Tschechien Bier aus der Gulaschkanone
Diese Geschichte über das böhmische Bier muss bei Großmutter Ludmila beginnen und ihrem Notizzettel, den Enkel Svatopluk Strava im Nachlass fand. "Recept na pivo" stand da in der schmalen Handschrift der alten Dame, Rezept für Bier, und darunter fein säuberlich eine Aufzählung von Zutaten und Arbeitsschritten. "Wenn ich dieses eine Blatt Papier nicht gefunden hätte", sagt Svatopluk Strava, "dann würde ich noch heute Pilsner Urquell trinken."
Stattdessen veränderte dieses Zettelchen sein Leben. Sogar sein Haus hat Strava umgebaut, einen kleinen Bauernhof in den Hügeln hinter Brünn. Schläuche und Rohre ziehen sich nun durch das Gebäude, in der einstigen Waschküche schimmert ein Edelstahlkessel in dürftigem Licht, und in der alten Scheune im Garten hat Strava eine Kühlkammer eingebaut. In ihrem Inneren: das ganze Jahr über acht Grad.
Svatopluk Strava ist ein kantiger Mann, ein Typ mit breiten Schultern und ohne Selbstzweifel. Besonders amüsiert er sich bei dem Gedanken, dass ausgerechnet bei ihm in Mähren jenes unvergleichliche Bier entsteht, für das eigentlich die Böhmen in Pilsen, in Budweis und in Prag, so berühmt sind. 38 Jahre ist er alt, überlaut seine Stimme, der Händedruck so fest wie sein Wille, das Bier aller Biere zu brauen. "Stellen Sie sich vor", ruft er, "bei meinen ersten Brauversuchen habe ich mich fast vergiftet!"
Über vier Herdplatten hatte er einen großen Topf gestellt, 20 Liter Wasser samt einem Haufen Malz eingefüllt und alles acht Stunden lang erhitzt, gerührt und gefiltert; genau so, wie es seine Großmutter handschriftlich festgehalten hatte. "Die Brühe war widerlich", sagt Strava. Wie seine Großmutter ihr eigenes Rezept überlebt habe, diese Frage stelle er sich bis heute.
Aus Trotz zum Brauer
Damals hätte er am liebsten den Topf mit den angebrannten Resten schleunigst entsorgt, das Rezept und mit ihm die ganze Sache vergessen. "Aber die Umstände", sagt Strava, "waren nicht danach." Denn für seinen ersten Braudurchgang hatte er, in einem Anfall von Übermut, etliche Freunde eingeladen. Die betranken sich mit verpöntem Flaschenbier, während auf dem Herd der selbst angesetzte Sud vor sich hin köchelte; und als sich spät in der Nacht zwischen Schwaden von Malzgestank das Scheitern des Experiments abzeichnete, spotteten sie wüst über Strava, der sich doch besser um sein Fuhrunternehmen kümmern und die Finger vom Bier lassen solle. "So eine Schande", sagt er.
Also fing Svatopluk Strava zu lesen an, lernte den Unterschied zwischen ober- und untergärigem Bier, beschäftigte sich ganze Abende lang mit Aminosäuren, mit Amylase und Maltose, arbeitete sich in Maische, Stammwürze, Treber und Keimung ein. Und das Pflänzchen seiner Hoffnung begann wieder zu wachsen.
Das tschechische Bier ist ein Phänomen. Weltweit wird es gerühmt, und Besucher pilgern zu Tausenden in die Braukeller im böhmischen Pilsen, in denen die Erfolgsgeschichte ihren Anfang nahm. Meist kennen sie nur ein einziges Wort in der Landessprache: "pivo". So beliebt ist das Bier, dass es zum Exportschlager geworden ist.
Doch der Stolz der Tschechen gehört diesen längst nicht mehr: Ausländische Braukonzerne haben gleich nach der Wende begonnen, die großen tschechischen Marken aufzukaufen. In Pilsner Urquell, Kruovice, Gambrinus, Staropramen und vielen anderen namhaften Traditionsbetrieben steckt längst Kapital aus Südafrika, Belgien oder Brasilien. Einzig das Budweiser ist den Böhmen geblieben; es kommt aus einer staatlichen Brauerei, deren Privatisierung auch bereits im Gespräch war.
Die Tschechen ärgert das. "Was wir hier zu trinken kriegen", murren Puristen in spezialisierten Online-Foren, "ist das gleiche Einheitsgesöff wie überall auf der Welt." Sie halten dagegen - und machen sich daran, die Hoheit über ihr Nationalheiligtum wiederzugewinnen. Sie stürzen sich auf die Produkte örtlicher Kleinstbrauereien, die im ganzen Land Waschküchen, Schuppen und Garagen in Beschlag nehmen - oder sie brauen sich, wie Svatopluk Strava, ihr abendliches Helles gleich selbst.
