Wer's glaubt, wird selig
Nr. 21/2002, Titel: Hirnforschung - Der gedachte Gott - Wie Glaube entsteht
»Ich weiß, dass ich nichts weiß« - ist es in diesem Sinne wirklich so irrational, an etwas zu glauben, was unser begrenztes Wissen übersteigt? Meiner Meinung nach ist es auch eine Form von Irrationalität, die Wissenschaft zu seinem einzigen »Gott« zu machen und alles, was wir nicht beweisen können, von vornherein auszuschließen, den Glauben zum »offenkundig Unwahren« zu erklären. Mal im Ernst: Klingt denn die Theorie, dass die Zehn Gebote das Resultat eines epileptischen Anfalls sind, wirklich vernünftiger als der Glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist?
MARBURG BENJAMIN FLUX
Herzlichen Glückwunsch, wenn jemand beim Brain-Mapping feststellt, welche Hirnareale bei frommen Menschen aktiv sind. Ja und? Ist jeder Theologe deshalb ein medikamentös schlecht eingestellter Psychotiker oder Epileptiker? Die Existenz Gottes an einer Hirnstruktur festzumachen ist ebenso naiv wie die Aussage des ersten Kommunisten im Weltraum, er habe dort keinen Gott angetroffen.
STOLBERG (NRDRH.-WESTF.) DR. ANSGAR STELZER
Um es sinngemäß mit Immanuel Kant zu sagen: Nur eine in der Existenz Gottes begründete Ethik begründet zwingend die unantastbare Würde und Freiheit jedes Menschen. Allen Versuchen und Versuchungen des wissenschaftlichen Naturalismus, die »traditionelle Religion, seinen Hauptkonkurrenten, als ein gänzlich materielles Phänomen zu erklären«, sei darum die Auffassung des Nobelpreisträgers für Physik, Carlo Rubbia, entgegengesetzt: »Als Beobachter der Natur kann ich den Gedanken nicht zurückweisen, dass hier eine höhere Ordnung der Dinge im Voraus existiert. Die Vorstellung, dass dies alles das Ergebnis eines Zufalls oder bloß statistischer Viel-
falt sei, das ist für mich vollkommen unannehmbar. Es ist hier eine Intelligenz auf höherer Ebene vorgegeben, jenseits der Existenz des Universums selbst.«
KIRCHHUNDEM (NRDRH.-WESTF.) ROBERT DROSTE
Selbst wenn die Religion aus einem objektiv messbaren Hirnschaden entsteht, besagt das gar nichts über ihren Wahrheitsgehalt. Auch wissenschaftlich-logisches Denken ebenso wie Träume lassen sich in irgendwelchen Hirnarealen nachmessen. Aber dass es im steinzeitlichen Überlebenskampf von Vorteil ist, an ein ewiges Leben zu glauben, liegt doch auf der Hand. Die Überzeugung, Teil eines höheren Wesens zu sein, für die gute Sache zu kämpfen, edler und besser zu sein als andere und anschließend auch noch ins Paradies zu gelangen, erhöht die Gewaltbereitschaft und Skrupellosigkeit. Wie die Vernunft bei dieser Auslese (survival of the Irrest) überleben konnte, scheint mir das größere Rätsel zu sein.
MAINZ MARGOT NEUSER
Zu bewundern ist, wie Sie die aktuellsten Forschungsergebnisse aufspüren, und zu danken ist Ihnen, wie verständlich Sie diese darstellen. Denn vor der Therapie liegt bekanntlich die Diagnose, und vielleicht hilft ja das Wissen über die neurophysiologischen Ursachen von menschlichem Mystizismus, dass Wahnsinnstaten im Namen von Religionen wie in Bosnien, Afghanistan, Kaschmir oder New York weniger wahrscheinlich werden, auch wenn die Behandlung der total Erleuchteten wohl noch in weiter Zukunft liegt.
BERLIN PROF. DR. KLAUS-WERNER WENZEL
Der Nachweis mehr oder minder gestörter Empfänger kann die Nichtexistenz eines Senders nicht beweisen.
