Warnstreiks bei der Bahn Chaos mit Ansage
Berlin - Zwar gibt die Deutsche Bahn für den Zugverkehr wieder Entwarnung: Die Züge fahren "mittlerweile wieder weitgehend nach Fahrplan", sagte ein Sprecher des Verkehrsunternehmens. Doch die Aktionen, zu denen die Gewerkschaften Transnet und GDBA aufgerufen hatten, hätten zu erheblichen Einschränkungen vor allem im Nahverkehr geführt. Es seien 13 Standorte betroffen. Obwohl die Streiks angekündigt gewesen waren, gab es erhebliche Probleme bei der Informationspolitik.
Bahnkunden, die am Morgen telefonisch Auskunft über Verspätungen und Ausfälle einholen wollten, konnten die Service-Hotline unter der Nummer 08000-996633 kaum erreichen. "Es bleiben viele in der Warteschleife hängen", sagte Bahnsprecher Achim Stauß im ZDF-"Morgenmagazin". "Wir bitten um Verständnis, dass die Leitung sehr sehr stark belastet ist", fügte er hinzu. Bis zum Vormittag zählte die Bahn rund 50.000 Anrufe. Zunächst seien rund 200 Mitarbeiter seit Samstagmorgen bei der Kundenhotline im Einsatz gewesen. Inzwischen sei die Besatzung auf rund 500 Mitarbeiter angestiegen, sagte Stauß zu SPIEGEL ONLINE. Bahnfahrer können sich aber auch im Internet über mögliche Verkehrseinschränkungen informieren.
Massive Beeinträchtigungen auch morgen
Die heutigen Warnstreiks sind nur der Anfang, die Protestaktionen sollen in den kommenden Tagen fortgesetzt werden. Die Gewerkschaften Transnet und GDBA wollen damit im Tarifkonflikt ein höheres Angebot der Bahn erzwingen. Sie fordern bei einer Laufzeit von zwölf Monaten sieben Prozent mehr Geld für rund 134.000 Beschäftigte. Der Bahn-Vorstand hat bisher zwei Erhöhungen von je zwei Prozent in einem Zeitraum von 30 Monaten angeboten.
Am Morgen hat auch die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) zu Warnstreiks für morgen von 5 bis 9 Uhr aufgerufen. Die GDL rechnet mit "ganz massiven Beeinträchtigungen" des morgigen Bahnverkehrs bis in die späten Nachmittagsstunden, sagte GDL-Sprecher Maik Brandenburger zu SPIEGEL ONLINE. Die Gewerkschaft vertritt nach eigenen Angaben rund 60 Prozent der zirka 31.000 Lokführer, Zug- und Servicebegleiter. "Mehrere tausend Zugführer werden die Arbeit niederlegen", sagte der Sprecher.
Die GDL habe die Kollegen angewiesen, bei Streikbeginn um 5 Uhr den nächstgelegenen Bahnhof anzufahren, damit die Passagiere aussteigen können. Die Züge werden dann in den Bahnhöfen stehen bleiben und den weiteren Bahnverkehr blockieren. Brandenburger hofft, dass die Bahn an den Verhandlungstisch zurückkehrt. Ansonsten behalte es sich die GDL vor, noch diese Woche weitere Streiks durchzuführen.
Auch die Bahn rechnet für morgen mit Auswirkungen der morgendlichen Streiks auf den ganzen Tag vor allem im Fernverkehr, sagte Bahnsprecher Achim Stauß. Das Unternehmen werde versuchen, die streikenden Lokführer durch Beamte zu ersetzen und die Folgen des Streiks für die Passagiere abzufedern, was aber bei der flächendeckenden Aktion schwierig werde. Angesichts der erwarteten Welle von Warnstreiks will die Deutsche Bahn möglichst schnell neue Gespräche aufnehmen. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir über Wochen einen Streik haben", sagte DB-Personenverkehrschef Karl-Friedrich Rausch heute in Brüssel. "Das können wir unseren Kunden nicht zumuten."
Verspätungen von bis zu 60 Minuten in Baden-Württemberg
Heute morgen war besonders Baden-Württemberg von den Behinderungen im Berufsverkehr betroffen. Tausende Pendler mussten vor allem in Freiburg und Karlsruhe lange Verspätungen in Kauf nehmen. Viele Züge verspäteten sich um bis zu 60 Minuten. In Mecklenburg-Vorpommern fielen nach Bahnangaben 28 Züge aus, darunter zehn Fernzüge. Die Hauptbahnhöfe von Rostock und Wismar wurden am frühen Morgen vollständig lahm gelegt. Vier Fernzüge ab Dortmund konnten nicht abfahren, weil dort der Betriebsbahnhof bestreikt wurde. In Erfurt führte ein Ausstand von Mitarbeitern der Zugbereitstellung zum Ausfall einiger Regionalbahnen.
In Hamburg blieb das Reisezentrum des Hauptbahnhofes für zwei Stunden geschlossen, Fahrkarten gab es nur an Automaten.Nach Auskunft der Deutschen Bahn war auch der Regionalverkehr im Allgäu von Zugausfällen betroffen. Nur wenige Behinderungen verursachten den Angaben zufolge die Arbeitsniederlegungen in München, wo das ICE-Werk bestreikt wurde. In Frankfurt am Main traten knapp hundert Beschäftigte in der S-Bahn-Werkstatt, der Reisezug-Werkstatt und der ICE-Werkstatt am Morgen in einen befristeten Ausstand, ohne dass es nach Polizeiangaben größere Behinderungen gab. In Thüringen und Sachsen fielen einige Regionalbahnen aus.
Berufspendler und Urlauber sollten in den nächsten Tagen möglichst große Zeitpolster einplanen. Das gilt nicht zuletzt für Reisende, die mit dem Zug ein anderes Verkehrsmittel wie ein Flugzeug erreichen müssen. Wenn es in solchen Fällen eng wird, weil sich Züge verspäten oder ausfallen, sollten Betroffene "notfalls aufs Taxi umsteigen, um den Schaden in Grenzen zu halten", rät Udo Sieverding von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Die Bahn haftet in solchen Fällen nicht.
Tickets können kostenlos zurückgegeben werden
Den Reisenden bietet die Bahn dagegen die Möglichkeit zur kostenlosen Ticket-Rückgabe und zum kostenlosen Umtausch. Sie gilt für alle Bahnkunden, die durch Verspätungen oder Zugausfälle eine Reise nicht antreten konnten. Dabei muss nicht erneut die Stelle aufgesucht werden, an der das Ticket gekauft wurde: Im Reisebüro gekaufte Fahrscheine werden auch in den DB-Reisezentren zurückgenommen und umgekehrt, erläuterte ein Bahn-Sprecher in Berlin.
Außerdem können Fahrkarten mit Zugbindung wegen der Warnstreiks auch in anderen Zügen verwendet werden. Wer ein Intercity-Ticket hat, darf bei Verspätungen oder Ausfällen beispielsweise auch in ICEs mit dem gleichen Ziel einsteigen. Das kostenlose Umschreiben des Tickets wird dabei am besten schon von Bahnpersonal auf dem Bahnsteig vorgenommen, sagte der Sprecher. Aber auch die Zugbegleiter können nach der Abfahrt eine solche Ticketumschreibung vornehmen.
abl/dpa/gms/AP