SPD/NIEDERSACHSEN Was zerbrochen
Wann immer in letzter Zeit niedersächsische Zeitungen versuchten, den Zustand der niedersächsischen Sozialdemokraten zu beschreiben, war von »Wurstelei« und »Dauermisere« die Rede, und die Urteile lauteten: »demoralisiert«, »schlaffe Truppe«.
Wohl wahr: Seit im Februar 1976 der CDU-Mann Ernst Albrecht mit Hilfe von sozialliberalen Abtrünnigen im Landtag zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, hatte die SPD nichts mehr zu bestellen. Der aus Bonn herbeibefohlene Genosse Karl Ravens, bis dahin Bundeswohnungsbauminister, war alles andere als eine Zugnummer. Partei und Fraktion schienen wie von einer Lähmung befallen.
Jetzt plötzlich sind sie alle wieder quickmunter. Aufgeweckt wurden sie, wie Landesvorstandsmitglied Hermann Oetting empfand, von einem »Schlag in die Fresse«.
Hingelangt hat der SPD-Bundestagsabgeordnete Gerhard Schröder, 39, früher Juso-Chef, seit fünf Wochen als Nachfolger des Parteitheoretikers Peter von Oertzen Vorsitzender des in Niedersachsen übermächtigen SPD-Bezirks Hannover - und wenn's nach ihm ginge, das ist die Schlagwirkung, bald auch Nachfolger von Karl Ravens.
Auf die Frage, ob er nun auch als Spitzenkandidat seine Partei in die nächste Landtagswahl zu führen gedenke, ließ Schröder, nebenher Rechtsanwalt in Hannover, in einem Interview mit einem Heimatblatt seinen Gedanken freien Lauf: »Wer das in Niedersachsen werden will, der braucht viel Mut und die Bereitschaft zu arbeiten. Beides ist bei mir vorhanden.« Er werde sich, so Schröder, »auf gar keinen Fall bewerben«.
Die Prozedur, einen Spitzenkandidaten zu ermitteln, hatte sich der Landesvorstand aus Funktionären der vier niedersächsischen SPD-Bezirke unter seinem Vorsitzenden Karl Ravens ganz anders vorgestellt.
Nicht nur sollte damit bis knapp vor der Landtagswahl in zweieinhalb Jahren gewartet werden, um den auserwählten Genossen nicht so lange »auf der Abschußbasis« warten zu lassen, wie Ravens erläutert. Überdies galt als ausgemacht, so Ravens, »auch auf die Bonner Schiene zu gucken«, ob da nicht ausrangierte Minister dem Landesvorstand in den Kram passen könnten.
Ravens selber hatte schon im Juni vorigen Jahres mitgeteilt, daß, »wenn es nach meinen Wünschen ginge«, die Partei mit einem anderen als ihm an der Spitze gegen Ernst Albrecht antreten sollte - verständlich nach zwei verlorenen Landtagswahlen, zuletzt mit nur 36,5 Prozent der Stimmen gegen 50,7 Prozent der CDU.
So etwas, fühlt Schröder mit, »haut schwer in die Psyche. Da ist was zerbrochen. Das hat verheerende Wirkungen hinterlassen«. Verheerend vor allem, daß Ravens nicht mehr zu vermitteln wußte, was man, so Schröder, »inhaltlich und personell denn nun neu machen will«. Nichts davon: »Keiner hatte den Mut zu sagen, da geht's lang.«
Darauf noch länger zu warten hielt Schröder für wenig sinnvoll, zumal er »spitzgekriegt« hatte, »daß etliche Leute in Bonn schon verhandelten«, wer auf Ravens folgen könne. So hatte der niedersächsische SPD-Landtagsabgeordnete Jochen Patzschke, Hauptlehrer von Beruf und Angehöriger eines Gesprächskreises, »den andere als rechts bezeichnen«, zum ehemaligen Verteidigungsminister Hans Apel Verbindung aufgenommen. Und siehe, der Bonner war »jederzeit bereit« (Patzschke), zu Gesprächen nach Niedersachsen zu kommen.
Das war für Schröder das Signal, allen Parteiregeln zum Trotz, wonach Personalfragen hinter verschlossenen Türen auszubrüten sind, sich schnell bemerkbar zu machen, denn womöglich erst »als dritter oder vierter genannt zu werden, das ist nie gut«. Daß er sich da als Spitzenkandidat »selbst aufgestellt« habe, wie ihm vorgeworfen wurde, hält er für »ein lächerliches Argument«.
Ravens, ehrbar und pflichtgetreu wie stets, kann dem nicht ganz folgen. Er, der sich mit seinen 56 Jahren einer Generation zurechnet, »in der so ganz bestimmte Verhaltensnormen noch vorhanden sind«, mißtraut so forschen jungen Genossen, bei denen er »ein Stück mehr Burschikosität« sieht, »und bei einigen auch ein bißchen mehr Kälte«. Nein, was Gerhard Schröder da gemacht hat, das hat ihn nicht nur »verletzt«, es hat ihn »noch mehr betroffen gemacht«.
Zumindest politisch betroffen war auch der SPD-Abgeordnete und Landtagsvizepräsident Helmuth Bosse, 54, altgedienter Landrat in Wolfenbüttel, der schon immer auf der Liste stand, wenn es, lange her, bei den niedersächsischen
Sozialdemokraten um Ministerämter ging. Er hatte sich ausgerechnet, bei der Suche nach Spitzenkandidaten gleichfalls erwähnt zu werden, und meldete sich nun, wie Schröder, erst mal selber an: »Da ich die Regeln verletzt sah, brauchte ich mich auch nicht mehr an sie zu halten.«
Trotz der Mimositäten, die Schröder auszulösen versteht, ist ihm die Mehrheit so gut wie sicher, wenn der SPD-Landesparteitag nun doch schon Mitte nächsten Jahres den Spitzenkandidaten für 1986 bestimmen soll: Von den 200 Delegierten kommen 97 allein aus dem Schröder-Bezirk Hannover, und am Ende reicht die einfache Mehrheit zur Wahl.
Sicher auch, daß Schröder Zustimmung für sein Konzept findet, »wie man dem Albrecht beikommt«. Durch liberale Programmatik will er die FDP, durch »Profilierung in Richtung Umweltschutz« die Grünen aus dem Landtag drängen und nur »auf einen Verbündeten« setzen: auf »die Unfähigkeit der CDU, Antwort auf die Krise zu finden«.
Dabei ist Ernst Albrecht für ihn »kein Keksonkel und kein Grinsemann«, sondern »einer der kältesten, aber auch intelligentesten CDU-Politiker« - zwei Eigenschaften freilich, die auch Gerhard Schröder zur Not für die Sozialdemokraten in die Waagschale werfen kann.
Vielleicht wird das gar nicht erforderlich sein. Entweder, weil Ernst Albrecht bis dahin Bundespräsident oder zumindest Bundesminister in Bonn geworden ist, was bei CDU-Insidern in Hannover als beschlossene Sache gilt, oder weil - unwahrscheinlicher - doch noch der Wunsch von Karl Ravens Erfüllung findet, »daß sich noch einer anbietet, bei dem wir alle miteinander laut ja rufen«.
Erst einmal hat sich Schröders Wunsch erfüllt: »In Niedersachsen müssen die Leute über die SPD reden, daß die da solche Dinge machen.«