Weltausstellung Flambierte Langeweile
Pfiffe, Buhrufe, rhythmisches Klatschen. Die Stimmung am Expo-See schwankt zwischen gespannter Vorfreude und steigender Verärgerung. Seit mehr als einer Stunde harren die Besucher auf der kargen Tribüne aus - in Erwartung des allabendlichen Expo-Spektakels namens "Flambée - Human Facets". Das "theatralisch-poetische Gesamtkunstwerk" soll, so verspricht der Expo-Führer, ein "unvergessliches Erlebnis" werden.
Es regnet. Die Expo-Touristen, schon den ganzen Tag auf dem Gelände unterwegs, sind müde. Besucher der Weltausstellung müssen - ob beim niederländischen Pavillon oder vor dem Themenpark - Standfestigkeit mitbringen. Und Geduld. Die allerdings ist spätestens am Abend aufgebraucht. Der Unmut nimmt zu, Pfiffe gewinnen die Überhand.
"Das Flambée beginnt wie jeden Abend um 22.30 Uhr." Die Ansage aus den großen Lautsprechern ist klar und knapp. Vor allem aber kann sie wenig überzeugen. Schließlich haben die Expo-Scouts auf dem Gelände den ganzen Tag über einen Start um 22 Uhr versprochen. Und auch im täglichen Pressedienst findet sich die 22 wieder.
Den ersten Besuchern reicht's. Wo noch vor wenigen Minuten Menschen auf Treppen und Fluchtwegen saßen, ist auf einmal wieder viel Platz. Die Tribüne, die laut Veranstalter 10.000 Gäste aufnehmen soll, ist allerdings noch immer gut gefüllt. Die einen essen, die anderen überlegen, wie sie so spät noch nach Hause kommen, und der große Rest wartet einfach. Mehr oder weniger geduldig.
Als sich um 22.24 Uhr erneut aufmunternder Beifall und Pfiffe mischen, tritt der Stadionsprecher erneut in Aktion: "Der Start kann erst um 22.30 Uhr beginnen, weil dann die Lichtverhältnisse herrschen, die wir brauchen." Eine unglückliche Ausrede, lassen die aufbrechenden Gewitterwolken den Himmel doch eher heller als dunkler werden. Aber wenn es der Künstler so will.
Überhaupt: "Flambée" scheint ein sehr sensibles Spektakel zu sein. "Ich kann so nicht arbeiten, wenn hier ständig Leute rumstehen", meint einer der Organisatoren direkt am Expo-See. Ein Ordner reagiert gelassen und schickt die Besucher einfach einen Meter weiter.
Um 22.35 Uhr - offensichtlich haben sich die optimalen Lichtverhältnisse heute etwas länger Zeit gelassen - betreten schließlich zwei Schauspieler die Bühne. Eine überdimensionale Hand hebt einen gelben VW Käfer aus dem See, erste Lichteffekte erleuchten das Dunkel. Zu wabernden Bässen schießt eine Stichflamme aus dem Wasser. Die Wärme, die bis auf die Tribüne zu spüren ist, wird begeistert aufgenommen.
Doch stopp. Auf den riesigen, durch künstlichen Sprühregen gebildeten Wasserleinwänden erscheint erst einmal ein 45-Sekunden-Countdown. Auf der Tribüne macht sich Murren breit. "Kommt wir hauen ab", raunt ein Jugendlicher seinen Freunden zu.
Das Gegrummel aus den Lautsprechern weicht ganz langsam sphärischer Musik. Aus dem See erhebt sich - wenig spektakulär - eine halbseitig brennende Leiter. Eine einzige hohe Wasserfontäne provoziert kurzen Szenenapplaus.
Das "Flambée" wird verwirrender. Was da im und über dem See vor sich geht, verstehen wohl nur noch die Schöpfer. Auf den Leinwänden wechseln sich Quallen, Gewitter und Straßen ab. Die Musik beschleunigt, Stichflammen schießen empor. Dann, es ist mittlerweile 22.50 Uhr, die erste Feuerwerksrakete: "Schön" ruft ein kleiner Junge und hält sich die Ohren zu.
Das Bild eines Kettenkarussells geht in die Tagesschau vom selben Abend über. Die Schauspieler wälzen sich über ein Luftkissen. Ein brennender Stuntman seilt sich vom Expo-Turm ab. Feurige Herzen lassen noch einmal die Fotoapparate klicken. Ein grüner Laser strahlt in den Himmel. Stille.
Die Zuschauer zögern und schauen sich verdutzt an. Einige klatschen, andere warten darauf, dass es weiter geht. Doch daraus wird nichts. Das tägliche Expo-Feuerwerk endet ebenso langweilig wie es begonnen hat. Vom "unvergesslichen Spektakel" wird bei vielen Besuchern nur eines in Erinnerung bleiben: Dass sie ohne "Flambée" mindestens eine Stunde früher zu Hause gewesen wären.