Reise-Koch-Bücher: Rezepte für Fernweh
Reisebücher mit Biss Geschmack des Fernwehs
"Reisen und Essen sind Geschwister", schreibt Christian Seiler in seinem gerade erschienenem Buch "Reise zum Geschmack" - und gibt das Motto für diese Zusammenstellung besonderer Kochbücher vor: Rezepte sollen sie enthalten, das schon, aber sie sollen auch in Wort und Bild von den Regionen der Welt erzählen, aus denen ihre Kochanleitungen stammen und so Appetit auf die Fremde machen - oder Erinnerungen schmeckbar machen.
Ist doch der Duft und der Geschmack der Speisen untrennbar mit dem Augenblick des Genießens verwoben: Wer den Koriandergeruch einer Tom-Ka-Gai-Suppe inhaliert, wird sich vielleicht an den lauen, schwülen Wind am thailändischen Strand erinnern, an den Sand zwischen den Zehen und das Palmenrauschen. Wer den Sesamhauch der arabischen Baba-Ganoush-Paste wahrnimmt, wird den Ruf der Muezzin wieder im Ohr haben. Und wem der Essigduft von Fish 'n' Chips in der Nase beißt, der fühlt sich an den Trafalgar Square versetzt.
Drei Werke machen den Anfang einer kleinen Serie über die schönsten Koch-Reise-Bücher, und die Autoren nehmen ihre Leser mit um den Globus: Christian Seiler und Jamie Oliver vorwiegend in europäische Länder, Chris und Carolyn Caldicott bis in die hintersten Ecken der Welt.
Wie schmeckt's wirklich?: Christian Seilers "Reise zum Geschmack"
Christian Seiler, Wiener Kulturjournalist mit entschiedenem Hang zum Gourmet, hat sich von Stockholm bis Sardinien, von Lissabon bis London durchgefuttert, pardon, durchgekostet. In zwölf Kolumnen spürt er landestypischen Gerichten in Europa nach, lässt sich durch eine Anzahl bester Restaurants treiben und testet sich durch skurrile Speisen wie Weißweinbeuschel in Wien und Geröstetes Knochenmark in London.
Ganz nebenbei erweckt er sogar Lebensmittel zum Leben: "Der Ofen atmet tief ein. Die Pizza spannt ihre Muskeln an. Die Mozzarella schwitzt" - so beschreibt Seiler den Entstehungsprozess der Urpizza, der Margherita, an ihrem Geburtsort Neapel.
Nicht immer enthalten seine launigen Ausführungen wie im Klappentext versprochen ein Rezept, und wenn doch, dann ist es nicht gesagt, dass dieses zum Nachkochen geeignet ist (als Ausgleich führt Seiler im Anhang aber die Adressen der besuchten Restaurants auf). Etwa wenn Seiler selbst die "Rognons de veau à la moutarde" zu flambieren versucht und sich die "köstlich duftenden Nierenscheiben" in Leder verwandeln.
Spaß bringen die Episoden dennoch, auch gerade weil er die sonst oft so mühsam zu lesenden Restaurant- und Speisen-Beschreibungen mit viel Ironie und Sprachwitz garniert und in seinen Landesküchen-Porträts auch Nebendarsteller wie einen smarten Istanbuler Schuhputzer auf die Bühne lässt.
Nicht zuletzt tragen auch die naturalistisch-schrägen Illustrationen von Markus Roost zum Buchvergnügen bei. Der Schweizer lässt Ziegen wie Derwische tanzen und die Kleine Meerjungfrau auf Smörrebröd posieren, und bei ihm wird der Fisch gleich unter Wasser serviert. Eine Buchreise zum und mit viel Geschmack - vor allem aber für Menschen, die sich ebenfalls schon als Gourmets bezeichnen würden.
Turbotour durch Europa - Jamie Olivers "Jamie unterwegs…"
Für sein elftes Kochbuch ist der 34-jährige Brite Jamie Oliver durch europäische Länder geschwirrt, ein Abstecher ins afrikanische Marokko inbegriffen. Immer dabei ist sein Fotograf David Loftus, dessen ruhige Landschaftsfotos, Stillleben und Porträts die Rezepte seines Freundes mit dem passenden Flair versehen.
Meist im Mittelpunkt der Bildcollagen: Jamie. Als Taucher, als Torero, auf Märkten, an der Paella-Pfanne und mit immer neuen Kumpels von den Schären bis Marrakesch. Fans des sozial engagierten Küchenchefs können ihrem Star in seinen Büchern über die Jahre hinweg glatt beim Altern zusehen - zugleich zeigen die Fotos des meist lachenden Briten auch den Spaß, den er bei der Rezeptsuche in fremden Ländern hat. Bei der mitreißenden Begeisterung stört es auch kaum, dass seine Einführungen und Kommentare vielleicht eine Prise zu oft die Worte "großartig", "fantastisch", "wunderbar" enthalten.
"Ob es eine einfache französische Hühnersuppe oder ein sättigender venezianischer Risotto ist, wieder einmal habe ich festgestellt, dass die einfache Küche oft die beste ist", schreibt Jamie Oliver. Und das ist auch das Motto, unter dem er die Rezepte aus Andalusien, Venedig, Athen, Stockholm, Marrakesch und Toulouse zusammengestellt hat.
