Staus und volle Züge: Die Expo setzt auf Abschreckung - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Staus und volle Züge Die Expo setzt auf Abschreckung

Verstopfte Autobahnen, überfüllte Stadtbahnen und nirgendwo ein Parkplatz frei - so stellen sich viele Hannoveraner die Nebeneffekte der Weltausstellung vor. Dabei tut die Expo GmbH fast alles, um Autofahrer vom Gelände fernzuhalten
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hannover - Verkehrschaos in unterschiedlichen Abstufungen ist den Niedersachsen schon von Messezeiten nur zu gut bekannt. Doch soll die Expo 2000  alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen. Damit der Verkehr trotzdem reibungslos fließt, haben Stadt, Land und Verkehrsbetriebe Milliarden investiert und spezielle Konzepte erstellt.

Gut sechs Wochen vor dem Expo-Start geben sich die Beteiligten überzeugt, dass sie den erwarteten Besucheransturm bewältigen können: "Ich glaube, dass die Verkehrssituation weniger schlimm sein wird als zur Computermesse Cebit", prognostiziert Norbert Handke vom Unternehmen Move . Mit dem gleichnamigen Verkehrsleitsystem sollen Expo-Besucher auf den richtigen Parkplatz dirigiert und über Staus informiert werden.

In der Zentrale von Move arbeiten Behörden und Unternehmen eng zusammen. Ihr Ziel ist es, den Straßenverkehr so zu lenken, dass möglichst wenig Staus entstehen. Kameras beobachten deshalb ständig jeden Kilometer auf dem Messe-Schnellweg.

Bei Bedarf werden Verkehrsschilder rund um das Expo-Gelände so geschaltet, dass die Autofahrer ihre Geschwindigkeit drosseln müssen oder auch umgeleitet werden. Die niedersächsischen Radiosender sollen ständig über die Verkehrslage  informieren.

Move will erreichen, dass Besucher auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen und nicht mit den Auto zur Expo anreisen. Dabei versucht die Expo vor allem, die Autofahrer über den Geldbeutel zu erreichen: Während die Anfahrt mit Bus oder Stadtbahn im Eintrittspreis (69 Mark für eine Ein-Tages-Karte) enthalten ist, kostet das Parken auf einem der 25.000 reservierungspflichtigen Parkplätze am Messegelände 20 Mark.

Die Expo setzt auf Abschreckung: Laut einer Studie würde die Hälfte der Besucher mit dem Auto anreisen - wenn sie nicht rechtzeitig über die Parkplatzsituation unterrichtet werden. Mit dieser Information soll es lediglich ein Drittel sein.

Mehr als eine Milliarde Mark haben allein die Hannoverschen Verkehrsbetriebe in neue Züge, einen Bahnhof, die Erweiterung des Netzes und eine neue Leitstelle investiert. Während der Weltausstellung sollen auf zwei Hauptstrecken täglich über 85.000 Expo-Besucher zum Messegelände transportiert werden.

130 bis 150 zusätzliche Fahrer sind für die Stadtbahnen nötig. Kollegen aus Bremen, Köln, Berlin und Leipzig unterstützen die hannoverschen Stadtbahnfahrer. In vier Wochen werden sie für den Expo-Verkehr fit gemacht.

Die Kosten schlagen sich im Betriebsergebnis der Verkehrsbetriebe nieder. Mit einem Gewinn durch die Expo rechnet kurzfristig niemand. Eher mit einem Zuschussgeschäft.

Auch bei den Bussen im Kommunalverband für den Großraum Hannover  wird kräftig investiert. 70 Fahrer sollen bis Ende 2000 eingestellt werden, 40 neue Fahrzeuge sind bereits angeschafft worden, berichtet Sprecherin Andrea Grätz.

Der Flughafen Hannover  rechnet während der Expo mit 1,2 Millionen zusätzlichen Passagieren. Mit dem Bau eines dritten Terminals, an dem gleichzeitig 20 Flugzeuge andocken können, sei baulich alles für die Weltausstellung vorbereitet, erklärt die Flughafengesellschaft. Allein die Lufthansa plant pro Tag 20 zusätzliche Flüge.

Für die Expo erwarten die Verkehrsplaner ein anderes Besucherverhalten als zu normalen Messezeiten. Während Cebit-Besucher Punkt 9 Uhr alle gleichzeitig zum Messegelände strömten und die Straßen blockierten, kämen Expo-Besucher verteilt über den Tag - hoffen zumindest die Planer.

So ganz scheinen die Verkehrsexperten aber auch nicht an ihre Prognosen zu glauben. So empfiehlt Move den Hannoveranern, im Sommer früher zur Arbeit zu gehen, um dem Expo-Verkehr zu entgehen. Auch die Unternehmen reagieren: Der Elektrokonzern Siemens hat während der Expo die Gleitzeit freigegeben, damit die Angestellten Staus aus dem Weg gehen könnten.

Doch auch an Besucher, die sich auf Leitsysteme und Radiodurchsagen nicht verlassen wollen, hat die Weltausstellung gedacht: Auf ihrer Internet-Seite bietet die Expo zwei Fahrradrouten zum Expo-Gelände an. Die Drahtesel können auf 2300 Stellplätzen geparkt werden - vor den Eingängen.

Cornelia Pretzer

Mehr lesen über