Der Kanzler auf der Expo: "Die Gerd-Show" - DER SPIEGEL
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Der Kanzler auf der Expo "Die Gerd-Show"

Händeschütteln, Lächeln, Autogramme geben - außer Kamerateams, Sicherheitsbeamten und ab und zu einigen Besuchern bekommt Bundeskanzler Schröder am Eröffnungstag wenig von der Expo zu sehen. Andere Politiker tun sich da leichter.
Von Alexander Stirn
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Heidemarie Wieczorek-Zeul, ihres Zeichens Minsterin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, über das Expo-Gelände spaziert, kann sie das trotz ihrer Bekanntheit relativ unbehelligt tun: Zwei Leute vom Protokoll, die persönlichen Referenten, Personenschutz, drei Journalisten, ein Kamerateam - für Politikerverhältnisse fast schon private Verhältnisse.

Trotz des leuchtend blauen Rocks und der auffallend dunkelroten Haare bleibt die "rote Heide" in Expo-Halle 12 vom Wahlvolk weitgehend unbehelligt. Ihr gefällt's. Noch dazu, wo die Ministerin in der Afrika-Halle quasi ein Heimspiel hat: Ein Pläuschchen am Stand von Senegal, ein Händedruck beim Kongo, alte Bekannte aus Nigeria. Auch für ein Gespräch mit Expo-Besuchern bleibt Zeit.

Hauptsache die Begegnungen fallen kurz aus, denn das Protokoll drängt. Als Wiczorek-Zeul am Seiteneingang der Halle wieder ans Tageslicht tritt, fährt auch schon ein weißer Reisebus vor. Der Chef kommt - und mit der Beschaulichkeit in der Afrikahalle ist es urplötzlich vorbei. Kaum hat Bundeskanzler Schröder samt Gattin sein Vehikel verlassen, spucken zwei weitere Busse Heerscharen von Pressevertretern aus. Unter die Anzug- und Uniformträger, die den Kanzler bei seinem Rundgang begleiten, mischen sich Fotografen, Journalisten und Kamerateams. Ellbogen sind gefragt.

"Können wir nicht ein bisschen Platz haben?" Die Worte des Protokollchefs klingen eher resignierend als überzeugend. Auch der Versuch, mit einer dicken roten Kordel etwas Platz zwischen Promis und Presse zu bringen, ist von Vornherein zum Scheitern verurteilt: Aus allen Ecken drängeln sich mittlerweile Menschen um den Pulk. Dass der Kanzler eingetroffen ist, spricht sich schnell herum. "Da ist er", entfährt es einem kleinen Jungen. Der Steppke steht, zu seiner und der Überraschung der Personenschützer, auf einmal nur einen Meter neben Schröder.

Drei Mädchen, so um die 14, haben da weniger Glück. "Wo ist er denn", fragt die Blonde und reckt den Hals. Ihre Freundin hat mehr Erfolg, kann zwischen Kamerateams und Fotografen einen Blick auf den Kanzler erhaschen. Erstaunt stellt sie fest: "Och ist der klein."

Schröder macht inzwischen das, was er besonders gut kann: Händeschütteln und in die Kameras lächeln. Über den Senegal geht es weiter nach Kenia. Hier ein paar Damen in Landestracht, dort ein afrikanischen Lied. Der Kanzler lacht und versucht im Takt mitzuklatschen.

Während die meisten Besucher die Fotoapparate zücken oder zumindest stehen bleiben, stößt der Prominententross nicht bei allen auf ungeteilte Zustimmung. "Gerd, Du alte Sau", ruft ein jugendlicher Expo-Besucher - bekommt aber sofort böse Blicke zugeworfen und von seinem Kumpel, ob der plötzlichen Aufmerksamkeit, ein "Muss das sein?" zugeraunt. "Die Gerd-Show" stellt ein junger Vater trocken fest und schaut sich mit der Familie lieber in Ruhe den nächsten Stand an.

Nicht alle nehmen den Rundgangs-Stress äußerlich so gelassen hin wie der Bundeskanzler. In seinem grauen Anzug wird es dem Protokollchef sichtlich warm. Der Schweiß läuft, die Anspannung ist ihm im Gesicht abzulesen. Mit einem weißen, leicht zerknitterten Blatt Papier in der linken Hand gibt der Glatzenträger die Richtung vor - und drängt auf die Zeit.

Allzuviele Minuten sind für die Afrikahalle offensichtlich nicht eingeplant. Am Seiteneingang des Gebäudes warten bereits wieder die Busse. "Die Presse bitte in Bus zwei", sagt der junge Mann von der Bundesmarine. Wie ein Reiseführer auf Mallorca versucht er den Kanzlertross auf die wartenden Fahrzeuge zu verteilen.

Doch während sich die Presse um die wenigen Sitzplätze streitet, hat es sich Schröder schon wieder anders überlegt. Bei strahlendem Sonnenschein wird der Kilometer zwischen Halle 12 und dem deutschen Pavillon zu Fuß in Angriff genommen. Der Kanzler-Bus bleibt stehen. Die Motorrad-Eskorte allerdings begleitet auch den Fußmarsch - so viel Protokoll muss sein.

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