Expo-Kritik: Polnisches Wunderland - DER SPIEGEL
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Expo-Kritik Polnisches Wunderland

Auf ihrem Weg nach Westen haben die Polen auch in Hannover keine Mühen gescheut. Der polnische Expo-Pavillon soll die Öffnung des ehemaligen Ostblockstaates symbolisieren. Und das gelingt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Die polnische Präsentation wurde nach strengen Marketingrichtlinien vorbereitet, um einzelne Zielgruppen effektiv ansprechen zu können", beschreiben die Polen ihren Expo-Pavillon. Doch damit nicht genug: "Für die häufigsten Expo-Besucher - Familien, Kinder und junge Menschen - stellt der Pavillon ein märchenhaftes Wunderland der polnischen Kultur dar."

Das klingt furchtbar bemüht, jahrelang durchdacht und einer strengen pädagogischen Linie folgend. Ist es aber - zum Glück - nicht. Im Gegenteil: Was die Polen auf der Weltausstellung präsentieren vermittelt mit einigen Abstrichen ein facettenreiches, sympathischen Bild des osteuropäischen Landes.

Einen großen Anteil trägt daran bereits das Gebäude an sich: Auf 1400 Quadratmetern Fläche haben die Polen einen offenen, lichtdurchfluteten Bau aus Stahl, Aluminium und viel Glas hingestellt. Um der kalten Architektur etwas mehr Wärme und Natürlichkeit zu geben, wurden die fünf Säulen des Pavillons üppig mit hellem Birkenholz verkleidet.

Dieselben Farbtöne finden sich auch im Innern des Pavillons wieder, wo die Architekten einen kleinen Marktplatz geschaffen haben. Im Schatten eines knorrigen Baumes gräbt unter gläsernen Bodenplatten ein kleiner Bach seinen Weg durch das Kiesbett - allerdings bei weitem nicht so beeindruckend wie im ebenfalls gläsernen kroatischen Pavillon.

Die vier Holzhäuser, die den Marktplatz umgeben, wirken auf den ersten Blick alles andere als polnisch - eher wie eine Mischung aus Blockhütte und Western-Saloon. Erst bei genauerem Hinschauen werden feine Schnitzereien deutlich.

Während das erste Holzhaus dem Kommerz gewidmet ist - zahlungskräftige Expo-Besucher sollen hier Schmuck, CD-Roms oder Gläser kaufen - kann das zweite Häuschen schon eher überzeugen: Dort haben die Polen eine Nachbildung des Urwalds von "Puszcza Bialowieska" untergebracht, einer der ältesten und am besten erhaltenen Wälder Europas.

Im Halbdunkel erwartet die Expo-Gäste nicht nur ein federnder Waldboden und jede Menge Kiefern, sondern auch ein kurzes Film über Wald und Bewohner - vom Wolf über den Specht bis hin zum Wisent in allen Jahreszeiten. Der Streifen hat zwar stellenweise den Charme eines Grzimek-Films aus den achtziger Jahren, ist aber eine willkommende Abwechslung zum Hightech-Wahn der meisten anderen Expo-Teilnehmer.

Auch im dritten Holzhaus kommen die Polen ganz ohne Computertechnik, dafür aber mit viel Dekoration aus: Zwischen plätschernden Wasserläufen und angestrahlten Denkmälern soll der Salzstock von Wieliczka, das älteste ohne Unterbrechung im Betrieb stehende Salzbergwerk der Welt, lebendig werden - ein Unterfangen, das atmosphärisch und auch technisch ganz gut gelöst wird. So hämmert ein bärtiger Mann in grauer Kutte auf salzhaltigem Gestein herum und verteilt es an die Besucher. Eine kurze Kostprobe mit der Zunge ist, schon allein aus Gründen der Höflichkeit, ein Muss.

Das letzte Holzhaus fällt verglichen mit zwei und drei leider stark ab. Als astronomisches Observatorium angekündigt, erweist es sich zumindest in den ersten Expo-Wochen als simples Kino. Zu schönen Bildern von fröhlichen Menschen gibt es ruhige Musik. Der Zielgruppe - potenzielle Polen-Touristen - mag es gefallen. Vom versprochenen "märchenhaften Wunderland" ist dieser Teil der Präsentation allerdings meilenweit entfernt.

Bewertung:
Note: 3+
Prädikat: Licht und Schatten
Verweildauer: 25 Minuten
Erholungswert: jeden Menge Sitzmöglichkeiten

Alexander Stirn


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