/1958).
Erst als sich kein anderer Ausweg bot, akzeptierten die NSU-müden Bankherren den spätzündenden Vorschlag der Neckarsulmer Geschäftsleitung, auf der bereits schäumenden Kleinwagenwelle mitzureiten. Die letzten Reserven und 30 Millionen Mark Kredit wurden in die Einrichtung einer Kleinwagenfabrik gesteckt, in der seit 1958 die vierrädrige NSU-Kreation »Prinz« hergestellt wird.
Als der Etat des Wankel-Versuchskabinetts wegen des neuen Geschäftsexperiments auszutrocknen drohte, zapfte der Erfinder selbst finanzielle Hilfsquellen an: Er assoziierte sich mit dem Nachkriegsmillionär Ernst Hutzenlaub, 46. Der gelernte Architekt hatte sich aus konjunkturbegünstigten mittleren Firmen der Gummi- und Kunststoffbranche einen kleinen Konzern zusammengebaut und eigene Erfindungen ausgewertet. Er verkaufte für zwei Millionen Mark Lizenzen ins Ausland und sah in solchen Geschäften eine Chance, sein Vermögen steuerbegünstigt zu vermehren. Wenn das Bundeswirtschaftsministerium den Export der Lizenzen als volkswirtschaftlich wertvoll anerkennt, kassiert nämlich das Finanzamt nur etwa 25 Prozent der Erträge als Steuern.
Der erfahrene Lizenzverkäufer Hutzenlaub setzte auf Wankeis Erfindung eine Million Mark; das war sein Entwicklungsbeitrag. Dann gründete er mit dem Lindauer Tüftler eine Art Inkassobüro für künftige Lizenzgebühren, die Wankel GmbH. Nachdem sich Hutzenlaub 50 Prozent der Gesellschaftsanteile verschafft hatte - sie garantieren ihm 50 Prozent aller Erträge -, bemühte er sich emsig, schon aus den noch unreifen Geistesfrüchten seines Kompagnons Kapital zu schlagen.
Er animierte Dutzende von Firmen, eine Lizenz für den Nachbau des unfertigen »Motors der Zukunft« zu erwerben. Diese Geschäftigkeit imponierte auch dem NSU-Aufsichtsratsvorsitzenden Richter, der dem Vorstand dauernd in den Ohren lag: »Wir brauchen eine renommierte Weltfirma als Eisbrecher.«
Mit sicherem Instinkt für marktfähige Werte fand Hermann Richter, der jahrelang die Interessen der Dresdner Bank und des Persilkonzerns Henkel & Cie. koordiniert hatte, daß der internationale Ruf der NSU-Werke AG nicht weit genug hallte. Freilich kannte man die NSU-Motorräder auch in Übersee, aber NSU war nicht Ford, Fiat oder die British Motor Corporation und Neckarsulm nicht der Nabel der Welt.
Kein Großkonzern-Gewaltiger würde glauben, daß NSU mit seiner 7000 Mann starken Belegschaft und einem Jahresumsatz von knapp 200 Millionen Mark (1960: 221 Millionen Mark) einer umwälzenden technischen Pioniertat fähig sei. Deshalb brauche man - auch abgesehen von der notwendigen Finanzhilfe - unbedingt den Eisbrecher.
Westdeutsche Großfirmen wie Krupp in Essen wollten jedoch diese Rolle nicht übernehmen. Nach langen Verhandlungen konnten die Wankel-Leute schließlich den amerikanischen Flugmotoren-Konzern Curtiss-Wright Corporation (CW) zum Lizenzabschluß bewegen. Den Amerikanern wurde der noch unterentwickelte Kreiskolbenmotor ausgeliefert, den sie nach Belieben verändern und weiterentwickeln können. Sie verpflichteten sich, alle Zusatzpatente und Verbesserungen den NSU -Werken zur Verfügung zu stellen.
Der frühere CW-Repräsentant für Europa bezeichnet diesen Vertrag noch heute als »den schönsten, den ich je gemacht habe. Der Motor ist so revolutionierend und billig im Bau, daß es sich keine Firma der Branche leisten kann, auf ihn zu verzichten.«
Sobald vom Geld die Rede war und Curtiss-Wright 8,4 Millionen Mark Anzahlung leistete - das sogenannte Lizenz-Eintrittsgeld -, hakte der im Lizenzhandel erfahrene Kaufmann Hutzenlaub bei NSU ein. Jetzt war für ihn der Zeitpunkt gekommen, die ersten Zinsen für seine investierte Million zu kassieren. Er verlangte für die Wankel GmbH 40 Prozent aller Einnahmen sowohl aus dem Curtiss-Wright -Geschäft wie von allen künftigen Lizenzabschlüssen.
Der NSU-Vorstand sträubte sich zunächst hartnäckig: Wankel habe seit 1951 jeden Monat 3000 Mark Gehalt bezogen und dafür Forschungsaufträge ausgeführt, die als Werkentwicklung in den Besitz der Aktiengesellschaft übergegangen seien. Hutzenlaub konterte: »Wankel brachte einmaliges Erfahrungswissen mit, die Essenz seiner vielen Versuche - ein Guthaben, das mit 40 Prozent nicht zu hoch bewertet ist.« Um das Spektakel eines Erfinderprozesses zu vermeiden, gab NSU schließlich nach. Wankel und Hutzenlaub erhielten als erste Zuteilung 3,36 Millionen Mark vom amerikanischen Eintrittsgelde.
Curtiss-Wright-Präsident Roy T. Hurley scheute derweil Skandalaffären durchaus nicht. Für ihn war die Hergabe von 8,4 Millionen Mark nur eine Vorleistung auf Gewinne, die er sehr schnell durch einen Börsencoup einzustreichen gedachte, Dem Konzernmanager, der sein Flugmotoren-Imperium wie ein Diktator beherrschte, lag daran, daß die Wankel-Akquisition Schlagzeilen machte.
