Erziehungsexperte über die Macht der Erinnerung Wie Kinder zu glücklichen Erwachsenen werden
SPIEGEL: Herr Renz-Polster, was ist Ihre liebste Erinnerung, wenn Sie an Ihre Kindheit denken?
Renz-Polster: Gestern lag ich mit unserer fünf Wochen alten Enkeltochter im Garten unter einem Baum. Wir schauten beide hoch, und mir fiel ein, dass unsere Mutter meinen Zwillingsbruder und mich zum Mittagsschlaf immer unter einen großen Baum im Garten legte. Ich sehe noch wie heute die Äste leise schwingen und fühle die Stimmung: dazuliegen, überdacht und geborgen.
SPIEGEL: Gibt es auch eine schlimme Erinnerung?
Renz-Polster: Ja, wir waren vier oder fünf Jahre alt. Meine Eltern sind abends oft noch mal spazieren gegangen. Einmal wachten wir auf, und die Eltern waren weg. Meine zwei Jahre ältere Schwester und wir beiden Kleinen haben detektivisch überlegt, wo sie sein könnten, sind dann losgetigert, raus in die Nacht, und haben die Eltern gesucht. Und wir haben sie gefunden.
SPIEGEL: Große Freude!
Renz-Polster: Eben nicht. Die haben uns geschlagen! Das geschah extrem selten, und wir waren doch nur voll gutem Willen, unsere Eltern zu finden. Für uns kam das außerhalb von allem Erwartbaren, ein schwerer Missbrauch von Vertrauen. Ich spüre heute noch, wie sich dieses furchtbar ungute Gefühl einstellt, wenn jemand, der mir nahesteht, plötzlich verschwunden ist.
SPIEGEL: Überwiegen insgesamt die guten Kindheitserinnerungen?
Renz-Polster: Ja klar. Das beherrschende Gefühl war: Die Färbung ist bunt und warm, die Welt ist gebend, und uns kann nichts passieren.