STIFTUNGEN Wohl was locker
Auf der Frankfurter Buchmesse kam es zum Disput. Am Stand des Stuttgarter Seewald-Verlages, bekannt für konservative bis reaktionäre Editionen, erschienen die Grünen-Abgeordneten Petra Kelly und Bundeswehrgeneral a. D. Gert Bastian. Von Verleger Heinrich Seewald verlangten die beiden Prominenten der Friedensszene ein Exemplar seines neuesten Produktes - ein 304 Seiten starkes Paperback mit dem Titel »Der Krieg im Frieden«, herausgegeben von dem Amerikaner Lawrence P. McDonald.
Dieses »unbestreitbar konservativste Mitglied des Kongresses« ("New York Times") ist in Deutschland erst postum bekannt geworden: Larry McDonald saß in dem Korean Air Lines Jumbo, Flug Nummer 007, der am 1. September mit 269 Insassen von sowjetischen Abfangjägern über dem Ochotskischen Meer abgeschossen wurde.
Bastian und Kelly interessierten sich nur für einen bestimmten Ausschnitt aus dem Vermächtnis des 48jährigen Politikers aus Georgia, nämlich für jenen, den der Seewald-Verlag vorab als »hochaktuell durch die Aufdeckung der engen Verbindung der Grünen Gert Bastian und Petra Kelly zu der unter kommunistischem Einfluß stehenden US-Friedensbewegung« angekündigt hatte.
Doch Seewald verwies auf die Vorschriften des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels: »Ich gebe auf der Messe kein Buch ab.«
In Wahrheit mochte sich der Verleger mit den Besuchern nicht auf die für ihn peinliche Diskussion einlassen, warum der CDU-Abgeordnete Peter-Kurt Würzbach, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, sein in der Verlagswerbung angezeigtes Vorwort wieder zurückgezogen hatte. Die Einleitung war mit dem Unionschristen »fest vereinbart« (Seewald). Petra Kelly hatte Mitte August gedroht, ihren Rechtsanwalt einzuschalten, falls sich der Staatssekretär an der Diffamierungskampagne beteilige.
Bei einem Treffen mit Larry McDonald in Chicago, wenige Tage vor dem Flugzeugabschuß, entschuldigte sich Würzbach für seinen Kleinmut: Sein offenes Engagement sei der gemeinsamen Sache »nicht sehr förderlich«, erklärte er dem Amerikaner. Es sei besser, wenn McDonald »dort, ich hier Stellung beziehe«.
Was Frau Kelly und Bastian so in Rage brachte und der Verleger Seewald für 36 Mark in einer Auflage von zunächst 10 000 Exemplaren nun ohne Würzbachs Hilfe unters westdeutsche Volk bringen will, ist die Übersetzung des 1982 in den USA erschienenen Pamphletes »The War Called Peace«. Das Machwerk, für westdeutsche Leser etwa so interessant wie das Telephonbuch von Chicago, enthält ein alphabetisches Kompendium amerikanischer Friedensorganisationen und ihrer angeblichen Verbindungen zur Sowjet-Union sowie die Namen von Personen aus den USA und dem Ausland, die an Friedenskongressen in den USA teilgenommen haben.
Politischer Zweck der Schmähschrift: die Friedensbewegung als eine vom langen Arm Moskaus gelenkte Institution darzustellen, die nur dazu dient, die kommunistische Weltherrschaft zu etablieren. Aus der Bundesrepublik stehen prominente Friedensfreunde aller Schattierungen am roten Pranger: Neben Petra Kelly, Bastian und, natürlich, Erhard Eppler werden etwa der Bundeswehrgeneral a. D. Wolf Graf Baudissin sowie der Hamburger Friedensforscher Dieter Lutz den »Abrüstungsenthusiasten aus den Reihen der westdeutschen Militär- und Verteidigungsstruktur« zugezählt.
Sein Verdikt stützte der rechte Apostel McDonald auf den alttestamentlichen Propheten Jeremia, der schon das jüdische Volk vergeblich zur Wachsamkeit gegenüber seinen Feinden aufgerufen habe. Das Volk Gottes, klagt McDonald, überhörte den Ruf und wiegte sich lieber in »illusorischen Sprüchen über Frieden und Wohlstand«. »Frieden als Ziel, als Endzustand«, so übersetzt der Amerikaner die Jeremiade in die Gegenwart, »bedeutet die kommunistische Weltherrschaft. Doch Frieden als Taktik bedeutet, Konflikte vorläufig nicht auf militärische Weise anzugehen, sondern gewaltlose Kampfmethoden einzusetzen, die der Geheimdienst Tarnaktionen nennt.«
Frieden meine konkret »den Einsatz einflußreicher Agenten, die unter einem Deckmantel arbeiten und eine Art fünfte Kolonne bilden, um die öffentliche Meinung ... freier Länder zu manipulieren«.