Seine Gesellschaft, die jahrelang von Luftwaffenaufträgen gelebt hatte, war von der Strahltriebwerk-Konkurrenz überrundet worden, so daß der Konzern-Umsatz in einem Jahr um 35 Prozent (von 599 Millionen Dollar auf 389 Millionen Dollar) sank.
Nur zweimal in den letzten drei Jahren konnte sich die Firma hoffnungsfroher Berichte in der amerikanischen Presse erfreuen: als Roy T. Hurley ein räderloses sogenanntes Luftkissenauto präsentierte und nachdem Hurley im Herbst 1959 seine Zusammenarbeit mit NSU am »Motor des Jahrhunderts« in Pressekonferenzen und an der Börse mit Aplomb ausposaunt hatte.
Schon am nächsten Morgen waren Hurleys CW-Aktien sehr begehrt. Nachdem die in Ein-Dollar-Aktien gestückelten CW-Anteilscheine monatelang für etwa 30 Dollar pro Stück gehandelt worden waren - nach amerikanischen Börsenbegriffen gelten 30 Dollar als mager - kletterte der Kurs in kurzer Zeit auf 40 3/4. Alle Käufer hofften, daß CW durch den Bau des deutschen Wunderapparates sehr bald in der Lage sein werde, Höchstdividenden zu zahlen.
Da überraschte der Curtiss-Wright -Diktator die Aktionäre mit der Nachricht, daß die Gesellschaft die in den USA übliche Quartalsdividende um fast die Hälfte senken müsse, weil der Konzern in den letzten neun Monaten Gewinneinbußen erlitten habe. Der CW-Kurs sackte sofort ab.
Hurley mußte sich vor der Securities and Exchange Commission - der amerikanischen Bank- und Börsenaufsicht - verantworten, die mit Recht argwöhnte, der CW-Boß habe das Wundermotor-Manöver nur veranstaltet, um den Kurs hochzutreiben und dann ein Aktienpaket, das seiner Gesellschaft oder ihm selbst gehörte, mit hohem Kursgewinn zu verkaufen. In der nächsten Aktionärsversammlung mußte der Großspekulant sein Präsidentenamt niederlegen; er demissionierte im vergangenen Jahr mit den Worten: »Man nennt mich einen Lumpen, und man nennt mich ein Genie. Ich glaube, ich bin irgendwo in der Mitte.«
Der amerikanische Konzern hatte die ihm zugedachte Eisbrecher-Rolle so geräuschvoll gespielt, daß die Geschäftsleitung der NSU-Werke mit Anfragen wegen des Motors überschüttet wurde. Nachdem der Spektakel in Amerika dem Unternehmen zu einer ungeahnten Publizität verholfen hatte, wurden Vorstand und Aufsichtsrat sehr mutig und gaben ihr Geheimkabinettstück zur Besichtigung frei.
Während der Verein Deutscher Ingenieure am 20. Januar 1960 in München tagte, führten Wankel und NSU-Forschungsleiter Dr. Froede ihr Versuchsmodell vor. Mit Vorbedacht hatten sie diese Tagung als Enthüllungsschau ausersehen; hier waren sie sich des Echos vieler Fachleute gewiß. In einer dröhnenden Pressekonferenz wurde dem Neckarsulmer Motorbaby dann so viel Vorschußlorbeer in die Wiege gelegt, daß in- und ausländische Zeitungen noch wochenlang der publizitätsfreudigen NSU-AG ihre Spalten öffneten.
Von dieser Reklamewelle wurden auch die Kurse der NSU-Aktien hochgespült. Gleich nach der Münchner Ouvertüre begann die Nachfrage nach dem verhältnismäßig knappen Wertpapier. Das alte Unternehmen war keine Publikumsgesellschaft. 51 Prozent der Anteile verwahrte die Dresdner Bank als Eigenbesitz, der Rest (bis zur Kapitalerhöhung im Februar 1960 nominell 8,82 Millionen Mark) verteilte sich auf etwa 5000 Aktionäre - meist biedere Schwaben, die aus Tradition an dem Wertpapier festhielten und die drei Buchstaben NSU als Zeichen alemannischen Gewerbefleißes werteten.
Als im Herbst 1957 für die meisten bundesdeutschen Industriewerte eine Hausse anbrach, wie man sie sonst nur in ausgesprochenen Inflationszeiten kannte, verblühte die NSU-Aktie ganz; ihr Kurs sank auf 124,5 Prozent des Nominalwertes. Das war der stärkste Reflex der Zweiradkrise.
Ein Anonymus, der sich anscheinend von seinem NSU-Päckchen trennen wollte, versuchte das Papier aufzuwerten, indem er mit chiffrierten Großanzeigen bekanntgab: »Kaufe NSU -Aktien zum Höchstgebot.« Vorstand und Aufsichtsrat wurden unruhig und bemühten sich, durch lancierte Verkaufsangebote den Inserenten aus dem Busch zu locken. Die NSU-Rechercheure konnten aber nur erkunden, daß die Inserate von einem Düsseldorfer Anwalt angeblich im Auftrag eines Mandanten aufgegeben worden waren, der - wie es schien - allen Anbietern absagte oder gar nicht antwortete.
Mitte 1959 schwankte der Kurs um 300. Von den ersten amerikanischen Wankelmeldungen befeuert, kletterte er sehr schnell auf 550. Während die Hausse der gängigsten Börsenspitzenwerte - wie Daimler-Benz und Farben Bayer - verebbte, trieb flutende Nachfrage den Kurs des knappen NSU -Papiers immer höher, bis zur Jahreswende 1959/60 auf etwa 1000 Prozent des Nominalwertes.