KREFELD DR. ANDREAS JAFFÉ
Ihr Artikel ist ein Aufguss des uralten Streits zwischen Materialismus und Idealismus. Die Frage also, ob Geist durch Materie oder Materie durch Geist entsteht. Hirnforscher sollten sich nicht als Philosophen aufspielen. Dabei überschätzen sie ihre erkenntnistheoretischen Möglichkeiten. Auf Grund der jüngeren Einsichten in der Physik sollte man doch etwas vorsichtiger sein (was kommt zum Beispiel nach dem »Nichts«?). Gefährlich wird es, wenn man diese neue Spielart von Materialismus für bare Münze nimmt und damit an einem neuen Menschenbild herumbastelt. Dann werden die Gespenster der letzten Vergangenheit wieder lebendig. All die Ismen nämlich, welche auf dem überkommenen Darwinismus wurzeln. Gerade der religiös begründete Schutz des Individuums muss daher vehement gegen diesen unseligen Nihilismus hochgehalten werden. Wer meint, Gott abschaffen zu können, schafft letztlich die Würde des Menschen ab. Es stimmt eben doch, was Jesus einmal gesagt hat: Wer''s glaubt, wird selig.
BASEL BRUNO WALDVOGEL-FREI PFARRER
Der Soziobiologe Wilson sieht in der »traditionellen Religion« seinen Hauptkonkurrenten. Warum das? Vielleicht haben die Hohen Priester der Wissenschaft und Technik Angst vor der Konkurrenz des Christentums, das - leider muss man das anmerken - in der Gesellschaft immer noch angesehen ist? Auf der anderen Seite waren es vor 400 Jahren die Hohen Priester des Christentums, die enorme Angst vor der Wissenschaft und deren Exponenten hatten. Aber wie vor 400 Jahren die Kirchenleute irrten, als sie versuchten, die Wissenschaft eines Galilei oder Newton zu zerstören, so sind heute die Wissenschaftler im Unrecht, wenn sie die Religion von Moses und Jesus erledigen wollen.
COMO (ITALIEN) VINCENZO DE MARS
Ihre Titelgeschichte geht von einer falschen Grundannahme aus: Religion sei mit Irrationalität gleichzusetzen. Religion beziehungsweise Religiosität ist entstanden, weil der Mensch fähig war zu denken und sich deshalb fragen konnte: Woher komme ich? Wie gestalte ich mein Leben auf sinnvolle Weise? Wohin gehe ich nach meinem irdischen Tod? Aus diesen oder ähnlichen Fragen, also aus dem Gebrauch des Verstandes, lässt sich der Ursprung der Religion erklären.
KUMHAUSEN (BAYERN) ALFONS WEIGL
Einer der größten Kritikpunkte - und es gibt ja viele - bei der Hirnforschung zur Entstehung des Glaubens wurde in Ihrem Titelartikel leider nicht erwähnt: Der Glaube - zumindest im christlichen Kontext - besteht in erster Linie nicht aus »einem beglückenden Gefühl«, dem sich mit einem Strommessgerät nachspüren lässt. Der Glaube - im Christentum als eine Antwort auf Gottes Gnade verstanden - lässt sich am besten übersetzen als Zuversicht und Feststehen und drückt sich vielfältig aus, nicht zuletzt als Hingabe und Engagement, Langmut und Fürsorge, Vertrauen und Nichtresignieren. Beglückende Gefühle und Momente großer Erleuchtung, so schön sie sind, kommen und gehen; der Glaube aber, der nicht auf Sand - oder »Neurotheologie« - baut, bleibt.
FRANKFURT AM MAIN DR. JEFFREY MYERS PFARRER
Ich bin erschrocken, wie unsensibel mit Glaubensfragen verfahren worden ist. Zum einen erscheint Ihr Artikel zu Pfingsten, einem großen Feiertag der Christen. Zum anderen scheinen unausgegorene Forschungsergebnisse und offene Fragen offenbar auszureichen, um gar Vergleiche von Gläubigen und Pavianen zu zitieren. Mag auch das Gottesbild des Autors ein neurologischer Tatbestand sein, so denken nach der von Ihnen zitierten Statistik vier von zehn Personen anders darüber.
