Reisespeisen: Tee mit einem Schuss Erotik - DER SPIEGEL
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Reisespeisen Tee mit einem Schuss Erotik

Der Orchard in Grantchester ist Englands bekanntester Obstgarten. Berühmte Geistesgrößen genossen hier ein ausschweifendes Leben voll Dekadenz und erotischer Freiheiten. Heute werden hier zum Tee unter Apfelbäumen die legendären Scones serviert.
Von Benedikt Mandl
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Man kennt ihn noch aus Agatha Christies Krimis, aus E. M. Forsters Romanen oder von persönlich tradierten Idealvorstellungen der britischen Inseln: den Fünfuhrtee. In Zeiten, in denen auch Engländer die Hauptmahlzeit zu Mittag einnahmen, fand man sich noch regelmäßig am Vorabend zu einem leichten Abendessen zusammen, nebst der obligatorischen Tasse Tee.

Liebevoll gefüllte Sandwiches gab es da, neben deftigen Pasteten und anderem Aufschnitt – ganz zu schweigen von süßen Köstlichkeiten wie etwa Ingwerplätzchen, Apfelkuchen und natürlich den legendären Scones. Gäbe es in England so etwas wie Konditoren, so wäre deren ganzer Stolz diesem Hefeteiggebäck gewidmet, das trotz Rosinen in den meisten Fällen so staubtrocken ist, dass es mit Sahne, Marmelade und natürlich sehr viel Tee konsumiert werden muss. Engländerherz, was begehrst du mehr?

Oase der Teekultur

Doch das war einmal. Der "five o’clock tea" ist in seiner klassischen Ausführung längst zu einem Kuriosum geworden, nicht nur für Ausländer, sondern durchaus auch innerhalb Englands. In diesen modernen Zeiten isst auch der Angelsachse global. Heute ist fast allerorten der Nachmittagstee auf eben das beschränkt, was der Name verspricht: eine Tasse Tee, meist zwar durchaus in Gesellschaft genossen, aber leider ohne den imperialen Pomp vergangener Tage. Man arrangiert sich mit den Anforderungen der heutigen Arbeitswelt.

Ausnahmen gibt es natürlich, Oasen der klassischen Teekultur. Und zynischerweise findet man diese Oasen ausgerechnet an Orten, die besonders viele Touristen anziehen – schließlich sind es vor allem Ausländer, die nach landestypischer Kost suchen.

"Einmalig ist das hier, und so englisch", schwärmt eine Amerikanerin mittleren Alters angesichts der blühenden Apfelbäume. Sie sei das erste Mal in ihrem Leben aus den USA ausgereist, erklärt ihre Tochter entschuldigend. Diesen drastischen Schritt provozierte Jen mit ihrer Entscheidung, ein Jahr lang in Cambridge zu studieren. Klar, dass ihre Eltern da die Gelegenheit nutzen, um dem Mutterland einen Besuch abzustatten. "Nachdem wir gestern kreuz und quer durch die Colleges gelaufen sind, legen wir heute einen ruhigeren Tag ein. Ein bisschen ländliches England sozusagen."

Schon Virginia Woolf genoss den Garten

Und darum wandeln sie jetzt durch den Orchard, einen Obstgarten mit einem Pavillon, in dem Tee ausgeschenkt und schlicht, aber traditionell gekocht wird. Der Orchard liegt günstig: Im Dörfchen Grantchester ein paar Kilometer südlich der Universitätsstadt und direkt am Fluss Cam, zwischen Kuhweiden und reetgedeckten Landhäusern. Knapp eine Stunde spaziert man aus Cambridge durch das satte Grün einer bukolischen Sommerlandschaft, ehe man sich inmitten klappernder Teetassen wiederfindet. Irgendwo zwischen Traditionspflege und Touristenbefriedigung liegen hier die Genüsse des High Teas.