Die Börsenroutiniers der Dresdner Bank waren über das plötzliche Avancement so überrascht, daß sie der Hausse ein schnelles Ende prophezeiten - ein Ende mit Schrecken für die Groß- und Kleinspekulanten, die an eine baldige Realisierung des Kreiskolbenmotors, an hohe Lizenzeinnahmen und steigende Dividenden glaubten.
Es paßte auch nicht in das gewohnte Kalkül der Bankiers, sich darauf zu verlassen, daß die Kompanie erstklassiger deutscher und amerikanischer Ingenieure, die bereits eineinhalb Jahre gemeinsam an der Perfektion der Wankel-Erfindung arbeitete, die benzinvergasende Welt eines Tages mit einem umwerfenden Schlußprodukt überraschen werde.
Der seit langem NSU-müden Bank bot sich zu diesem Zeitpunkt eine günstige Gelegenheit, ihr NSU-Aktienpaket zu reduzieren oder ganz zu verkaufen. Der amerikanische Lizenznehmer Curtiss-Wright wollte durch den Erwerb eines potentiellen Aktienanteils entscheidenden Einfluß auf die Lizenzgeber-Gesellschaft NSU gewinnen. Die Verkaufsverhandlungen wurden aber von Wankels Kompagnon Hutzenlaub durchkreuzt.
Er hatte über amerikanische Querverbindungen von diesem Techtelmechtel erfahren und intervenierte mit einem Brief, in dem er eine mündliche Unterredung erbat, um seine Gründe gegen die amerikanische Überfremdung der NSU-Werke vortragen zu können: Als Großaktionär würde Curtiss-Wright bestimmen, wem in Zukunft noch Motor -Lizenzen erteilt werden dürfen. Hutzenlaub sah sich, Wankel und NSU schon ausgebootet.
Die Bank antwortete dem Warner hochfahrend: »Wir sehen keinen Anlaß, uns mit Ihnen zu unterhalten.« Sie wollte sich aber auch nicht nachsagen lassen, daß sie der amerikanischen Kapitalinvasion die Tore öffne, und brach die Verhandlungen ab.
Zwischen dem 8. und 15. Januar 1960 fütterte die Dresdner Bank die Börse mit NSU-Aktien. Jeden Tag wurden mehrere Tausend Anteilscheine für etwa 1025 Mark je Hundertmark-Aktie unter die NSU-Enthusiasten gestreut, angeblich, um damit »gegen den Irrsinn der Kursentwicklung der NSU-Aktie anzugehen«.
So formulierte unlängst das Vorstandsmitglied der Dresdner Bank Fritz André das Alibi, mit dem sich das Institut nachträglich von dem Verdacht zu reinigen versucht, aus dem Kursmanöver des vergangenen Jahres hohen Gewinn gezogen zu haben. Der Durchschnittskurs der westdeutschen Industrieaktien lag damals bei rund 370.
Die Bank gibt selbst zu, daß sie sich im vergangenen Jahr von etwa der Hälfte ihres NSU-Anteils trennte, der dadurch von 51 Prozent auf 26 Prozent schrumpfte. Daraus läßt sich errechnen, daß die Bank Aktien im Nominalwert von 4,5 Millionen Mark verkauft hat. Unterstellt man, daß sie die ganze Partie im Januar vergangenen Jahres weggab, hätte sie nach dem damaligen Kurs dafür 46,1 Millionen Mark kassiert.
Frankfurter Börsenmakler sind jedoch überzeugt, daß die Bank ihren NSU -Part in mehreren Etappen verringerte, etwa als der Kurs zwischen 1500 und 2000 pendelte und nachdem das NSU -Stammkapital von 18 auf 27 Millionen Mark erhöht worden war. Bei einem solchen Zweiphasen- oder Dreiphasen -Verkauf hätte die Bank 75 bis 80 Millionen Mark als Verkaufspreis erzielt.
Wankel, der ungewollt mit seiner Erfindung den Treibstoff für die Börsenrakete geliefert hatte, kleidete seinen Kommentar in die Form einer Fabel: »Mitten in Deutschland wurde ein Diamantfeld entdeckt; das Feld gehörte einem reichen Bauern, der lange zögerte, bis er ein Stück probeweise verkaufte. Als er dabei einen stattlichen Preis erzielte, kam er auf den Geschmack und gab weitere Parzellen her. Die Preise überstiegen jedes Maß, weil jeder ein Claim haben wollte.«
Die Nachfrage nach »NSU-Claims« war nicht mit normalen Mitteln des verstärkten Angebots zu befriedigen, weil die Lust, zu kaufen und wegen des leichten Kursgewinns bald wieder zu verkaufen, wochenlang durch Gerüchte und Meldungen über den NSU -Wankelmotor angefeuert wurde.
Als die Jubelhausse Ende Juni ihren Höhepunkt erreichte, wurden für die Hundertmark-Aktie an der Frankfurter Börse 3000 Mark geboten. Trotz dieses Spitzenpreises konnten die Kaufanträge - 70 000 Mark nominell nur zur Hälfte befriedigt werden. Die Münchner Börse notierte am 30. Juni 1960 den bisher höchsten NSU-Kurs seit Bestehen der Neckarsulmer AG: 3200.
