Deutschlands Pavillon: Von Frechheit keine Spur - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Deutschlands Pavillon Von Frechheit keine Spur

Ungewöhnlich will er sein und ein neues Bild von Deutschland präsentieren. Doch der deutsche Expo-Pavillon scheitert an den hohen Ansprüchen und dem Zwang, es allen Beteiligten Recht zu machen. Das Ergebnis ist - es war zu erwarten - typisch deutsch.
Von Alexander Stirn
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jemanden als Gipskopf zu bezeichnen, zeugt im Allgemeinen nicht gerade von großer Wertschätzung. Dass sich ausgerechnet Deutschland den Expo-Besuchern mit 47 meist überlebensgroßen Gipsbüsten präsentiert, könnte da fast schon als Zeichen einer neu gefundenen Selbstironie gedeutet werden, als augenzwinkernder Blick auf die eigene Geschichte.

Doch halt! Mit (freiwilligem) Humor hat die Selbstdarstellung im deutschen Pavillon am wenigsten zu tun. Wenn es darum geht, die Bundesrepublik der Welt zu präsentieren, ist das noch immer eine ernste Angelegenheit. Eine Angelegenheit, die jahrelanger Diskussionen und eines umfangreichen Konzeptes bedarf.

"Deutschland lebt vom Wissens- und Erfahrungsschatz seiner Menschen", hat die Trägergesellschaft Deutscher Pavillon, Organisatorin des 120-Millionen-Projektes, erkannt. Folglich empfangen sorgfältig ausgewählte Deutsche, genauer gesagt deren Köpfe, die Besucher im Pavillon-Foyer. Die Auswahl, die von Bertolt Brecht bis Janosch, von Beethoven bis Dr. Motte und von Konrad Adenauer bis Petra Kelly reicht, erfüllt wohl alle Quoten, die sich bundesdeutsche Bedenkenträger nur aus(be-)denken können.

Ein Bildhaueratelier will die "Ideenwerkstatt" darstellen. Die Präsentation soll "kein Museum und keine Walhalla" sein, meinen die Organisatoren. Im Gegenteil: "Sie will frech, ungewöhnlich und herausfordernd sein."

Ist sie aber nicht. Wenn Besucher auf drehbaren Rollen entlang der Baugerüste die Kurzbiographien der zur Schau gestellten Promis nachlesen können, ist das nicht viel ungewöhnlicher, geschweige denn frecher als in jedem anderen Museum.

"Brücken in die Zukunft" ist der Mittelabschnitt des Pavillons getauft. "Stege im Dunkeln" wäre wohl treffender: Sechs Übergänge führen die Besucher in die Mitte eines großen, abgedunkelten Kinos. Lichter auf dem Boden zeigen wie bei Fluchtwegen in einem Flugzeug, wo es lang geht.

Der Film, der auf den Wänden, auf dem Boden und an der Decke zu sehen ist, kann zu Beginn durchaus überzeugen. Blicke in Wohn- und Badezimmer spielen gekonnt mit so manchem Klischee vom typischen Deutschen. Die Kameraführung ist routiniert, die Inszenierung ausgereift - so ausgereift, dass bei der Darstellung der Deutschen Einheit offensichtlich nachgestellte Jubelszenen statt Originalbilder zu sehen sind. Und als Kamerafahrten über Wälder und Wiesen auf den zahlreichen Leinwänden erscheinen, erinnert der Film, der (klinisch reine) "Bilder aus der Zukunft unseres Landes" zeigen will, endgültig an einen Werbespot der Deutschen Zentrale für Tourismus.

"Mosaik Deutschland" heißt der dritte und letzte Teil der deutschen Präsentation - ausnahmsweise eine treffende Bezeichnung. In der Mitte ein gelber, 15 Meter hoher "Baum des Wissens", von dessen sich drehenden "Ästen" kleine Bildschirme baumeln. Weitere überdimensionale Monitore hängen an den Wänden. Auf insgesamt 35 Bildflächen zeigt Bundesfilmpreisträger Adolf Winkelmann ein facettenreiches, unaufdringliches Deutschland-Panorama. Ein echtes Highlight.

Weniger Einfallsreichtum haben die 16 Bundesländer bei der Auswahl ihrer Exponate an den Tag gelegt: Ein VW Käfer, ein Benz-Patent-Motorwagen oder ein Spacelab könnten genau so gut im Deutschen Museum in München stehen. Ob die Ausstellungsstücke die erwarteten 60.000 Besucher pro Tag lange im "Mosaik Deutschland" fesseln können, bleibt fraglich.

Das Mosaik ist technisch perfekt und multimedial ausgereift, es krankt jedoch wie die anderen Teile an einem spezifisch deutschen Problem: In mühsamer Abstimmung zwischen Bund, Länder und den Sponsoren aus der Wirtschaft musste der kleinste gemeinsame Nenner gefunden werden. Der präsentiert sich im Ergebnis zwar recht groß, doch ist in den zahlreichen Konferenzen, Gesprächen und Kompromissen die Spritzigkeit, das Freche der Idee ganz offenbar abhanden gekommen.

Das neue Bild von Deutschland, das der Expo-Pavillon präsentieren will, ist leider ein altes: auf möglichst breiten Konsens bedacht, bieder, ernst. Aber vielleicht sagt gerade dieses Ergebnis mehr über Deutschland aus als der gesamte Pavillon.

Bewertung:
Note: 3+
Prädikat: deutsch
Wartezeit: lang (eine Stunde sollte in der Regel einkalkuliert werden)
Erholungswert: Sitzmöglichkeiten im wohlklimatisierten "Mosaik Deutschland"


Expo multimedial: Der deutsche Pavillon in Bild und Ton

zurück: Deutschland auf der Expo
Auf einen Blick: Von A bis Z - Die Expo-Teilnehmer

Mehr lesen über

Verwandte Artikel