McDonalds trivialer Antikommunismus paßt ins Bild eines Politikers, dessen besonderem Engagement für alles Rechte im amerikanischen Kongreß die »New York Times« einen ausführlichen Nachruf widmete.
Als führendes Mitglied der rechtsextremen, vom FBI als gefährlich eingestuften »John Birch Society« focht McDonald im US-Parlament gegen die Abtreibung und für das Recht des freien
Mannes, nach Gusto Waffen zu tragen. Er organisierte eine Kampagne gegen eine Erinnerungsstätte für den ermordeten Bürgerrechtler Martin Luther King, votierte gegen Pläne, Kings Geburtstag zu einem nationalen Feiertag aufzuwerten, verlangte Kürzungen der Nahrungszuschüsse für die Ärmsten und wehrte sich vehement dagegen, daß der Staat die steigenden Krankenhauskosten kontrolliert. Er verdammte Toleranz gegen Homosexuelle und stimmte mit Ronald Reagan für alles, was stark macht: von MX-Raketen bis zur Wiedereinführung der Wehrpflicht.
Doch Lawrence P. McDonald, der laut Seewald-Reklame »in der Nacht vom 31. August zum 1. September auf dem Flug von USA nach Südkorea zum Opfer des Kriegs im Frieden wurde«, hatte nicht nur Anhänger daheim, er war auch in der rechten Szene der Bundesrepublik - von Würzbach bis Franz Josef Strauß - wohlgelitten. Gedanken und Ideen des neuen Märtyrers der Rechten sollen auch weiterhin sorgfältig gepflegt werden.
1979 hatte McDonald in der Nähe von Washington eine Stiftung »Western Goals« gegründet, um die traditionellen westlichen Werte »für jeden Totalitarismus unangreifbar« zu machen. Wichtigste Investition des Vereins war ein Computer, der »Daten über Subversion und Terrorismus« (Stiftungsprospekt) sammelte, die nach Bedarf an den amerikanischen Geheimdienst weitergereicht wurden.
Hauptaktivist von Western Goals ist der Engländer John Rees, der - wie aus FBI-Dokumenten hervorgeht - Anfang der sechziger Jahre beim »Daily Mirror« wegen unsauberer Geschäfte flog und sich in den USA den Geheimdienstlern als Hiwi bei der Ausspähung der linken Szene anbot. Bei Western Goals fand er 1979 als »Editor« seinen Traumjob.
Zwei Jahre später, im Mai 1981, versammelte sich im Godesberger Rhein-Hotel Dreesen eine gemischte Gesellschaft, die »Western Goals Europe« gründete, zunächst mit Sitz in München. Das Münchner Finanzamt erkannte im Juli desselben Jahres das Unternehmen unter der Nummer 845/39570 als »gemeinnützig und besonders förderungswürdig« an. Western Goals Europe ist mithin berechtigt, abzugsfähige Spendenquittungen auszustellen. Neuerdings residiert die Stiftung im lippischen Lemgo.
Bei der Gründungszeremonie im Rhein-Hotel Dreesen dabei: die christsozialen Bundestagsabgeordneten Hans Klein und Hans Graf Huyn, der Osteuropa-Korrespondent der »Welt« Carl Gustaf Ströhm und die ehemaligen Militärs Admiral Günter Poser und Generalmajor Hans-Joachim Löser. McDonald verkündete den westdeutschen Freunden, die »dritte Revolution« Amerikas - Kürzel für den Machtwechsel im Weißen Haus - sei die letzte große Chance des Westens, die nicht vertan werden dürfe. Western Goals Europe sei gegründet worden, um alle Bemühungen, die diesem Zweck dienen, zu »kanalisieren«.
Tags darauf wurden McDonald und sein erster Deutschland-Direktor Karol Sitko, ein Exil-Pole, der schon unter Präsident Richard Nixon den Republikanern als »Berater« in ethnischen Fragen gedient hatte, im Plenum des bayrischen Landtags vorgestellt - »unter dem Beifall des Hohen Hauses«, wie die Western-Goals-Schrift »AE« vermerkte. Am Nachmittag folgte ein langes Gespräch mit Franz Josef Strauß.