»Kaufen Sie sogar noch zu, wenn die Kurse durch spekulative Gewinnmitnahmen stärker nach unten absinken«, so überreizte der Schweizer Börsenwetterwart »Die Welt-Konjunktur« den Spekulationstrieb. »In beiden Titeln (NSU und Daimler-Benz) steckt die meiste Phantasie von allen deutschen Börsenwerten. Wenn sich die Pläne der NSU-Verwaltung erfüllen, wird diese Gesellschaft binnen kurzem ein Mehrfaches ihres jetzigen Grundkapitals von 27 Millionen Mark jährlich an Lizenzen einnehmen.«
Auch die Anlageberater der seriösen Dresdner Bank, die angeblich den »Irrsinnskurs« bekämpfte, erteilte ihren Kunden ähnliche Ratschläge - »selbst als der Kurs schon zwischen 2000 und 3000 schwebte«, behauptet der Stuttgarter NSU-Aktionär Dr. Dietrich Albers. In der zweiten Jahreshälfte setzte dann plötzlich ein Kursumschlag ein. Wendemarke war der 22. Juli 1960. An diesem Tag hielt die NSU Werke AG ihre Hauptversammlung ab. Es war die erste, in der sich die Vertreter der Dresdner Bank, Hermann Richter und Erich Vierhub, 350 Teilnehmern gegenübersahen. Sonst hatten höchstens zwei Dutzend im Saal gesessen, vor denen die ganze Tagesordnung in 15 Minuten - einmal sogar im Rekord von 12 Minuten - abgehaspelt werden konnte.
Der Großaktionär unter den kleinen Anteilseignern, Dietrich Albers, der NSU-Aktien im Nominalwert von 82 000 Mark besitzt, sorgte für längere Debatten. Dabei ging es so laut her, daß Richter unversehens den Tagesordnungspunkt »Weitere Kapitalerhöhung« strich. Albers: »Aus der Art, wie Richter auf unsere Fragen nach dem Bezugsrecht reagierte - er sagte nur immer wieder 'Das wissen wir nicht' -, mußte man schließen, daß die Kleinaktionäre kein Bezugsrecht (für die neu auszugebenden Aktien) erhalten sollten. Die Leute fingen an zu toben und riefen: 'Hängt sie auf!'
Albers und seine Anhänger hatten schon Argwohn geschöpft, als sie vor Beginn der Hauptversammlung feststellten, daß 27 Prozent des Aktienkapitals nicht vertreten waren. Sie kombinierten, daß Curtiss-Wright oder Flick, der inzwischen Appetit auf den Wankelmotor bekommen hatte, die von der Dresdner Bank freigegebenen NSU -Aktien aufgekauft haben könnten.
Aufsichtsratsvorsitzender Hermann Richter verscherzte sich alle Sympathie, als er den Kleinaktionären vorwarf, sie wollten »offensichtlich mit Gewalt die Katze in den Sack stecken, während die Verwaltung diese Katze noch gar nicht im Sack hat«.
Gemeint waren die auf einem Dutzend Prüfständen surrenden Versuchsmotoren, deren Erfolgschancen Vorstandsvorsitzer von Heydekampf noch wenige Wochen vor der Hauptversammlung in einer Pressekonferenz mit Spezialitäten der Feinkostbranche verglichen hatte. Schon jetzt sei der NSU -Wankelmotor »die Leberwurst«, eines Tages werde er Gänseleber und Kaviar für das Unternehmen sein.
Heydekampf versicherte auch, Curtiss -Wright werde 1960 die ersten Wankelmotoren, vorwiegend 100-PS-Motoren, herstellen. Mit Produktionsbeginn erhalte NSU laufend Lizenzgebühren. Bei anderer Gelegenheit hatte der Generaldirektor renommiert: »Wir werden überrannt, das Interesse von Firmen allerersten Namens ist überwältigend; alle drängen auf Lizenzabschluß.« Kleinaktionäre und Kleinspekulanten konnten daraus nur folgern, daß sie sich mit dem richtigen Erfolgspapier eingedeckt hatten.
Nach Richters rhetorischem Sackhüpfen bröckelte der Kurs sofort ab. Ängstliche Gemüter verkauften das Spekulationspapier, andere hingegen glaubten, daß der im Tennis sehr versierte Aufsichtsratsvorsitzende fintiert hatte. Ein Kleinaktionär betätigte sich als Agent provocateur. Er fragte mit einem harmlos klingenden Kundenbrief in Neckarsulm an, wann er einen nach dem Wankel-Prinzip hergestellten Bootsmotor beziehen könne. Darauf antwortete die inzwischen in NSU Motorenwerke Aktiengesellschaft umgetaufte Firma am 22. August 1960 mit Unterschrift Dr. Hirsch:
»Wir werden ihn (den NSU-Wankelmotor) voraussichtlich ab Mitte nächsten Jahres in Serien produzieren. Dabei wird es sich um einen Motor von 400 ccm Verbrennungsraum handeln, der etwa 45 bis 55 PS bei 5000 Umdrehungen in der Minute leistet ... Wir beabsichtigen aber, auch Bootsmotoren zu produzieren ... bitten Sie daher etwa Mitte nächsten Jahres noch einmal an uns zu schreiben.«
Nachdem der Empfänger für schnelle Verbreitung der Antwort gesorgt hatte, stiegen die Kurse wieder um 200 Punkte an. Es nützte fast gar nichts, daß der Vorstand den Briefschreiber entließ und erklärte, der Direktionsassistent Dr. Hirsch habe seine Befugnisse weit überschritten, indem er verfrühte Termine nannte, die erst 1962/63 erfüllt werden könnten. Obwohl diese Korrektur den technischen Sachverhalt richtig wiedergab, glaubten die Aktionäre und Spekulanten dem vorgepreschten Hirsch mehr als dem Vorstand, dessen Publizitätsfreudigkeit in den nächsten Wochen erheblich gedämpft wurde.
Die Aufsichtsratsobersten fanden die Briefpanne und andere Wankeleien sehr beschämend. Vorstandsvorsitzender von Heydekampf mußte die harte Kritik vorwiegend auf sich selbst beziehen. »Dann wurde ihm ein Maulkorb umgebunden«, behauptet Wankels Kompagnon Hutzenlaub, der einen Teil des Briefnachspiels miterlebte.
Über dem Werksrevier lastete plötzlich
Nachrichtenstille.
