Ainhoa in Frankreich: Zu schön, um sich zu verstecken
Einsam im Baskenland Schön und scharf
Bleigraue Wolkenbäuche wölben sich bis auf die Hügel hinunter, die hier - zwischen Atlantik und Pyrenäen - noch sanft geschwungen sind. Nur vereinzelt sind ein paar Höfe in Sicht. Manchmal reißen Schüsse Löcher in die Stille, wenn Jäger Ringeltauben und Rebhühnern auflauern. Meist aber sind bloß die Glocken der Schafe zu hören, die aus der Ferne auf den satten Wiesen wie weiße Flusen auf einem grünen Wollpullover aussehen.
Gut eine halbe Stunde südöstlich des sonnenverbrannten Badeortes Biarritz liegen kleine, stille Dörfer mit geweißten Steinhäusern, roten Ziegeldächern und Holzbalkonen, die so typisch für die baskische Provinz Labourd sind. In der Dorfmitte von Ainhoa stehen zwei Männer mit schwarzen Mützen. "Im Westen der Atlantik, im Osten die Pyrenäen, im Süden Spanien, im Norden Frankreich - und dazwischen wir, Euskadi", erklärt einer der beiden die Weltanschauung der Basken. Von Ainhoa sind es keine drei Kilometer bis nach Spanien.
Die Dörfer des Hinterlandes sind lange unberührt geblieben vom Tourismus. Der Gedanke, sich Urlaubern des Geldes wegen zu unterwerfen, hatte vielen nicht gefallen. Ainhoa aber - mit seinen vielleicht 700 Menschen - ist zu schön, um sich immer noch verstecken zu können.
Chili in allen Facetten
Längst leben sie hier von den Touristen, die durch das Dorf schlendern. Und vom Chili: In der Gegend wachsen sehr aromatische und nicht zu scharfe Schoten der Sorte Piment d'Espelette. Auch in den winzigen Souvenirläden gibt es Chili in allen Facetten - es ist das Feuer der baskischen Küche, findet sich als Zutat in nahezu jeder Speise und gibt auch Senf, Marmelade, Brot, Bier, Käse, Wurst und Schokolade eine aromatische Schärfe. "Das Chili hat hier den Pfeffer ersetzt", sagt einer der Mützenmänner, "es ist bei uns das wichtigste Lebensmittel."
Nun aber hat der Wind aus Westen neue Wolken gebracht, die das Grün der Hügel verblassen lassen. Es ist einer dieser Momente, in denen es von der einen auf die nächste Sekunde anders riecht. Jetzt riecht es nach Meer. Die ersten Tropfen fallen wie in Zeitlupe auf die Straßen des mittelalterlichen Dorfes, dann bricht das Gewitter los und verwandelt die steilen Äcker in schlammige Rinnsale.
Neben seiner Mütze habe ein Baske immer auch seinen Schirm dabei, erzählt einer der Bauern und lacht, "damit die Mützen auf unseren Köpfen keine Wurzeln schlagen". Eigenwillig sind sie, die Menschen im französischen Südwesten. Und stolz darauf, ganz anders zu sein als der Rest des Landes.
Mit GPS nach Ainhoa: 43.306730, -1.498954
Die komplette Serie "Einsame Orte":
Teil 2: Doel in Belgien Teil 3: Schottland: 27 Kilometer zu Fuß zur Kneipe Teil 4: Galicien: Das Mera-Tal
Teil 5: Lettland: Jurmalciems Teil 6: Irland: White Strand Teil 7: Norwegen: Å auf den Lofoten
Seit 20 Jahren ist Oliver Lück im VW-Bus in Europa unterwegs. In rund 30 Ländern ist der Journalist und Fotograf gewesen. Und überall hat er "geheime Orte" entdeckt, die man eigentlich für sich behalten sollte. In dieser Serie verrät er einige.Webseite Oliver Lück