Geschlechtergerechte Sprache: Liebe CDU, bitte verbiete das Gendern! - DER SPIEGEL
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meinung •Alter! – Die Midlife-Kolumne Liebe CDU, bitte verbiete das Gendern!

Es ist vermutlich die beste Chance, der geschlechtergerechten Sprache zum Erfolg zu verhelfen. Ich setze dabei auf die Protestkraft der Jugend – und hoffe, dass ich in meinem Alter auch noch lernfähig bin.
Für ein Genderverbot: Der Hamburger CDU-Landesvorsitzende Christoph Ploß
Für ein Genderverbot: Der Hamburger CDU-Landesvorsitzende Christoph Ploß

Für ein Genderverbot: Der Hamburger CDU-Landesvorsitzende Christoph Ploß

Foto: Markus Scholz / picture alliance / dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Neulich zeigt mein Sohn mir Corona-wehmüdig ein Video von einem Festival. »Oh, warst du auch in dem Moshpit?«, will ich von ihm wissen. »Woher weißt du denn, was ein Moshpit ist?«, fragt er mich entgeistert.

Da meldet sich der kleine Schweizer aus der Ricola-Reklame in meinem Inneren und fragt: »Wer hat's erfunden?« Es folgt eine Exkursion in meine Jugend und die ersten Punk- und Death-Metal-Konzerte. Die dazugehörigen Exzesse lasse ich aus pädagogischen Gründen unter den Tisch fallen.

»Weißt du eigentlich, dass ihr wegen uns das Wort ›geil‹ einfach so sagen könnt?«, will ich stattdessen von meinem Sohn wissen. Er guckt wie ein Auto.

»In den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts tauchte es auf«, erkläre ich ihm, »plötzlich hat es jeder gesagt. Jeder unter 25: geile Musik, geile Party, geiles Wetter. Alles war über Nacht plötzlich geil. Das Aussprechen dieses Wortes hatte eine unfassbare Wirkung auf ältere Leute. Für die hatte es damals noch eine höchst unanständige Bedeutung, sie fühlten sich dadurch peinlich provoziert, als würde man heutzutage tausendmal hintereinander ›ficken‹ sagen. Na ja, das geht mittlerweile ja auch. Aber damals durften wir in der Schule nicht ›geil‹ sagen. Mein Französischlehrer hat mich mal deswegen aus der Klasse geworfen und mir dazu den Befehl erteilt, die Löcher in meiner Jeans endlich flicken zu lassen.«

Mein Sohn ist fassungslos. Er kauft zerrissene Jeans im Laden, und das Wort »geil« kennt er vor allem aus einem Werbespot mit einem alten Mann, der alles »supergeil« findet.

Vielleicht hängen wir zu sehr an den Substantiven?

Sprache verändert sich ständig. Die Jugend ist ein Katalysator dafür. So könnte sich auch das Gendern im gesprochenen Wort komplett durchsetzen – wenn nur die zur Verfügung stehenden sprachlichen Varianten in der Artikulation nicht so sperrig wären. Der Glottisschlag in Sternchen- oder Doppelpunktwörtern kommt auch mir schwer über die Lippen. Dabei habe ich Anglistik studiert, aber ältere Gehirne können sich wohl nicht mehr so schnell umgewöhnen. Gerade Menschen meiner Alterskohorte, also die Boomer – und, ja, genau, die Boomerinnen, tun sich schwer, das xx:innen so auszusprechen, dass Männer sich nicht benachteiligt fühlen. Vielleicht gibt es auch zu viele verschiedene Varianten? Das Gendern kommt mir vor allem deshalb so schwierig vor, weil es sich in der gesprochenen Sprache noch nicht richtig durchgesetzt hat. So wie der internationalen Kunstsprache Esperanto fehlt den geschlechtsneutralen Formulierungen das eingehauchte Leben, eine gewisse gewachsene Selbstverständlichkeit.

Alter! – Die Midlife-Kolumne

In der Jugend erlebt man vieles zum ersten Mal: den ersten Kuss, die erste Reise ohne Eltern. Wenn man die Marke 50 streift, geschieht auch viel Neues: die ersten Hitzewallungen, das erste künstliche Gelenk. Und einiges sieht man plötzlich anders. Warum früher trotzdem nicht alles besser war, davon erzählen an dieser Stelle unsere vier Kolumnistinnen und Kolumnisten im Wechsel. Alle Kolumnen finden Sie hier.

Deswegen brauchen wir jetzt die Unterstützung der CDU. Ich habe eine brandheiße Anregung für das Wahlprogramm, das die Partei für die kommende Bundestagswahl am 21. Juni veröffentlichen will: Bitte, liebe CDUler, verbietet das Gendern! Ihr macht es so spannend, alle anderen Parteien haben ihre Programme schon veröffentlicht. Greift den Vorschlag eures Hamburger Landesvorsitzenden  auf! Vielleicht werdet ihr so auch die Konkurrenz von der AfD los, einfach rechts überholen?

Mit einem Genderverbot werdet ihr in aller Munde sein. Die Wählerstimmen der Frauen sind euch ohnehin egal, was jeder an der Frauenquote eurer CDU-Bundestagsfraktion sehen kann: lächerliche 20,7 %, im Ranking gleich nach der AfD.

Vielleicht schickt der Vatikan zur Unterstützung der CDU dann auch Visitatoren, die verzweifelt versuchen, 5000 Jahre Patriarchat zu verteidigen. »Nobody expected the Gender Inquisition!« Geile Filmszene, ich sehe sie schon vor mir.

An dieser Stelle kommt die Jugend ins Spiel und ihre angeborene Abneigung gegen das Reaktionäre. (Das ist doch noch so, oder?) Mein Plan: Etwa fünf bis zehn YouTuber sollen unter der Führung von Rezo die sprachliche Wende herbeiführen – was die CDU verbietet, kann nicht ganz schlecht sein. Es ist längst überfällig, dass die Gleichberechtigung in der Sprache Einzug hält, aber auch in meinem Gehirn haben sich mehr als 50 Jahre Sprecherziehung mit dem generischen Maskulinum eingebrannt. Ich brauche eine jugendliche Bewegung, die das alles mal gründlich durcheinanderbringt. Die mir eine neue Sprache beibringt.

Ich hoffe nur, die jungen Leute einigen sich turbomäßig auf eine einzige gut zu artikulierende Version beim Gendern. Es darf nicht so kommen wie mit den Videoformaten Betamax und VHS in den Achtzigern: Betamax war qualitativ besser, aber VHS günstiger. Auch sprachlich müssen wir jetzt auf Qualität achten.

Vielleicht hängen wir auch zu sehr an den Substantiven? Man könnte doch die Artikel neutralisieren, dann hätten es auch Leute leichter, die die deutsche Sprache lernen wollen. Ich schlage einen geschlechtsneutralen Artikel statt der/die/das vor. Bilden könnten wir ihn (den Artikel, schon wieder ein Kerl) aus einer Mischung der Geschlechtschromosomen. Die Formel:

M + x + y = myx

Myx Ingenieure, myx Erzieher und myx Bäcker. Aussprachetechnisch ist das leicht zu lernen. Klingt wie ein »Hicks« und ist schneller erledigt als »Ingenieurinnen und Ingenieure, Erzieherinnen und Erzieher und Bäckerinnen und Bäcker«. »Beim Bäcker« hieße dann »myxem Bäcker«.

Okay, auch nicht so geil. Vielleicht haben die jungen Leute doch noch eine bessere Idee?