Vom Konsumenten zum Missionar in Sachen Bier
An der Spitze der neuen Bierbewegung steht Jan Koka, der Pionier der tschechischen Selbstbrauer. Sein erstes Bier hat er schon 1992 angesetzt, heute ist er dabei, aus Einzelkämpfern eine lebendige Szene zu formieren. Treffpunkt seiner Anhänger ist Kokas Internetseite. Svet piva heißt sie, die Welt des Bieres. Von Monat zu Monat klicken mehr Interessenten auf die Seite, sie sehen sich dort brandneue Bierrezepte an, tauschen sich über Feinheiten des Mälzens aus oder lästern über die Großbrauereien. Tausend Besucher sind es derzeit, Tag für Tag. "Fast meine komplette Freizeit fließt da rein", sagt Jan Koka.
Und als er dann weiterredet, sprudeln Termine nur so aus ihm heraus: die nächste Bierverkostung in einer Prager Kellerkneipe; ein Bierfestival in Amerika, das er beehren soll; der Besuch eines japanischen Braumeisters, der ein nie getrunkenes Bier kreieren will; ein Braukurs. Und wenn Tschechien von einer Nation der Biertrinker zu einer Nation der Bierkenner geworden ist, dann will Jan Koka auch noch eine Bierzeitung herausgeben.
Vom Konsumenten zum Missionar in Sachen Bier hat sich Koka gleich nach der Wende gewandelt. Als Steward der staatlichen Fluggesellschaft kam er schon damals viel herum, und eines Abends ging er mit britischen Kollegen in einen Pub, irgendwo tief in England. Und diese Briten bestellten sich erst ein Stout, dann ein Lager und dann der Reihe nach den Rest der angebotenen Biere, und jedes Mal machten sie sich Notizen und diskutierten den Geschmack.
Jan Koka stand der Mund offen. "Von Tschechien kannte ich das anders: Bei uns gehst du in eine verrauchte Kneipe, bestellst das billigste Bier, trinkst deine zehn Gläser und gehst wieder." Selbst die tschechische Sprache ist auf dieses Verhalten eingestellt. "Wir haben dafür das Wort chlast", sagt Koka. Eine genaue deutsche Übersetzung gibt es nicht, das Lexikon schlägt Suff vor, aber in chlast schwingt noch so etwas wie Stolz mit, es klingt fast ein wenig poetisch.
Der "chlast" ist gewaltig - und schlägt den Bierdurst der Deutschen
Mit größter Selbstverständlichkeit haben die Großbrauereien jahrelang den Bedarf der Tschechen gedeckt. Auch wenn wegen der Planwirtschaft die Schlangen für Brot bis auf die Straße reichten: Bier gab es immer genug. Und es war selbst in unbegrenzten Mengen noch erschwinglich - als eines von wenigen Produkten. "Was immer passiert, das Bier muss billig bleiben, mit ihm können wir das Volk ruhigstellen", soll das Kalkül der Genossen gewesen sein. So zumindest geht die Legende, die sich bis heute hält. Aber auch in Freiheit und Demokratie bleiben die Tschechen ihrem Bier treu.
Ihr Durst, der chlast, ist gewaltig: 159 Liter schaffen sie pro Person und Jahr, und wenn man Kinder und Greise rausrechnet, kann man sich vorstellen, was ein kräftiger Tscheche jeden Tag so schluckt. Selbst die Deutschen, die Platz zwei der Liste zu verteidigen wissen, sind noch 47 Liter vom Rekord der Tschechen entfernt.
Gegen solche Absatzzahlen, da macht sich Jan Koka keine Illusionen, sind die Kapazitäten der Selbstbrauer verschwindend klein. Zwar gibt es in jedem größeren Ort schon Kneipen, die ihre Biere ausschenken; wenn alles gut läuft, gar ein Dutzend davon. Die Übermacht der Konzerne aber, die Wirten kostenlos Biergläser, Sonnenschirme und Leuchtreklamen stellen, ist bisher ungebrochen.
Für Koka ein schwieriges Thema. Wenn man mit ihm darüber spricht, rudert er sofort mit den Armen. Ihm gehe es schließlich nicht um einen großangelegten Aufstand gegen das uniforme Bier. Eher um eine Revolution im Kleinen. Er denkt einen Moment nach. "Wenn Sie so wollen", sagt er schließlich, "sind wir Connaisseurs." Männer, die leidenschaftlich die Würze eines nicht pasteurisierten Bieres preisen und die eine leichte Ingwer-Note im Bierschaum schon in Verzückung bringt.
