Thesen über die Natur des Menschen Wolf oder Schaf?
Aggression gehört zur Grundausstattung der Menschen? Ohne sie ließen sich keine eigenen Wünsche durchsetzen? Rutger Bregman sieht das anders. Der niederländische Historiker ist der Meinung, der Mensch sei »Im Grunde gut« (so auch der Titel seines Bestsellers von 2020. Zuvor beschrieb er bereits »Utopien für Realisten« (2017), aktuell wirbt er für »Moralische Ambition« (2024). Er behauptet dabei nicht, dass Menschen dauerlächeln müssten, sondern verweist auf ihre sozialen Interessen.
Damit bezieht er sich auf einen bislang ungeklärten Disput über das Wesen der Menschen. 1642 erklärte der Philosoph Thomas Hobbes, der Mensch sei dem Menschen ein Wolf (lateinisch: »Homo homini lupus«). Im »Naturzustand«, also ohne irgendwelche Gesetze oder Regierungen, komme es zum »Krieg aller gegen alle«. Daher sei es sinnvoll, sich freiwillig Herrschenden zu unterwerfen, die Recht und Ordnung durchsetzen.
Gut hundert Jahre später vertrat Jean-Jacques Rousseau die gegenteilige Meinung. Menschen seien kooperativ und empathisch. Sie schlössen aus freien Stücken und zum Wohle aller einen Gesellschaftsvertrag, um gemeinsam mehr zu erreichen.
Wer hat nun recht? Das wird immer noch diskutiert.
Bregman belegt, dass Menschen nicht immer nur aus Eigennutz handeln. An zahlreichen Beispielen zeigt er, dass wir sehr wohl fähig sind, das große Ganze zu sehen und Egoismus im Zaum zu halten. Der Mensch sei eben kein homo oeconomicus, stets rational nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Viele von uns engagieren sich für gute Ziele und streben nach Verbundenheit. Das stimmt. Aber folgt daraus, dass das für alle gilt? Oder ermöglicht diese Haltung es nicht vielmehr den Übrigen, sich ungestraft die Taschen vollzumachen?
Natürlich kann auch Bregman Aggression, Kriege und Krisen nicht verleugnen. Doch er glaubt, die Menschheit habe sich nicht wegen ihrer Ellenbogenkraft und Mordlust, sondern aufgrund ihrer Kooperationsfähigkeit durchgesetzt. Angeblich wegweisende Aggressionsexperimente (zum Beispiel das Stanford-Prison- oder das Milgram-Experiment) seien manipulativ und belegten höchstens die Wirkkraft autoritärer Suggestionen. Es gäbe auch keinen ernsthaften Grund zu der Annahme, echte Jugendliche würden sich verhalten wie im Roman »Herr der Fliegen«. Und nach Katastrophen wie Wirbelstürmen oder Terrorangriffen zeigten Menschen ebenfalls überwiegend Solidarität und Hilfsbereitschaft.
Bregman folgert: Menschen würden gut miteinander auskommen, wenn man sie nur ließe. Sie benötigten dafür soziale Nähe, flache Hierarchien sowie transparente Mitbestimmungsmöglichkeiten. Klar ist: Wer Menschen für schlecht hält und ihnen misstraut, erzeugt genau die befürchteten Verhaltensweisen. Ein angenehmes Miteinander ist nur möglich durch Optimismus und Vorschussvertrauen.
Die Befürchtung, dass das auch (mal) schiefgehen kann, kann Bregman allerdings nicht entkräften.