WIESBADEN FLORIAN GIBIS
Für die Anhänger des überheblichen Christentums ist dieser mutige Artikel hoffentlich etwas heilsam. Darin wurde diese religiöse Sekte, die in ihrer Geschichte mit Naturreligionen, Un-, Anders- und Abergläubigen nicht gerade zimperlich umsprang, als das geoutet, was sie eigentlich ist: eine ganz gewöhnliche Schar von Schädellappen-Epileptikern; nicht besser und nicht schlechter als jeder andere Illusionist, der nach einem höheren Sinn für sein Dasein sucht und es dabei manchmal völlig versäumt, sich über sein (einmaliges) Leben einfach nur zu freuen.
DARMSTADT URSULA BACHOFER
»Wann verschmelzen Geist und Kosmos?« Sobald unser Bewusstsein das zulässt. Doch das kann dauern: Die Experimente der »Neurotheologen« sind in etwa so sinnvoll wie das Zerlegen eines Fernsehgeräts auf der Suche nach Ulrich Wickert.
VAIHINGEN (BAD.-WÜRTT.) BERND FAEHSE
Erst will man den Sex abschaffen, weil die Fortpflanzung viel besser mit Gentechnik funktioniert; dann den Glauben, der eine evolutionär erworbene Fehlfunktion unseres Gehirns darstellt. Ihr Artikel gibt sich den hehren Habitus der Aufklärung und steht doch nur im Dienst einer Naturwissenschaft, die ein werthaltiges Denken als Behinderung empfindet und sich längst den Regeln des totalen Marktes ergeben hat. Sie wird den Kampf (gegen die Religion) erst dann aufgeben, wenn sie den ihr entsprechenden Menschen geschaffen hat, der nicht mehr nach dem Sinn des Lebens, nach Gut und Böse oder nach Gott fragt, aber jeden Tag brav einkaufen geht.
HOF (BAYERN) JOHANNES TAIG PFARRER
Herzlichen Glückwunsch! Na endlich, jetzt wissen wir, wie Gott und Glaube entsteht. Auguste Comte lässt grüßen! Wenn jemand in religiöser Ekstase ist, können wir also feststellen, dass irgendein Hirnareal erregt ist? Na und? Was erwarten wir eigentlich? Soll vielleicht der rechte Großzeh erregt sein? Wann endlich kapieren wir, dass wir nichts als eine naturwissenschaftliche Antwort bekommen, wenn wir eine naturwissenschaftliche Frage gestellt haben? Nicht mehr und nicht weniger. Zweifellos interessant für einige neurologische Spezialisten. Aber sind vielleicht damit unsere Fragen gelöst, die wir zu Hoffnung und Zweifel, zu Gott, Religion und Glauben haben?
HAMBURG DR. HEINRICH ERDMANN
Zwar würden nur hartgesottene Konstruktivisten behaupten, dass es keine Bäume gibt, weil das menschliche Auge und die entsprechenden Gehirnregionen das Bild des Baums erst erschaffen. Doch die Vorstellung »ohne Sinne keine Welt« hat schon etwas für sich. Dennoch ist es ein gewagter Schluss zu behaupten: Nur weil wir im Gehirn ein Instrument der Wahrnehmung für Gott haben, gibt es keinen Gott. Es ist schon faszinierend, welche Volten so genannte Naturwissenschaftler (und SPIEGEL-Redakteure) schlagen, um das, »was sich unsere Schulweisheit nicht träumen lässt«, wegzubeweisen.
MEINE-OHNHORST (NIEDERS.) SABINE SZYMANSKI
Auf Seite 196 wird die Frage formuliert: »Welcher neuronale Mechanismus ist verantwortlich für den Gottesglauben?« Ich schlage vor, die Forschungen zu erweitern auf die Frage: »Welcher neuronale Mechanismus ist verantwortlich für den Glauben, einen neuronalen Mechanismus für den Gottesglauben finden zu können?«
ERFURT DR. DIETER ELENDT
* Kolorierter Holzschnitt »Moses empfängt die Gesetzestafeln"von Julius Schnorr von Carolsfeld (um 1860).