Vor allem Tapas, Risotto, Hackbällchen, Trüffel und Oktopus haben es dem Londoner angetan, der typische Gerichte in eigenen Versionen präsentiert und seinem Geschmack anpasst. Dem britischen wohlgemerkt, denn da tauchen auch mal Fish 'n' Chips mit marokkanischen Seeteufelschwänzen auf, er entdeckt "Gigantes Plaki" als die griechische Antwort auf Baked Beans, und arabisches Couscous erinnert ihn an Porridge.
Neben den bekannten italienischen, französischen und spanischen Küchen wirkt das schwedische Kapitel angenehm exotisch. Auch Jamie kommt aus dem Wundern nicht heraus: "Die Schweden, von denen ich es am wenigsten erwartet hätte, waren für mich die größte Überraschung", schreibt der Koch, ihre Küche sei "definitiv eine der besten der Welt". Loftus' Fotos tragen die Kochbuchleser auch gleich an klare blaue Schären und in eine Mittsommernachtsstimmung. Nur um ein paar Seiten weiter auf dem dampfenden, trubeligen Djemaa-el-Fna-Markt in Marrakesch und im klaren Licht der griechischen Insel Ägina anzukommen.
"Geniale Rezepte gegen Fernweh" verspricht Jamie Oliver in der Unterzeile - und schürt doch mehr die Reiselust, als dass er sie besänftigt.
Nicht die Bohne langweilig - Carolyn und Chris Caldicotts "World Food Café"
Rein vegetarisch, dazu multikulturell: In ihrem World Food Café im Londoner Covent Garden setzen die Globetrotter Carolyn und Chris Caldicotts ihr über Jahre in der ganzen Welt gesammeltes Kochwissen um. Das kleine, einfach eingerichtete Restaurant im bunten Hinterhof von Neal's Yard hat seine offene Küche mitten im Gastraum und ist mit seinen bodentiefen Fenstern lichtdurchflutet - sollte in London mal gutes Wetter herrschen. Ein netter Ort, um dem Trubel der Londoner City zu entfliehen. Und perfekt, um in die Küche von afrikanischen, asiatischen und südamerikanischen Ländern hineinzuschmecken, in deren Speisen Hitze, Schwüle und Sonne hineingewoben scheinen.
Carolyn, die Schauspielerin und Köchin, und Chris, Expeditionsfotograf der Royal Geographical Society und Hoffotograf der königlichen Familie, sind beide Vegetarier und leidenschaftliche Rezeptesammler. Sie sahen auf ihren Reisen ihren Gastgebern und Straßenköchen über die Schulter, sie spähten Einheimischen im Dschungel, in der Wüste und in Bergen in die Töpfe - von Mali bis Mexiko, von Laos bis Kuba.
"Unsere Liebe zum Essen hat uns immer in die Küche gezogen", schreibt das Paar auf seiner Webseite - dorthin also, wo für sie das Herz eines Landes liegt. "Wir haben immer noch die Serviette mit einem hastig aufgeschriebenen Masala-Rezept aus Indien" und auch "den Niger-Reiseführer, auf dessen Rückseite wir ein Rezept für unser westafrikanisches Gericht gekritzelt haben". Einige ihrer mitgebrachten Rezepte und beeindruckende Aufnahmen von Chris Caldicott haben die beiden in einem eher kleinformatigen Foto-Koch-Reise-Buch versammelt.
Sie nehmen ihre Leser mit in die Küchen von immerhin 25 Regionen und Ländern - manche wie Oman, Ecuador oder Kuba werden dabei etwas stiefmütterlich mit nur ein, zwei Rezepten abgehandelt. In ihren Einleitungen porträtieren die Autoren die typischen Lebensmittel und Gewürze, erzählen von ihren Abenteuern, Begegnungen - und Überraschungen. Etwa als die leckeren Teigtaschen Briouats in Marrakesch nicht wie zunächst verstanden mit dem Käse Brie, sondern mit püriertem Hirn gefüllt waren. Für Fleisch-Vermeider nicht gerade angenehm.
Überhaupt ist Reisen für anspruchsvolle Vegetarier nicht immer einfach. Peru bezeichneten die Briten in kulinarischer Hinsicht als "absolutes Niemandsland", Südchina als "Horrorgeschichte": Wenn Ratten, Katzen oder Eulen im Angebot waren, begnügten sie sich mit Reis und Erdnüssen. Besser erging es Carolyn und Chris Caldicott in Nepal, wo sie "sahnige Dhals, gesundes Gemüse, sauberen Reis und eine große Auswahl an Chutneys" genossen. Und in Thailand, das sie mit Gewürzen wie Limettenblättern, Zitronengras, Galgant und Tamarinde überzeugte.
Genauso wie den Leser das Café-Buch, das auch Nicht-Vegetarier zu Sambols, Dhals und Raitas bekehren kann. Und wieder einmal Geschmack auf Länder macht, die sonst wenig bereist werden.