ENGLAND / KANAL-INSELN Zeter und Mordio
Frankreichs neueste Verbündete im Kampf gegen die Briten sind Untertanen Ihrer Majestät.
»Lang lebe Charles de Gaulle«, riefen Anfang Oktober die Einwohner der britischen Kanal-Insel Sark. Sie forderten Frankreichs Staatschef auf, Großbritannien auf keinen Fall in den Gemeinsamen Markt zu lassen. Denn die Insulaner fürchten, ihre Steuer-Privilegien und damit ihre Touristen zu verlieren, von denen sie vorwiegend leben.
Die Kanal-Inseln (oder Normannische Inseln) Jersey, Guernsey, Alderney und Sark, maximal 50 Kilometer vor der französischen Küste gelegen und zusammen halb so groß wie das Land Bremen, gehören wohl zu Großbritannien, sind aber weitgehend unabhängig -- unter anderem in der Steuergesetzgebung.
Deshalb kosten Whisky und Zigaretten auf den kleinen Kanal-Inseln halb so viel wie auf der großen England-Insel, die Einkommensteuer ist etwa halb so hoch. Eine Erbschaftsteuer gibt es nicht. Unter den insgesamt 110 000 Einwohnern leben 23 Pfund-Millionäre.
Mehr als 700 000 Touristen -- zumeist Engländer -- kamen im vergangenen Jahr auf die Inseln. Jersey und Guernsey haben die nach London meistbeflogenen britischen Flughäfen.
Neben billigem Schnaps und langen Sandstränden finden britische Touristen auf den Inseln kriegerische Monumente, die es in England seit mehr als 900 Jahren nicht mehr gibt: Festungen fremder Besatzer. Die Kanal-Inseln waren im Zweiten Weltkrieg das einzige britische Territorium, das Deutschlands Wehrmacht besetzen konnte.
1940, nach der Kapitulation Frankreichs, überließen die Briten den Archipel kampflos den Deutschen. Die Soldaten der Wehrmacht wurden eingeflogen und mit britischen Polizeiwagen in ihre Hotelquartiere chauffiert.
Teile der Bevölkerung von Jersey und Guernsey und alle Einwohner Alderneys waren nach England geflüchtet. Auf Jersey blieben 200 britische Kriegsdienstverweigerer: Sie hatten sich zur Kartoffel-Ernte verpflichtet.
Die Deutschen unter dem schlesischen Grafen von Schmettow regierten mit sanfter Hand. Die Bobbies behielten ihre Uniform, im Gottesdienst wurde für die britische Königsfamilie und das Wohlergehen des Empire gebetet. Bei Festen sangen die Insulaner mit schriftlicher deutscher Genehmigung -- weiterhin die britische Nationalhymne.
»Benehmen und Disziplin der deutschen Truppen waren vorbildlich«, lobte der britische Jersey-Vizepremier Mollet. Über die Kinder britisch-deutscher Zärtlichkeiten tröstete sich Insel-Arzt Durand: »Es gab viel Inzucht hier. Der Einfluß fremden Blutes wird sich gut auf kommende Geschlechter auswirken.«
Hitler fürchtete einen britischen Angriff. Er schickte daher über 30 000 Soldaten auf die Inseln und ließ sie von Wehrmachtspionieren zur »Gepanzerten Faust des Atlantikwalls« ausbauen -- mit Kommandobunkern, Tunnelsystemen und zwei unterirdischen Krankenhäusern.
Doch die Briten scherten sich nicht um Hitlers Prestige-Inseln, sie sparten sie sogar nach der Invasion des Festlands aus. Am 9. Mai 1945, einen Tag nach der Kapitulation, rückten die Deutschen ihr britisches Faustpfand wieder heraus -- ebenso kampflos, wie sie es genommen hatten.
Allerdings: »Dem König von England gehört nichts auf diesen Inseln, außer dem Status eines Herzogs«, bestimmt eine Gerichtsurkunde aus dem Jahre 1331. Und die Insulaner hüten ihre Privilegien.
Sie leben nach britischen Gesetzen, die Westminster speziell für sie erläßt, haben aber keinen Vertreter im Londoner Parlament. Sie erkennen die Königin von England ais ihr Staatsoberhaupt an, aber nur unter dem Titel »Herzog der Normandie«. (Die Normandie gehört seit 1204 -- bis auf die Inseln -- zu Frankreich.) Sie unterstehen nicht der britischen Regierung, sondern -- zusammen mit der Insel Man in der Irischen See -- dem »Privy Council"' dem geheimen Staatsrat der britischen Krone, der sich von seinen Vizegouverneuren vertreten läßt.
Gegen Insel-Gesetze kann der Vize nur Einspruch erheben, wenn sie länger als drei Jahre in Kraft sind. Gegen Urteile der Insel-Richter -- die in der Regel keine Juristen sind -- gibt es keine Berufung, es sei denn, die verhängte Strafe sei länger als ein Jahr.
Die Insel-Bauern sprechen nach Normannisch, ein dem Französischen verwandtes Idiom. Droht einem Insulaner Unbill, ruft er nach alter Tradition: »Haro, haro, haro! A l'aide, mon prince, on me fait tort« (Zeter und Mordio! Zu Hilfe, mein Fürst, mir geschieht Unrecht).
Ihre Außen- und Verteidigungspolitik haben die Normannen der Londoner Regierung überlassen. Wenn diese die römischen Verträge unterzeichnen würde, wären daher auch die Inseln in den Gemeinsamen Markt aufgenommen, ihre Steuer-Privilegien verloren.
Sark, die kleinste der vier Hauptinseln, würde den Gemeinsamen Markt um ein Exotikum bereichern. Denn hier regiert Europas letzte absolute Herrscherin: Sibyl Mary Collings Beaumont Hathaway, 83, die »Dame of Sark«.
Die 500 Untertanen schulden ihrer Feudalherrin den Zehnten der Erute und ein Huhn pro Schornstein, Sibyl leistet der englischen Krone 50 Schilling (28 Mark) pro Jahr. Nur sie hat das Recht, auf Sark Tauben zu züchten und eine Hündin zu halten.