Versuchsprotokoll des Hobbybrauers
Es sind Menschen wie Petr Buriánek. Einmal im Monat braut Buriánek sein eigenes Bier, jedes Mal 20 Liter, mehr passt einfach nicht in die alte Gulaschkanone, die bei ihm den Braukessel ersetzt. Seine Wohnung liegt in einem Prager Plattenbau, drei Zimmer, eine winzige Küche. Für seine Biertage hat der 38-Jährige ein festes Ritual: Zunächst muss seine Frau mit den vier kleinen Kindern das Feld räumen und auf den Spielplatz übersiedeln. Dann zieht er sich ein altes T-Shirt an, öffnet die langen Haare, die sonst von einem Gummiband zum Pferdeschwanz gebändigt werden, und legt seine Lieblingsmusik ein. Alben der tschechischen Bands Arakain und Ti Sestry, eine peitschend schnelle Musik mit so viel Bass, dass die Plattenwände im Takt vibrieren.
"Was ich hier mache", sagt Buriánek, "ist im Prinzip nichts anderes als das, was ich gelernt habe." Er ist Chemielaborant, und selbst zu Hause an der Gulaschkanone führt er ein Versuchsprotokoll.
10.15 Uhr: Malz ins Wasser gegeben, 40 Grad Celsius, notiert er auf einem Zettel. Sein T-Shirt ist da schon zum ersten Mal durchgeschwitzt, er hat bereits anderthalb Stunden lang fünf Kilo Malz durch eine Mühle gedreht. Deren Walze ist stumpf geworden über die Jahre. Ersatzteile? Nicht vorhanden, alles hier ist Eigenbau.
10.30 Uhr: Langsame Temperaturerhöhung auf 68 Grad. Die Stärke wird in Maltose umgewandelt, Buriánek muss nur ab und an mit einem hölzernen Kochlöffel umrühren. Aus dem Wohnzimmer wummert die Musik, er nimmt sich aus dem Kühlschrank ein Bier. Mit geschlossenen Augen riecht er am Flaschenhals. "Das kommt aus Belgien und müsste nach Kirsche schmecken", sagt er.
11.45 Uhr: Abkühlen lassen.
12.00 Uhr: Maischen abgeschlossen, Jodprobe negativ, von der Gulaschkanone in einen Plastikbottich abgießen. Wieder ein Eigenbau: Buriánek hat in den Boden einer Wäschetonne Hunderte hauchfeine Löcher gebohrt. Auf ihnen bildet sich eine Schicht aus geschrotetem Malz, durch die jetzt die Flüssigkeit abläuft.
13.20 Uhr: Sud mit Hopfen versetzt und auf 100 Grad erhitzt. Buriánek öffnet die nächste Flasche Bier, diesmal englisches Stout.
13.40 Uhr: Die Kinder kommen vom Spielplatz zurück, Buriánek brummt und schaltet die Musik aus.
14.30 Uhr: Zweite Hopfengabe.
14.50 Uhr: Abkühlprozess gestartet, der 20-Liter-Topf steht im Kühlschrank.
16.00 Uhr: Hefezugabe. Umgerührt, Topf wieder in den Kühlschrank gestellt. Nun soll alles gären. Schluss für heute.
Bier mit Vanillegeschmack
Eine Woche später wird Buriánek sein neues Bier probieren. Wenn es schmeckt, wird er eine Flasche zu einem Wettbewerb der Hobbybrauer schicken, und irgendwann wird er schon eine Auszeichnung bekommen mit seinem Gebräu, das unter Laborbedingungen im Plattenbau entstanden ist.
Dann wird es ihm vielleicht so gehen wie Svatopluk Strava, jenem Mann, den ein Rezept der Großmutter zum Selbstbrauer gemacht hat - und vor dessen Haus mittlerweile die Busse mit Biertouristen halten. Überdies beliefert er nun eine Reihe von Kneipen. Xaver heißt der Renner aus seinem Angebot, ein vollmundiges, kräftiges Bier. Es trägt den Namen der Kneipe, die Stravas Vater einst besaß, alle anderen Biersorten sind nach den Männern der Familie benannt.
Opa Frantiek zum Beispiel ist in einem Bier verewigt, das der Enkel beim Brauen mit Vanilleschoten versetzt. Das Andenken des zweiten Großvaters Oldich wahrt ein dunkles Bier, herb, aus vier Sorten Malz gebraut und mit Kardamomgeschmack. Und Schwiegervater Vladimír bekam ein Bier mit so viel Alkohol, dass es schon fast als Spirituose durchgeht.
So hat Svatopluk Strava ganz nebenbei seine Ehre wiederhergestellt: Die Freunde, die über den ersten Brauversuch spotteten, gehören längst zu seinen Stammkunden.