Heydekampf ließ keinen Journalisten mehr an sich herankommen, nachdem er seinen hitzigen Entschluß, sein Amt den Bankherren zur Verfügung zu stellen, wieder aufgegeben hatte. Mangels ausreichender Informationen fielen die durch das Kursfieber schon reichlich verwirrten Aktionäre auf das Husten jedes Börsenflohs herein. So wurde die NSU -Aktie, von Lust und Leid der abflauenden Hausse hin- und hergerissen, zum wankelmütigsten bundesdeutschen Wertpapier.
Die Einhundert-Mark-Aktie war aber immer noch 1800 Mark wert, als die Großbanken, darunter auch die Dresdner Bank, im November vergangenen Jahres zu einer Kurspflege mit negativen Vorzeichen übergingen. Bankkunden, die NSU-Aktien anzuschaffen wünschten, wurde an den Effektenschaltern dringend abgeraten. Die Kunden hörten wenig Gutes über NSU und die Chancen des Motors.
Dieser Tenor machte viele Kleinaktionäre stutzig, denn schließlich war die Dresdner Bank immer noch offiziell Großaktionär, von dem man gewöhnlich nicht annimmt, daß er das Renommee seiner Gesellschaft durch Baisse-Propaganda schwächt.
Ebenso merkwürdig mutete es an, daß die Großbanken alle Depots ihrer Wertpapiersparer, in denen mehrere Sorten Wertpapiere aufbewahrt werden, nicht mehr belieh, wenn sich darunter NSU -Aktien befanden. Altaktionär Dr. Albers: »So wurde die Aktie systematisch diskriminiert.«
Die unverkennbare Absicht der Kurspfleger und Bankinterventen, die NSU -Aktie bis Ende 1960 weiter abrutschen zu lassen, wurde allerdings noch einmal durch den NSU-Vorstand gestört, der es sich nicht nehmen ließ, die zum Verkaufstraining in Neckarsulm versammelten 700 NSU-Händler mit mehreren »Prinzen« bekannt zu machen, die schon von betriebsfähigen 400-Kubikzentimeter-Wankelmotoren (50 bis 55 PS) angetrieben wurden.
Mit den improvisierten Versuchsmodellen - die Motoren waren mit einem VW-Getriebe verblockt, die Kühler stammten von Ford - wurden bis zu 160 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit gefahren. Freilich waren die Versuchsmotoren noch sehr kurzlebig, und auch die Getriebeabstufung befriedigte nicht, aber auf die Händler machte die Vorführung einen so überzeugenden Eindruck, daß viele von ihnen schnell wieder NSU-Aktien kauften und Optimismus verbreiteten, den die Börse kurzfristig mit rund 100 Pluspunkten honorierte.
Das Papier wurde am 7. Dezember vergangenen Jahres immer noch mit 1755 Prozent des Nominalwertes notiert, als die Herren der Dresdner Bank den Vorstandsvorsitzenden von Heydekampf veranlaßten, den Anteilseignern einen gedruckten Aktionärsbrief - den ersten dieser Art - ins Haus zu schikken. Aus seinem Text konnten die Kleinaktionäre und Gelegenheitsspekulanten mit aller Deutlichkeit entnehmen, daß sie sich hoffnungslos ruinierten, wenn sie nicht endlich den Glauben an ihren Fetisch fahren ließen.
Der Motorfachmann Diplomingenieur Korp kommentierte in der Zeitschrift »Auto, Motor und Sport« den Peitschenhieb. »Dieses Rundschreiben enthielt eine viel zu auffallende Häufung von pessimistischen Prognosen für die nähere Zukunft, als daß man sich nicht fragen würde, was man wirklich damit bezwecken will ... Immerhin, dieser Zweckpessimismus hatte Erfolg. Die Kurse sanken erheblich« - in acht Tagen um 600 Punkte (von etwa 1800 auf 1200). Kritisiert der Düsseldorfer Rechtsanwalt Engler, der eine Gruppe NSU-Anteilseigner vertritt: »Die Dresdner Bank hat den Kurs massiv heruntergeschmissen, nachdem sie selbst verkauft hatte.«
Unter den Kleinaktionären brach Katastrophenstimmung aus. Da erschien in Tageszeitungen ein auffallendes Inserat: »NSU-Aktionäre, behalten Sie Ihre Aktien! Der Kursabbau ist aus Kreisen des Großkapitals gelenkt, um Ihre Aktien billigst zu erwerben. Gedulden Sie sich. Sie besitzen dann eine der, wertvollsten deutschen Aktien. Schutzgemeinschaft der NSU-Aktionäre e.V.«
Hinter dem Inserat und dem eingetragenen Verein stand der Stuttgarter Arzt Dr. Dietrich Albers, der sich wie ein Psychiater der Verstörten und Kurserniedrigten annahm und aus 600 von ihnen eine Kampfgruppe gegen die Interventionspolitik der Dresdner Bank formierte.
»Es gab eine Anzahl tragischer Fälle«, berichtet sein Mitarbeiter. »So hatte zum Beispiel ein bejahrter Ingenieur sein ganzes Sparkapital - 300 000 Mark - in Automobilaktien angelegt, erst Daimler-Benz, dann NSU. In wenigen Monaten verlor er durch falsche Anlageberatung mehr als zwei Drittel seines Vermögens, mit dem er seinen Lebensabend und das Studium seiner Tochter sicherstellen wollte.«
Sogar nachts riefen Bank- und Börsenopfer bei der Schutzgemeinschaft an, darunter ein nordrhein-westfälischer Fabrikant, den der Kurssturz während einer Auslandsreise überrascht hatte. Jetzt brauchte er dringend Geld. Sollte er seinen NSU-Anteil mit hohem Verlust verramschen? Stets empfahl Albers: »Nerven behalten; der NSU-Kurs steigt bestimmt wieder.«
Mit einem kriminellen Trick versuchte ein Spekulant nachzuhelfen, indem er telephonisch bei der Düsseldorfer Börsenmaklerzentrale größere Partien NSU-Aktien bestellte. Dabei gab er sich als Krefelder Filialleiter der Dresdner Bank, Direktor Mahnhold, aus und nannte auch die Erkennungsnummer 34, unter der die Krefelder Bankfiliale gewöhnlich ihre Kauforders an die Börse weitergab. Die Scheinkäufe stimulierten augenblicks den Kurs, wenn sie auch später von dem echten Mahnhold annulliert wurden.
