Expo-Kritik: Litauische Luftspiele - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Expo-Kritik Litauische Luftspiele

Der litauische Pavillon gehört schon rein äußerlich zu den auffälligsten Gebäuden auf dem Expo-Gelände. Auch drinnen wurde keine Mühe gescheut, das kleine baltische Land möglichst eindrucksvoll zu präsentieren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zuerst sieht man nur ein großes, aufdringlich gelbes Ungetüm, das in Form und Design stark an die siebziger Jahre erinnert. Kommt man näher heran, erkennt man nicht nur, dass es sich um den litauischen Expo-Pavillon handelt, sondern um das gigantische und daher begehbare Düsentriebwerk eines Flugzeugs.

Das alles umspannende Thema der litauischen Präsentation ist also die Fliegerei. Immerhin - so erfährt man drinnen, falls man es noch nicht wusste - blickt die baltische Republik auf eine lange und erfolgreiche Geschichte der Luftfahrt zurück. Im 17. Jahrhundert erfand der litauische Wissenschaftler Kazimieras Semenavicius die erste mehrstufige Rakete, und 1933 unternahmen die beiden Piloten Steponas Darius und Stasys Girenas einen der ersten Transatlantikflüge. Heute ist Litauen unter anderem die stolze Heimat des berühmten Stuntfliegers Jurgis Kairys.

So beginnt die Erforschung des extravaganten Gebäudes passenderweise mit einem Rundflug über Litauen, das sich seiner Landschaften, gotischen Bauwerke und Seenplatten ebenso rühmt wie seiner Luftfahrthistorie. In einem in der Mitte der oberen Etage des Pavillons installierten, 28 Sitze fassenden Kino bequem sitzend, gleitet man "virtuell" über das Land hinweg und gewinnt einen visuellen Eindruck von Litauen und seinen Bewohnern. Danach kann man sich an insgesamt zehn Computer-Terminals noch detailierter über die kulturellen Wurzeln, die wissenschaftlichen Errungenschaften oder die wirtschaftlichen Daten Litauens informieren.

Um dies etwas aufzulockern, errichtete man in der Mitte des oberen Stockwerks eine Art multimediale Regal-Wand, die wie ein Memory-Spiel funktioniert. Mit Hilfe eines Terminals bewegt man einen Cursor über die einzelnen Fächer, die sich sodann erhellen und Gegenstände oder Symbole offenbaren, die sich auf Litauens Kultur und Geschichte beziehen. Am Terminal erhält man dann noch einmal Informationen über das Gezeigte. Eine simple, aber doch recht aufwendig installierte Animation, die - da mit spielerischen Elementen versehen - weitaus gelungener als jede Video-Projektion erscheint. Doch auch von denen gibt es einige.

In der unteren Etage des insgesamt angenehm dunkel gehaltenen Pavillons kann man sich zu meditativen Klängen des litauischen Komponisten Mikalojus Konstantinas Èiurlionis auf mehreren Videoleinwänden einen Film betrachten, der noch einmal einen visuellen Eindruck des Landes mit Bevölkerung, Flora, Fauna und Landschaft vermitteln soll. Der Bereich ist gleichzeitig als Erholungszone ausgewiesen, obwohl man sich nicht einmal setzen kann. Das kann man wiederum im kleinen Café am hinteren Ende des Pavillons, wo letztlich dann doch etwas Licht in das Gebäude dringt. Dort findet sich auch ein Infostand und der obligatorische Souvenirshop.

Litauen hat sich Mühe gegeben, ein geschlossenes Konzept anzubieten, das informativ ist, ohne auf unterhaltsame Gimmicks zu verzichten. Pluspunkte sammeln die Balten jedoch vor allem mit dem Design ihres Pavillons, das entgegen dem angestrengt-modernistischen Trend auf der Expo einen angenehmen Retro-Charme versprüht.

Bewertung:
Note: 2
Prädikat: informativ und unterhaltsam
Verweildauer: 25 Minuten
Erholungswert: Äußerst angenehm ist die generelle Dunkelheit des Pavillon-Innenraums, das Café lädt zum kurzen Ausruhen ein.

Andreas Borcholte


zurück: Litauen auf der Expo
Auf einen Blick: Von A bis Z - Die Expo-Teilnehmer

Mehr lesen über

Verwandte Artikel