Dabei mangelt es dem Orchard ganz und gar nicht an Geschichte. Seit 1868 liegt hier ein Obstgarten, einst im Besitz des Ehepaares Stevenson. Wohl wegen der reizvollen Lage entdeckten Studenten den Orchard für sich und bescherten den Stevensons ein willkommenes Nebeneinkommen: Ab 1897 bewarben sie ihren Obstgarten aktiv als Ausflugsziel und ihren Pavillon als Teestube. Zu Ruhm bringen sollten es die Stevensons erst ein paar Jahre später, als der Dichter Rupert Brooke an der pastoralen Idylle Gefallen fand und als Untermieter im Haus der Stevensons einzog.

Die schwülstigen Gedichte des jungen Romantikers zu kennen ist noch heute Teil englischer Allgemeinbildung. Der junge Brooke, schon zu Lebzeiten als "bestaussehender Jüngling Englands" verherrlicht, lockte prominente Freunde an die Teekessel: Virginia Woolf, Ludwig Wittgenstein, Maynard Keynes folgten dem Poeten und legten den Grundstein für den Kult um den Garten. Ein ewiger Sommer umfing die Apfelbäume, so scheint es. Innerhalb weniger Jahre wurde der Orchard in Grantchester zum verklärtesten Obstgarten des Königreichs. Dass Rupert Brooke und seine Freunde ein Leben in rücksichtsloser Dekadenz und mit erotischen Freiheiten führten, die selbst hartgesottene 68er erröten ließe, übersieht auch die gegenwärtige Geschäftsführung des Orchard gerne.

Fast alle Gerichte werden im Haus zubereitet

"'Ploughman's lunch' ist ein leichter Salat mit Ziegenkäse und Gebäck", erklärt die junge Frau im Inneren des Pavillons. "Aber wenn Sie eine anständige Mahlzeit haben möchten, sollten Sie vielleicht unsere Hühnerpastete mit Zitrone und Koriander probieren – heute Morgen frisch zubereitet!" Neben einer pastellfarbenen Laura-Ashley-Variante der britischen Geschichte setzt man im Orchard vor allem auf regionale Spezialitäten. Der naturtrübe Apfelsaft stammt zwar nicht von eigenen Früchten, allerdings aus einem Obstgarten im Nachbardorf Coton. Fast alle Gerichte werden im Haus zubereitet, die Zutaten stammen entweder direkt vom Erzeuger oder werden durch örtliche Feinkostläden bezogen. Die Tees sind von Twinings.

Bei so viel Geschichte, Ambiente und ostenglischen Köstlichkeiten vergibt man auch gerne, dass der Scone nicht nur überteuert ist, sondern auch knoblauchig-abgestanden nach Kühlschrank schmeckt. Dafür gibt es ja Marmelade und Sahne zur Ablenkung. Wie schon Rupert Brooke urteilte: "Forever England!"

Ein traditionelles Rezept für Scones-Gebäck:

Zutaten:
500 Gramm Mehl, 5 Esslöffel Zucker, 125 Gramm Butter, 2 Eier, 1 Päckchen Trockenhefe, 125 ml Milch, 1 Prise Salz, Rosinen nach Vorliebe, Backpapier.

Zubereitung:
In einer großen Teigschüssel Mehl, Zucker, Hefe, Salz und Butter in Flocken vermischen. Mit den Eiern, der angewärmten Milch und Rosinen zu einem glatten Teig verkneten und 30 Minuten ruhen lassen.

Teig etwa zwei Zentimeter dick auswalzen und mit einem Plätzchenausstecher oder einem Glas von etwa zehn Zentimetern Durchmesser ausstechen. Auf ein eingefettetes Backblech oder Backpapier legen, leicht mit Milch bestreichen und im vorgeheizten Backofen bei 180 Grad etwa 15 Minuten backen.

Die fertigen Scones mit "clotted cream" oder einer besonders festen Sahne und Erdbeermarmelade zum Tee servieren.

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