Nachdem der Kurspfleger mit anderen Banken und auch an der Frankfurter Börse ähnliche Kunststücke versucht hatte, wurde er verhaftet. Er entpuppte sich als der Gelegenheitsbörsianer Manfred Ochert aus Düsseldorf und gab vor, von potentiellen Interessenten angestiftet worden zu sein. »Sie können mich solange sitzen lassen, wie Sie wollen«, sagte Ochert bei seiner Vernehmung, »meine Auftraggeber verrate ich nicht.«
Die Motive der Dunkelmänner waren verständlich; was indes die Herren der Dresdner Bank im Gegensatz zu den Kurshochtreibern bewog, die NSU-Kurse durch betonten Zweckpessimismus zu drücken, läßt sich nur vermuten. Schrieb die Fachzeitschrift »Auto, Motor und Sport":
»Großaktionär von NSU ist bekanntlich die Dresdner Bank, die bisher alle Höhen und Tiefen des Neckarsulmer Werkes mitgemacht hat ... Die wachsenden NSU-Kurse dürften ihr daher sehr gelegen gekommen sein, boten sie doch eine ausgezeichnete Gelegenheit, Gewinne zu realisieren. Und die gegenwärtig gedrückten Kurse dürften ihr ebenfalls nicht ungelegen gekommen sein, bieten sie doch eine ausgezeichnete Gelegenheit, abgegebene Aktien günstig wieder zurückzukaufen.«
Felix Wankel, der angeblich nicht eine einzige NSU-Aktie besitzt, sagt mit der Narrenfreiheit des Erfinders: »Die Dresdner Bank will den Bluff noch einmal machen.« Was auch immer die Bank bewogen haben mag, sich in den Dunstkreis dieses Odiums zu begeben - in jedem Fall zog sie aus dem Zusammenbruch des hohen Kurses Steuervorteile.
Alle Geldinstitute müssen für ihren Wertpapierbesitz Vermögenssteuer zahlen. Die Höhe der Steuer richtet sich nach dem sogenannten Steuerkurs, den das Bundesfinanzministerium festsetzt; er entspricht etwa dem am Jahresende notierten Börsenkurs. Diese fiskalische Regel ermöglicht der Dresdner Bank nach dem vorweihnachtlichen Börsenkrach einen günstigen Steuerkurs für ihre noch nicht verkauften NSU-Aktien.
Es dauerte eine Weile, bis Kleinaktionärs-Arzt Dr. Albers diese Zusammenhänge erfaßte, aber dann widmete er sich mit um so stärkerem Eifer der selbstgewählten Aufgabe, »das geheimnisvolle Dunkel aufzuhellen, das sich über wichtige Vorgänge bei NSU ausbreitet«. Der Arzt glaubte, einen weiteren dunklen Punkt auf dem Röntgenschirm seiner Schutzgemeinschaft entdeckt zu haben, als er Anfang dieses Jahres auf den Prüfständen der Daimler-Benz AG mehrere NSU-Wankel-Versuchsmotoren ortete.
Die Versuchsabteilung der Mercedes -Wagenfirma hatte sich die kleinen NSU -Motoren schon ein Jahr zuvor zur Erprobung ausgeliehen. Das Flick-Unternehmen wollte aber nicht wie Curtiss -Wright gleich einen Lizenzvertrag abschließen; der Motor sollte erst auf seine Anwendbarkeit für Mercedes gründlich überprüft und von seinen letzten Kinderkrankheiten befreit werden.
Die Neckarsulmer hatten so viel Vertrauen zu Daimler-Benz, daß sie ein Plagiat-Risiko ausschlossen. Trotzdem war es recht ungewöhnlich, daß die NSU -Verwaltung das Herzstück ihrem Zukunftsplanung ohne Vertrag herausgab.
Oppositionär Dr. Dietrich Albers schlug denn auch sofort nach seiner Entdeckung Alarm und verlangte Aufklärung, die ihm aber vom Vorstand verweigert wurde. Durch provokante Behauptungen - zum Beispiel: Es seien schon mindestens 20 Millionen Mark Lizenzgebühren von Daimler-Benz gezahlt worden - versuchte Albers, die schweigsame Verwaltung aus ihrer Reserve hervorzulocken.
Das Geheimnis der Kooperation war in der Tat weniger erregend, als Albers noch bis vor kurzem annahm. Die NSU -Werke hatten den Kreis der Eingeweihten erweitert, weil ihnen die Chancen, die letzten Mängel des Motors mit eigener Kraft beheben zu können, zu gering erschienen. Die Firmenbosse von Daimler-Benz und NSU hatten mündlich vereinbart, daß die Mercedes-Firma ihren gesamten Entwicklungsbeitrag - alle Verbesserungen und neue Patente - den Neckarsulmern kostenlos zur Verfügung stellt.
Dafür bekam das Stuttgarter Unternehmen Gelegenheit, während der Erprobungszeit alle Plus- und Minuspunkte des Motors ausloten und danach entscheiden zu können, ob sich der Erwerb einer Lizenz lohnt. Daimler-Benzens Motorkonstrukteur Bensinger übersetzte die NSU-Versuchstypen (125 und 400 Kubikzentimeter) in Mercedes-Dimensionen. Lizenzverhandlungen schob die Mercedes-Firma jedoch immer wieder hinaus.
