Ruth Westheimer, 96 - Nachruf - DER SPIEGEL
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Gestorben Ruth Westheimer, 96

• aus SPIEGEL Chronik 1/2024
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Gabby Jones / NYT / Redux / laif

Wohl niemand anders hätte es fertiggebracht, den Amerikanern zu besserem Sex zu verhelfen, als Ruth Westheimer. Die promovierte Soziologin war freundlich, neugierig, vorurteilsfrei, unbekümmert, amüsant – und kundig. Aus einer Hörfunkkolumne namens »Sexually Speaking« entwickelte sich ab 1980 eine jahrzehntelange Medienkarriere, die »Dr. Ruth« zur bekanntesten, mit Ehrungen überhäuften Sexualkundelehrerin in ihrer vom Puritanismus geprägten Wahlheimat machte. Denn eigentlich stammte das nur 1,45 Meter große Energiebündel aus Deutschland: Geboren als Ruth Karola Siegel in der Nähe von Würzburg, entging die Tochter einer jüdischen Unternehmerfamilie dem Holocaust nur, weil ihre Eltern sie mit einem Kindertransport in die Schweiz schickten. Ihre Eltern sah sie nie wieder. Sie emigrierte erst nach Palästina, wo sie als Scharfschützin ausgebildet wurde, dann nach Paris, schließlich nach New York, wo sie – endlich angekommen – mehr als 60 Jahre in derselben Wohnung lebte. Hinter der ansteckenden Lebensfreude stand immer der erlebte Verlust, auch die Einsamkeit, die sie am Ende ihres Lebens zu ihrem großen Thema machte. Ihr Maskottchen war die Schildkröte, die zum Fressen ihren Kopf aus dem Panzer steckt: »Schildkröten müssen Risiken eingehen, wenn sie leben wollen.«

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