Dem CSU-Vorsitzenden war mindestens Sitko schon lange bekannt. Denn der gebürtige Oberschlesier hatte schon Anfang der siebziger Jahre als Vorsitzender einer Emigrantenorganisation, der »German-American Heritage Group«, in USA heftig gegen die Ostverträge polemisiert. Wer Sitko 1972 in Washington nach Deutschland fragte, erfuhr zweierlei: »Mit Strauß bin ich lange befreundet, zur Zeit der hervorragendste Politiker in Deutschland.« Und: »Willy Brandt muß ja wohl auf den Kopf gefallen sein, bei dem ist wohl was locker - alle diese Gebiete zu verschenken, die ihm nicht gehören.«
Als Deutschland-Direktor von Western Goals hielt Sitko Kurs. Er hoffte »auf das Ableben des Geistes der Entspannung« und bekannte sich zum »Entstehen einer nationalen Politik, das auf der Gegnerschaft zur Sowjet-Union und zum Kommunismus und seinen expansionistischen Aggressionen in der Welt beruht«.
Wo solche Worte fallen, kann der CSU-Abgeordnete Hans Graf Huyn nicht schweigen. »Friede und Entspannung darf nicht weiter als Droge zur Einschläferung und Lähmung des Selbstbehauptungswillens im Westen wirken«, assistierte der Christsoziale in einer Publikation von Western Goals. Der rechte Adelige forderte ein Engagement der Europäer auch außerhalb der Nato, etwa im Mittleren Osten: Die traditionellen Interessen der Nato zu erfüllen reiche nicht, es müßten »über den bisherigen Geltungsbereich der Allianz hinaus neue Wege der westlichen Zusammenarbeit entwickelt werden«.
In der CDU hat Western Goals ebenfalls einflußreiche Fans. Der niedersächsische CDU-Abgeordnete Helmut Sauer schrieb 1982 das Nachwort zu der amerikanischen Ausgabe von »The War Called Peace«. Sauer, der als »Programmdirektor für Western Goals Europe« angekündigt wurde, sich inzwischen aber von der Stiftung getrennt hat, dankte McDonald, der habe »ein Licht auf die Leute und Operationen hinter der sogenannten Friedensbewegung« geworfen.
Applaus für Western Goals kommt auch von Werner Marx, dem Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag. In einer Rezension des Buches »The Strongest Ally« überschlug sich der CDU-Mann mit Lobsprüchen für die Thesen des Western-Goals-Autors Stefan Troyanski.
In dem Buch setzt sich Troyanski für den Widerruf sämtlicher Abrüstungsvereinbarungen mit kommunistischen Staaten ein, verlangt die Aufgabe der Entspannungspolitik und plädiert für die drastische Einschränkung des Technologietransfers nach Osten. Ziel müsse ein totales Handelsembargo sein.
Marx bekannte, er habe das Werk »mit großem Vergnügen und Zustimmung« _(Mit Ehefrauen Nancy Reagan (l.) und ) _(Marianne Strauß in der Heritage Stiftung ) _(in Washington. )
gelesen und wünschte, »daß die Verbreitung dieser Schrift und ihre Kenntnisnahme in Ost und West positive praktische Wirkungen haben kann«.
Ausgestattet mit derlei Referenzen, war es den Western-Goals-Leuten ein leichtes, sich Eintritt in eine deutsche Szene zu verschaffen, die fast nur noch vom Antikommunismus am Leben gehalten wird: die Vertriebenen-Verbände. Western-Goals-Vertreter waren beim Schlesiertreffen und, 1981, beim Sudetendeutschen Tag in Frankfurt dabei. Larry McDonald persönlich beehrte zusammen mit seinem Adlatus Sitko im Mai 1982 die Oberschlesier bei ihrem Bundestreffen in Köln (McDonald: »Dear Upper Silesians") und distanzierte sich dort von den Abmachungen von Jalta.
Im Sommer 1982 trat McDonald als einer der Schirmherren eines deutschamerikanischen Jugendkongresses im Hambacher Schloß auf. Mitveranstalter: die Landsmannschaft Thüringen und Western Goals Europe.
