ENGLAND / EWG-BEITRITT Zweiter Wind
Millionen Anzeigen warben: »Labour hat Lebenskraft und Seele«. Auf dem Labour-Parteitag brauchte am Dienstag letzter Woche Premier Harold Wilson, der »furchtlose Harold« ("The Daily Telegraph"), aber vor allem einen kühlen Kopf. Denn immer mehr Engländer sprechen sich gegen einen fundamentalen Punkt seiner Regierungspolitik aus: Englands Beitritt zur EWG.
Im Seebad Brighton, in der architektonischen Geschmacklosigkeit des »Top Rank Centre« sonst eine Eis- und Bowlingbahn -, hatten sich die Labourgenossen zu ihrem 68. Parteitag versammelt. Wilsons Europa-Gegner sannen darauf, ihrem Premier eine Schlappe beizubringen.
Doch als dieser vor die Delegierten trat, waren »Mr. Wilson der Pragmatiker, Mr. Wilson der Moralist und Mr. Wilson der Varieté-Komödiant gut gestimmt« ("The Guardian"). Und als der Parteichef seine Rede beendet hatte, jubelten ihm alle zu, stehend, 67 Sekunden lang.
Tatsächlich brillierte Wilson nicht nur mit ironischen und höhnischen Hieben auf die konservativen Rivalen ("Wenn sie aufhören, Lügen über uns zu verbreiten, hören wir auf, die Wahrheit über sie zu sagen"). Aggressiv und selbstbewußt besänftigte er auch die EWG-Gegner unter den Genossen.
»Wir stehen der Herausforderung durch Europa nicht mehr mit der Mütze in der Hand gegenüber, wie noch im Jahre 1961«, trumpfte Wilson auf. »Europa braucht uns in gleichem Maße
und manche sagen sogar mehr wie wir Europa brauchen.«
Dieses Selbstbewußtsein vermittelte dem Premier vor allem die Tatsache, daß die Briten für die ersten sechs Monate dieses Jahres in ihrer bislang chronisch passiven Zahlungsbilanz endlich wieder einen Überschuß von rund 460 Millionen Mark erwirtschaftet hatten. Kolumnist Woodrow Wyatt: »Wir sind nicht mehr der kranke Mann in Europa.«
Im November wollen sich EWG-Europas Regierungschefs endlich auf einem Gipfel mit Englands Beitrittswunsch befassen. Doch inzwischen ist vielen Briten der Appetit auf die lang begehrte Frucht vergangen.
Wortführer der »Anti-Marketeers« (Beitrittsgegner) in der englischen Publizistik ist seit je der Londoner »Daily Express«. Jetzt ließ sich das Patriotenblatt vom amerikanischen Demoskopie-Institut Harns seinen stets auf der ersten Seite verkündeten Glauben bestätigen, der Durchschnittsbrite sei einer EWG-Mitgliedschaft abgeneigt.
Ergebnis einer in 120 englischen Wahlkreisen geführten Harns-Umfrage: 54 Prozent der Briten mißbilligen, nur 30 Prozent befürworten einen EWG-Beitritt. Mit Genugtuung konnte der »Daily Express« ferner berichten, daß die 1500 Privatunternehmen (mit insgesamt knapp drei Milliarden Mark Jahresumsatz) umfassende »Smaller Businesses Association« gegen den Anschluß an die Sechs ist.
Abkehr vom Bittgang nach Brüssel verlangt daher die Anti-Marketeer-Lobby nicht nur bei den Sozialisten, sondern auch bei den Liberalen und Konservativen. Die Liberalen haben auf ihrem Parteitag einem Antrag auf EWG-Mitgliedschaft nur bedingt zugestimmt. Und beim Parteikongreß der Konservativen in diesem Monat stehen sogar von 32 Anträgen zur EWG-Frage 26 im Wortlaut einem Beitritt feindlich oder höchstens lauwarm gegenüber.
Kompromißloser war der ehemalige Handelsminister Douglas Jay, Führer der Beitrittsgegner in der Labour-Partei. Er verglich einen britischen EWG-Beitritt mit Chamberlains Appeasement-Politik.
Im »Guardian« griff Jay einen energischen Befürworter des Beitritts, den Ex-Außenminister George Brown, hart an. Brown hatte behauptet, England müsse in die EWG eintreten, wenn es nicht noch weiter hinter den festlands-europäischen Lebensstandard zurückgefallen wolle. Denn von 1958 bis 1967 sei das Bruttosozialprodukt in England um nur 58 Prozent gestiegen, in EWG-Ländern dagegen um 97 Prozent, das jährliche Einkommen je Erwerbstätigem in der gleichen Zeit in England um 61 Prozent, in EWG-Ländern aber um 106 Prozent.
Tatsächlich verdient der Durchschnitts-Engländer erstmals seit dem Mittelalter weniger als sein Gegenüber in Luxemburg, Belgien, Frankreich oder in Westdeutschland. Jay machte für den Fall des Eintritts in die EWG die Gegenrechnung auf:
England werde hohe Beiträge in den EWG-Landwirtschaftsfonds zahlen müssen, die Vorzugspreise britischer Exportgüter in den Ländern des Commonwealth und der Efta verlieren, aus den USA und Japan teure Fertigwaren einführen und höhere Lebensmittelpreise hinnehmen müssen. Ergebnis laut Jay: jährliche Kosten von rund zehn Milliarden Mark.
Im Streit zwischen Brown und Jay bescheinigte der »Guardian« dem Beitrittsgegner: »Jay scheint der akkuratere Prophet der beiden zu sein. Außerdem befürchtet das Blatt, im Falle eines EWG-Beitritts würde England verarmen: »Großbritannien könnte als Ulster eines Föderal-Europas enden.«
Einen EWG-Glaubenskrieg auf Labours Parteitag verhinderte Wilson. Frohlockte Labours Innenminister James Callaghan: »Wir haben nicht etwa keine Luft mehr, wir bekommen gerade den zweiten Wind.«