Bensinger hatte nämlich sogenannte Rattermarken entdeckt. Die Versuchsmotoren wurden unruhig, wenn sie länger als 400 bis 500 Stunden strapaziert worden waren (das entspricht einer Fahrstrecke von etwa 40 000 bis 50 000 Kilometern). Nach dieser Laufzeit begannen die Dichtleisten an den Rotationskolben zu klemmen*; im Motorgehäuse traten leistungsmindernde Druckwellen und Schwingungen auf. Die Lebensdauer des Motors reichte allenfalls für Kleinfahrzeuge wie Mopeds und Kleinwagen, deren Hubkolbenmotoren auch nach 30 000 bis 50 000 Fahrkilometern überholt werden müssen.
Da man einen leistungsstarken Motor neuen Typs, um den schon viel Wirbel gemacht worden war, nicht mit einer solchen Hypothek vom Band lassen konnte, brachte NSU auch nicht den schon lange erwarteten »Wankel-Prinz« heraus, einen Kleinwagen, dessen Kreiskolbenmotor - dem gegenwärtigen Entwicklungsstand entsprechend - nach etwa 45 000 Kilometern ausgewechselt werden müßte. Die neue Version des NSU-Wagens, den die Gesellschaft im Herbst vorstellen will - ein etwa VW-großer »Prinz« - wird noch mit dem herkömmlichen Motor (700 Kubikzentimeter Hubraum) ausgestattet.
Wankel ("Man kann mit einem Rennpferd auch einen Fiaker bewegen, aber ich bin ein radikales Forschungskind") hatte sich jahrelang aus der Umsetzung seiner Konzeption in die Fabrikationspraxis heraushalten müssen. Die Betriebsingenieure und Konstrukteure fürchteten, daß der oft Stimmungen unterworfene Erfinder ihnen nur im Wege stehen und den Entwicklungsprozeß mit immer neuen Einfällen komplizieren werde.
Er genoß derweil seinen Ruhm und die Million, die ihm aus sogenannten Erfindervergütungen und seinem Anteil aus den Lizenz-Eintrittsgeldern zugeflossen war. 100 000 Mark stiftete er dem Lindauer Tierschutzverein für die Errichtung eines Hunde- und Katzenpflegeheims. Wankel hatte schon früher, wenn ihn privater Kummer drückte, geäußert: »Ich mache jetzt mein Testament und vererbe alles dem Tierschutz.« Boshafte Mitarbeiter des Erfinders witzelten: »Er liebt die Tiere so sehr; weil sie ihm nicht widersprechen können.«
Für den Tier- und Kreiskolbenvater war es eine Genugtuung, daß sich die Betriebspraktiker unlängst wieder an ihn wenden mußten, um ihn zu bitten, die Rattermarken beseitigen zu helfen. Er laborierte an neuen Dichtleisten und tröstete alle tempobesessenen Perfektionisten, einschließlich seines Partners: Hutzenlaub, der Woche für Woche neuen Lizenz-Anwärtern nachjagt, mit Vorlesungen aus der Biographie Rudolf Diesels.
Der Diesel-Motor brauchte vom ersten Laufversuch bis zur Produktionsreife drei Jahrzehnte. Sein Erfinder erlebte den Triumph der Perfektion nicht mehr. Er war - finanziell ruiniert - voll tiefer Depression über Bord gegangen, als er mit einem Kanaldampfer nach London fuhr.
Wankel: »Gemessen am Diesel-Motor, sind wir erstaunlich schnell vorwärtsgekommen.« Den Dichtleisten hofft Wankel bald das Klemmen und Rattern abgewöhnt zu haben. Noch in diesem Jahr soll der Prototyp, die endgültige Vorlage für die Serienherstellung, zumindest für die NSU-eigene Kreiskolbenmotor-Produktion, fertig werden.
NSU will zunächst stationäre Motoren (zum Beispiel für Pumpen), Zweiradmotoren und dann den 400-Kubikzentimeter-Motor für Kleinwagen bauen; die neue Motorenfabrik wächst bereits aus dem Neckarsulmer Boden. Alle übrigen Typen und Abwandlungen wie Kreiskolben-Diesel-Motoren sollen von in- und ausländischen Firmen produziert werden, die differenzierte Lizenzen für bestimmte PS-Gruppen erwerben können.
Welch hochgespannte Gewinnerwartungen sich um den Plan ranken, die NSU Motorenwerke AG zur Welt -Lizenzgesellschaftszentrale zu machen, war unlängst einer Überschlagsrechnung zu entnehmen, die ein Anlageberater und Wankel-Freund aufstellte:
In drei Jahren werden etwa zehn Prozent aller Verbrennungsmotoren nach dem NSU-Wankel-Prinzip arbeiten, das heißt, sieben bis acht Millionen Motoren werden jährlich in der westlichen Welt von Kreiskolben-Motoren abgelöst. Rechnet man für jeden Motor durchschnittlich 75 Mark Lizenzabgabe, so würden NSU und Wankel rund 600 Millionen Mark jährlich an Bruttoeinnahmen einstreichen, NSU allein 360 Millionen Mark. Nach Abzug der Steuern blieben der Gesellschaft noch 200 Millionen Mark, fast das Achtfache des Aktienkapitals.
Freilich ist diese reißerische Kalkulation vorläufig noch Zukunftsmusik. Den großen Durchbruch in Westeuropa soll der Lizenzvertrag mit der Daimler-Benz AG bringen, der schon mehrmals von den Mercedes-Vertragsjuristen neu formuliert oder geändert worden ist. Obwohl der neue Vorstandsvorsitzer, Diplomingenieur Walter Hitzinger, von der Qualität des NSU-Wankelkindes überzeugt ist, machte er es den Unterhändlern sehr schwer.
Nachdem ihn die Neckarsulmer mehrmals an frühere Abmachungen erinnert hatten, spreizte sich Hitzinger gegen seinen NSU-Kollegen von Heydekampf wie eine Bulldogge, die sich nicht von einem scharfen Drahthaar-Rüden anbellen läßt.