Im März dieses Jahres hat bei Western Goals in Lemgo der Völkerrechtler Professor Hans Werner Bracht von der Fachhochschule Lippe als Nachfolger Sitkos die Präsidentschaft übernommen. Er rühmt sich seiner guten Kontakte zur CSU, »ansonsten sind wir überparteilich«. Als seine entscheidende Qualifikation für sein Amt sieht er seine Vergangenheit: »Ich war 25 Jahre im Marxismus-Leninismus tätig.«
Schon deshalb drängt es ihn zu Gesinnungsgenossen wie dem ZDF-Moderator Gerhard Löwenthal und dem Herausgeber des reaktionären »Deutschlandmagazins«, Kurt Ziesel. Damit die deutsche Rechte künftig eine Sprache spricht, importierte Bracht bereits einen neuen »Bestseller« für den deutschen Markt: ein amerikanisches »Lexicon of Marxist-Leninistic-Semantics«, in dem ahnungslosen Bundesbürgern verklart wird, welch üblen Hintersinn die Kommunisten Worten wie »Frieden«, »Familie«, »Koexistenz« und »Infiltration« unterlegen.
Als Herausgeber zeichnet Raymond Sleeper, ein Oberst, der unlängst junge Reagan-Fans in Los Angeles aufforderte, Bilder und Adressen von Kommilitonen mit Ostkontakten an den Western-Goals-Computer in Arlington, Virginia, weiterzureichen.
In Propagandavereinen wie Western Goals, aber auch in hochqualifizierten reaktionären Denkfabriken wie der »Heritage Foundation« in Washington werden mit Millionenspenden jene Vorlagen entworfen, die deutsche und amerikanische Politiker für die Wende rückwärts präparieren.
Die rechte Kooperation über den Atlantik hinweg klappt vorzüglich. Bei der Feier zum zehnjährigen Bestehen der Heritage Foundation, dem einflußreichsten Braintrust der Republikaner, der für die konservativen Politiker Argumentationshilfen für alles erstellt, was aktuell ist, von Nato-Fragen bis zur Friedensoffensive der Sowjets, zeigten sich Franz Josef Strauß und Ronald Reagan gemeinsam. Und in dieser Woche eröffnet die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung ihre Dependance im neuen Heritage-Haus. Mitglieder politischer Stäbe, junge Journalisten aus beiden Ländern werden dort in gemeinsamen Seminaren für die rechte Sache gedrillt.
Während seiner USA-Reise Anfang Oktober attackierte Strauß die westdeutsche Friedensbewegung ausgerechnet in der »Washington Times«, einem Blatt,
das der rechtsradikalen Mun-Sekte gehört.
Wenn US-Präsident Reagan von der Sowjet-Union als dem »Reich des Bösen« spricht, das die Friedensdemonstranten »gekauft und bezahlt« hat, wenn Strauß den Untergang beschwört ("Die Friedensbewegung hat mobil gemacht, die Armeen des politisch-psychologischen Kriegs, vom Kreml gezielt eingesetzt und gesteuert, marschieren, Straßen und Plätze werden zu Schlachtfeldern umfunktioniert"), dann hätte das auch Larry McDonald gesagt haben können.
Oder Jeremia, der nur etwas anders: »Wir hofften, es sollte Frieden werden, aber es kommt nichts Gutes; wir hofften, wir sollten heil werden, aber siehe, es ist Schrecken da« (Jeremia 8, 15).
An Geld und wortreicher Unterstützung fehlt es den rechten Propheten nicht. Staatssekretär Würzbach versteht nicht mal die Frage, wem Pamphlete wie »Der Krieg im Frieden« nützen: »Das große Wehgeschrei, daß so ein Buch erscheint, kann ich nicht teilen.« Verleger Seewald beruft sich gar auf seine »Aufklärungspflicht«. Er könne sich »doch nicht verhalten wie die Leute auf dem Dorf, die über ihre Kirchturmspitze nicht hinausgucken«.
Seewald hat, wie Western-Goals-Präsident Bracht weiß, einen kräftigen Zuschuß aus USA erhalten. Den Rest trägt er aus der eigenen Schatulle bei: »Wir können nicht nur auf den Kommerz gucken. Wir fühlen uns da ein wenig zugehörig.«
Seit vorletzter Woche visiert Western Goals neue Finanziers an: Die Stiftung verklagte vor einem US-Bundesgericht die Sowjet-Union auf Zahlung von 100 000 Dollar. Sie sei durch den Tod McDonalds ihrer Führung beraubt.
Mit Ehefrauen Nancy Reagan (l.) und Marianne Strauß in der HeritageStiftung in Washington.