Lange Zeit dachte man, Kohl und die CDU hätten sich entschieden. Für Richard von Weizsäcker als neues Staatsoberhaupt. Warum auch nicht? Er hat volles weißes Haar, ein Charakterprofil, gehört der CDU an, und überhaupt sieht er so aus, wie Präsidenten aussähen, wenn Präsidenten wie Präsidenten aussehen würden. Ein Mann für die Briefmarke.
Sogar die SPD, die gar nicht anders kann, wäre begeistert. Aber, denkt Kohl auf einmal argwöhnisch: Vielleicht will die SPD Weizsäcker gar nicht um seiner schönen weißen Haare willen, sondern weil sie ihn einfach aus Berlin forthaben will, weil dann die CDU in Berlin ...
Bisher hatte Kohl ja gedacht, er könne dann Wallmann nach Berlin, weil Wallmann einen Hauch von Goethe verströmt, vor allem aber jede Wahl gegen Sozis gewinnt. Da aber Wallmann Hessen verloren hat ... Kohl will also Weizsäcker lieber in Berlin lassen und Wallmann in Frankfurt. Vielleicht könnte er den Stoltenberg ...
Auch Stoltenberg hat silbernes Haar, wenn auch nicht in so präsidialer Fülle wie Weizsäcker. Stoltenberg kann sparen und rechnen. Wenn Stoltenberg Präsident würde, dann bliebe Weizsäcker in Berlin ...
Aber Strauß! Wenn Stoltenberg geht und Lambsdorff stürzt, kommt Strauß nach Bonn, denn dann hätte er die beiden Ämter, die er allein ausfüllen könnte, soviel kann auch Kohl rechnen. Da dann Stoltenberg Präsident ist, kann Kohl weder in dieses Amt flüchten noch Strauß dahin abschieben. Also muß, damit Strauß in München bleibt, falls Lambsdorff in Bonn bleibt, Stoltenberg im Amt bleiben.
Bleibt für den Präsidenten Dregger. Dregger sieht zwar nicht wie ein Präsident aus, das ist der Fehler, aber Weizsäcker bliebe in Berlin, Stoltenberg in Bonn, Zimmermann in Bonn, Strauß in München ...
Und Albrecht? Albrecht, denkt Kohl, könnte auch Präsident werden, weil er Kohl dann nicht mehr im Nacken säße. Wenn Albrecht Präsident wäre, sähe Albrecht nicht wie ein Präsident, sondern der Präsident wie Albrecht aus, schließt Kohl messerscharf.
Aber Albrecht könnte auch Stoltenbergs Nachfolger werden, wenn Stoltenberg nach Berlin ginge, weil Weizsäcker ... Wallmann könnte dann vielleicht nach Hannover, Dregger nach Frankfurt. Vielleicht ginge auch Strauß nach Berlin. Wenn die SPD Vogel nach Berlin schicken konnte, denkt Kohl ... Nein, denkt Kohl, jetzt denke ich zu viel.
Vielleicht könnte unser Vogel, nein, Präsident kann der nicht, weil der keine Gemahlin für die Krebshilfe oder so hat, kein Müttergenesungswerk, keine Fernsehlotterie, Vogel sieht auch nicht wie ein Präsident aus, sondern fast wie sein Bruder, ein schrecklicher Gedanke ...
Aber vielleicht könnte Vogel nach Frankfurt oder Berlin, wenn Strauß Präsident und Zimmermann Ministerpräsident in Bayern und Weizsäcker nach Hannover, falls Albrecht statt Lambsdorff nach Bonn ...
Vielleicht, denkt der Enkel Adenauers weiter, ist Barzel mein Lübke. Barzel hat leider überhaupt kein Silberhaar, aber er wäre der erste Präsident, der Schlittschuh laufen kann, vielleicht könnte er durch die Republik gleiten? Auch dann bliebe Weizsäcker in Berlin, Albrecht in Hannover, ich, Kohl, in Bonn. Und Strauß sollte sehen, wo er bleibt. Aber wenn Weizsäcker doch will? Wer hat denn noch weißes Haar? Wenn Lambsdorff in der CDU wäre, könnte er Präsident ... Lambsdorff hat keine weißen Haare, aber er ist Graf, und als Präsident stünde er über den Parteien, also auch über der Parteienfinanzierung, er könnte sich amnestieren und wäre die Staatsanwälte los. Die FDP wäre ihn los. Das ginge aber nur, wenn er verhindern könnte, daß Strauß ...
Oder Genscher? Genscher geht auf keine Briefmarke. Am besten wäre es, das Amt des Präsidenten mit dem des Kanzlers zusammenzulegen. Dann sollte Strauß, denkt Kohl, versuchen, in mein Kabinett zu kommen. Ich würde ihm die Ernennungsurkunde verweigern. Als Präsident. Die weißen Haare hätte Boenisch, ich könnte mehr Kabinettssitzungen ausfallen lassen.