Zehn Hühner für Milan
Patrouillenführer Markus Peter und den ihm unterstellten 21 Mann flatterten die Nerven, als der »Kleidercode« geändert wurde. Das bedeutete am 28. Februar: Ausrücken mit Helm und Panzerweste. Diesmal, das wussten alle, ging es nicht um Routine-Fahrten durchs Hinterland von Foca, sondern um einen lebensgefährlichen Einsatz: die Jagd auf den serbischen Kriegsverbrecher Radovan Karadzic.
Doch die deutschen Soldaten der internationalen Bosnien-Friedenstruppe Sfor hatten Glück. Sie wurden bei der Aktion nahe Foca, zu der US-Spezialeinheiten aus Stuttgart eingeflogen waren, nur zur Rückendeckung benötigt. Den Hauptpart besorgten die Amis.
Dass Karadzic sich weiter in Bosnien versteckt, macht künftige Patrouillenfahrten problematisch. »Eigenschutz«, sagt Markus Peter, »hat bei uns auch weiter Priorität.« Verdächtige Fahrzeuge werden nicht gestoppt, sondern per Funk an die nächste Zentrale gemeldet. Alles andere wäre Selbstmord. Karadzic wird ständig von einem Dutzend schwer bewaffneter Bodyguards begleitet. Die schießen sofort.
Vorigen Mittwoch herrschte in der Kantine des deutschen Feldlagers in Rajlovac bei Sarajevo gedrückte Stimmung. Die Meldung vom Tod zweier Kameraden in Afghanistan wurde unter den 1500 Soldaten des 4. deutschen Heereskontingents ausgiebig diskutiert.
»Russische Raketen«, sagte einer »sind wie russisches Roulette.« Doch die meiste Angst haben sie hier auf dem Balkan vor unbeseitigten Minen.
In fast allen Kasernenräumen hängt ein »Minenkalender« aus. Seine roten Punkte beweisen: Der Minengürtel an der administrativen Grenze zwischen der bosnisch-kroatischen Föderation und der Republik Srpska hat sich seit Kriegszeiten kaum verändert. Keiner traut der anderen Seite.
Seit den Terror-Anschlägen vom 11. September hat sich das Leben im deutschen Feldlager drastisch verändert. Ausgänge sind nur noch an Wochenenden und in größeren Gruppen gestattet. Sfor-Soldaten sichern die vorab angemeldeten »Ausflugsziele innerhalb Sarajevos« großflächig ab. Wer bis 23 Uhr noch nicht im »Fuchsbau« zurück ist, wird mit Militärfahrzeugen gesucht.
Sollten sich aber doch Terroristen in den Kasernenhof einschleichen: Hinter dicken Eisenstäben eines Zwingers fletschen neun Kampfhunde die Zähne. Ihr nächtlicher Patrouilleneinsatz dauert nur drei Monate; dann brauchen die Tiere eine stressfreie Phase.
Für die Soldaten wird diese »stressfreie Pause« indes immer kürzer: Eigentlich sollten zwei Jahre zwischen zwei Auslandseinsätzen liegen. Doch der Personalmangel bei der Bundeswehr zwingt zu immer kürzeren Intervallen, zumal die Sfor-Dienstleistungen wachsen und längst den militärischen Rahmen gesprengt haben.
Major Annem, gelernter Diplomkaufmann, kümmert sich mit 40 ökonomisch vorgebildeten Militärs um die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen bosnischen und deutschen Kleinstunternehmen. 170 Betriebe sind bereits in einer Datenbank erfasst. Das »Gütesiegel Bundeswehr« hilft bei Kreditvergaben, Joint-Venture-Verträgen und schlägt selbst dem von der internationalen Gemeinschaft finanzierten Stabilitätspakt Projekte vor.
Der 57-jährige Oberfeldwebel a. D. Walter Krumpholz leitet im Rahmen der Sfor-Mission die Hilfsorganisation »Lachen-Helfer«. Damit die Menschen hier in Bosnien wieder lächeln können, sagt Krumpholz, habe er sich nach drei Bosnien-Einsätzen ein weiteres Mal »eintüten« lassen.
Fünf graue Bundeswehr-Container auf dem Kasernenhof hat Krumpholz kurzerhand für Waisenkinder »beschlagnahmt«. Zudem versorgt er 50 vergewaltigte Frauen und 60 Familien ehemaliger Lagerinsassen. Außerdem will er jetzt zehn Hühner für den Serben Milan kaufen, als Grundstock für dessen Landwirtschaft im Hinterhof.
Vorigen Donnerstag hatten die deutschen Soldaten einen Großeinsatz als Umzugsunternehmer: 51 bosnische Muslim-Familien sollten samt Hausrat in ihre alte Heimatstadt Zepa zurückgeführt werden. Die Europäische Union hatte die neuen Häuser finanziert. Doch als die Militär-Laster auf die Notbehausung der Familie Avdic zurollten, machte Mutter Zilka mit rot verweinten Augen keinen Hehl daraus, dass sie über die erneute Umsiedlung nach sechsjährigem Flüchtlingsleben nicht begeistert war.
In Zepa, der von den Serben 1995 zerstörten einstigen Enklave unter Uno-Schutz, gibt es keine Schule für ihre Kinder, keine Arbeit für den Ehemann. Das neue EU-Haus hat weder Strom noch Telefon. »Ruhig schlafen können wir hier bei den Serben kaum«, sagt Zilka Avdic.
Als letztes Mobiliar wurde von den deutschen Soldaten die Blechtonne zum Schnapsbrennen in den Militär-Lkw gehievt. »Haben Sie Kühe?«, fragte einer der Sfor-Möbelträger. Und er versprach, als die Umsiedler verneinten: »Die liefern wir gern nach.« RENATE FLOTTAU