Hitzinger fand immer wieder neue Gründe, um seine Unterschrift unter das Vertragspapier hinauszuschieben, so daß die Vermutung glaubhaft wurde: Der neue Manager benehme sich auf Weisung seines Großaktionärs, der Flick-Gruppe, so merkwürdig. Sie habe sich mit so vielen NSU-Aktien eingedeckt, daß sie zu gegebener Zeit auch ohne ausgetüftelten Lizenzvertrag das gesamte Wankelprojekt nach ihrem Belieben ausnutzen könne.
Erst in den letzten Wochen konnte Verhandlungsdiplomat Hutzenlaub die Flick-Manager unterschriftswilliger stimmen. Man verständigte sich über den finanziellen Teil. Die Vorleistung (drei Millionen Mark Eintrittsgeld, zahlbar in drei Jahresraten) ist für die Daimler-Benz AG nur eine Bagatelle.
Umstritten blieb jedoch die Klausel, nach der die Flick-Firma ab 1964 jährlich eine Mindestlizenzgebühr an die Wankel GmbH und NSU zahlen soll. Die Lizenzgeber wollen sich dagegen sichern, daß die Serienreife des Endversuchsmodells aus geschäftstaktischen Gründen verzögert wird. Die Lizenznehmer sollen gedrängt werden, die Umstellung der Fahrzeug- und Motorproduktion auf den neuen Typ zu beschleunigen und nicht nach Branchengepflogenheit so lange zu stoppen, bis alle noch mit konventionellen Motoren ausgerüsteten Wagen verkauft und die alten Materialbestände verbraucht sind.
Außerdem konnte sich die Flick-Gruppe schwer an den Gedanken gewöhnen, daß ihr die Wankel -Konzeption nur für den eigenen Fahrzeugbau und nur im Bereich von 120 bis 150 PS zur Verfügung stehen soll. An dieser Einschränkung halten jedoch die Lizenzverkäufer aus Geschäftsprinzip fest. »In diesem Jahr«, so spekuliert Hutzenlaub, »wollen wir möglichst
noch mit einem Dutzend Firmen Lizenzverträge abschließen.«
Auf seiner Bewerberliste stehen eine Anzahl Firmen, die sich schon fast für eine NSU-Wankel-Lizenz entschieden hatten, als der NSU-Börsenkursabfall und die abwertende Stimmungsmache der Dresdner Bank begann.
Mit seiner schlechten Meinung über das Neckarsulmer Unternehmen hielt ein Vorstandsmitglied der Dresdner Bank selbst im Ausland nicht zurück. Wankels Kompagnon erfuhr erst jüngst von seinem Schweizer Finanzmann, daß dieses Vorstandsmitglied (Hutzenlaub: »Den Namen will ich nicht nennen, aber er ist mir bekannt") düster prophezeit habe: NSU werde es bald genauso wie Borgward ergehen.
Obwohl die tristen Bankauskünfte manchen Lizenzbewerber abschreckten, gab Hutzenlaub seine Bemühungen nicht auf. So schickte er beispielsweise bereits Vertragsentwürfe an Citroen, Renault, Krupp, MAN und die Maschinenbaufirma Klöckner - Humboldt - Deutz. Die drei deutschen Firmen planen - zusammen mit Daimler-Benz - eine gemeinsame Dieselmotor-Konstruktion mit Kreiskolben. Renault entsandte gleich mehrere Ingenieure nach Neckarsulm, um den Vollast-Dauerlauf eines Versuchsmotors Tag und Nacht überwachen zu können. Sogar Rolls-Royce und General Motors stiegen in die Neckar-Niederung hinab. Mit Citroen und Renault ist neuerdings wieder verhandelt worden.
Um den Kleinaktionären auf der NSU -Hauptversammlung eine, beruhigende Antwort auf Fragen nach dem Daimler -Benz-Lizenzvertrag übermitteln zu können, von dem man sich eine stimulierende Wirkung auf mehrere abwartende Interessenten verspricht, ließ sich der Generalagent des Wankelmotors von Mercedes-Generaldirektor Hitzinger zusichern: »Wir unterschreiben jetzt in kürzester Frist.« Hutzenlaub vertraut auch auf Hitzingers Versprechen: »Auf dem Oktoberfest werden wir den Lizenzvertrag begießen.«
* Die Dresdner Bank übernahm die NSU -Aktien 1928 während des sogenannten Schapiro-Skandals. Der ehemalige NSU-Großaktionär Jakob Schapiro hatte das Neckarsulmer Unternehmnen durch gewagte Transaktionen ruiniert. Bei der Sanierung wirkte die Dresdner Bank mit, die den Finanzjongleur früher gefördert hatte.
* Wenn ein Bankkunde sein Vermögen in Wertpapieren anlegt, hat er gewöhnlich bei der Bank bis zu 60 Prozent des Depotwertes Kredit.
* Vergleichbar mit dem Kolbenringflattern in Hubkolbentmotoren.
Erfinder Wankel (r.), NSU-Versuchsleiter Froede (l.): Goldgräber*
NSU-Rennwagen auf der Avus (1923): Nach glorreichen Siegen ...
... in die Hagelschauer einer Krise: NSU-Rekordmaschine (1951)
Wankel-Protektor Keppler
Für Großdeutschland ...
Wankel-Partner Hutzenlaub
... eine Revolution
NSU-Partner Hurley: Eisbrecher, Lump oder Genie?
Industriekurier
NSU-Aktionäre: »Nerven behalten, gleich geht's wieder hoch!«
NSU-Direktor von Heydekampf (r.) Kollegen: Erst Leberwurst ...
... dann Kaviar: Daimler-Benz-Direktor Hitzinger
* Bei der ersten Vorführung des Wankel
-Motors im Januar 1960.