Australiens "Top End" Schluchten, Quellen, Wasserfälle
Das Sektglas beschlägt sofort, der Inhalt ist bestimmt 25 Grad Celsius kälter als die Außentemperatur. Auch am Abend kühlt es sich in Darwin kaum ab, so dass die Passagiere der "Kim" über jeden lauen Luftzug froh sind, der das 50 Jahre alte Perlenfischerboot streift. Während Käse und Kräcker gereicht werden und im Nordwesten glutrot die Sonne in der Timor See versinkt, geht weit im Süden ein Gewitter nieder.
"Wo schlagen die Blitze ein?", will ein besorgter Amerikaner wissen. Gregory Hodowaniec von der Mannschaft der "Kim" klärt ihn auf: "Das ist zehn Meilen weit weg. Da ist nichts. Absolut nichts."
Jeden Abend werden solche "Sunset Cruises" in Darwins Naturhafen angeboten. Neben der "Kim" fahren je nach Saison noch zwei bis vier weitere Boote. Wer hier am Sektglas nippt, ist mit einem Fuß noch in der Zivilisation - und mit dem anderen schon in der Wildnis. Rund 200 gefährliche Salzwasserkrokodile werden jedes Jahr aus dem Hafen gefischt, die meisten in der Regenzeit, erzählt Gregory. Und während an der Steuerbordseite Darwin langsam das Licht einschaltet, versinkt die menschenleere Cox-Halbinsel an Backbord in immer tieferem Dunkel.
In Darwins Innenstadt geht zur gleichen Zeit - auch das jeden Abend - die Post ab: Hunderte von Rucksackreisenden bescheren den Bars an der Mitchell Street einen guten Umsatz. In Pubs wie dem "Shenannigan" oder "Rorke's Drift" ist es schwer, einen Sitzplatz zu bekommen.
In Darwin endet der Stuart Highway, jene legendäre Nord-Süd-Trasse durch Australien, deren Bewältigung der Traum vieler Reisender in "Down under" ist. Darwin als Schlusspunkt ist für sie ein Platz zum Feiern.
Nur 70 Kilometer südlich von Darwin ist die Zivilisation schon weit weg. Dürre Eukalyptusbäume ragen beiderseits der Straße aus der roten Erde, Termitenhügel und Büsche dazwischen. Das gleichförmige Bild wird nur von wenigen Abzweigungen unterbrochen.
Bei dem Ort Batchelor etwa geht es nach Westen in den Litchfield-Nationalpark, der wegen seiner Ausmaße und Beschaffenheit ab und zu als "Kakadu im Kleinformat" beschrieben wird. In den Seen unterhalb der Wasserfälle Wangi Falls und Florence Falls tummeln sich an freien Tagen viele Einwohner Darwins - es sind ja nur 140 Kilometer Strecke.
Der nächste Stopp ist Adelaide River. Der Ort verkörpert das typische Bild des australischen Buschlandes: ein paar Häuser, eine Polizeistation und eine Tankstelle mit Roadhouse. Dort begegnen Filmfans einem alten Bekannten: dem Büffel "Charlie", den Paul Hogan alias "Crocodile Dundee" mit ein paar Fingerzeigen in die Knie zwang. Bis zum Jahr 2000 ließ sich "Charlie" auf einer Koppel an der Tankstelle gerne fotografieren. Heute steht er ausgestopft auf der Theke der Gaststätte. "Altersschwäche" verrät der Barkeeper als Todesursache.
Um Tiere ganz anderer Art geht es 117 Kilometer weiter südöstlich beim nächsten Halt am Stuart Highway. Nahe des Ortes Pine Creek, wo eine mit Wasser gefüllte 135 Meter tiefe und 250 Meter breite Grube an die großen, aber vergangenen Zeiten der Goldförderung im "Top End" erinnert, widmet sich das "Franz Weber Territory" Australiens Wildpferden, die von manchen Bewohnern der Kontinents als Plage empfunden werden.
"In der Gegend zwischen Kakadu und Katherine hatte es von Hubschraubern aus verheerende Abschussaktionen gegeben", erzählt Thomas Scherraus, der aus der Schweiz stammende Manager der zum Gelände gehörenden Lodge. "Deshalb haben wir das Reservat genau hier eingerichtet." Auf 500 Quadratkilometern bietet das Franz Weber Territory seit 1993 rund 800 Wildpferden und 35 Reitpferden ein sicheres Zuhause. Touristen sind willkommen - sie können Reitunterricht nehmen oder auch an längeren Ausritten teilnehmen, die zum Teil mit Camping im Buschland verbunden sind. Eine Anmeldung spätestens am Vortag (Tel. in Australien: 0889/761232) ist allerdings notwendig.
Eine der meistbesuchten Attraktionen im "Top End" ist der Nitmiluk-Nationalpark, der früher als Katherine-Gorge-Nationalpark bekannt war, inzwischen aber einen Namen aus der Sprache der Aborigines-Ureinwohner bekommen hat. Zu ihm gehören die Edith Falls - Wasserfälle an einer Anhöhe, die sich durch eine gut zweistündige Wanderung auf dem "Leliyn Walk" erkunden lassen. Und zu ihm gehört das 15 Kilometer lange und 25 Millionen Jahre alte Schluchtensystem der Katherine Gorge mit den bis zu 70 Meter hohen Felswänden, die jedes Jahr von den Fluten in der Regenzeit glatt geschliffen werden.
Besucher können sich am Besucherzentrum des Nationalparks Kanus ausleihen: Ein Zweier-Kajak kostet pro Tag 61 Dollar. Daneben werden geführte Bootstouren angeboten, bei denen zu Preisen zwischen 37 und 92,50 Dollar pro Person zwei, drei oder fünf Schluchten besucht werden - unterwegs müssen die Gäste mehrfach Strecken laufen und das Boot wechseln, weil Stromschnellen eine durchgehende Fahrt unmöglich machen. 45 Fisch- und 15 Schildkrötenarten leben im River Katherine, erzählt Ranger Jason Ruff, während er das Boot an den steilen Felsen entlang manövriert. Manchmal sind auch Süßwasserkrokodile zu sehen.
Der Ort Katherine, der sich als Ausgangspunkt für die Bootstouren und Wanderungen im Nitmiluk-Nationalpark anbietet, hat außer der einzigen Ampel auf der rund 1700 Kilometer langen Strecke zwischen Darwin und Alice Springs im Zentrum Australiens kaum etwas zu bieten.
113 Kilometer südöstlich von Katherine werden Reisende allerdings ein weiteres Mal überrascht: Nach den Vogelparadiesen, Wasserfällen, Eukalyptuswäldern und weiten Schluchten des "Top End" gibt es bei dem Ort Mataranka im kleinen Elsey-Nationalpark eine von Palmen umgebene Thermalquelle mit konstant 34 Grad Celsius warmem Wasser, in deren Ausläufern auch geschwommen werden darf. Glasklar ist das erfrischende Nass, in das sich manchmal allerdings ganze Busladungen von Touristen stürzen.
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Auf dem Weg von Katherine nach Süden fällt auf, dass die Bäume immer niedriger werden. Mataranka wirkt wie der letzte Außenposten des "Top End" mit seiner tropischen Vegetation, bevor das karge Outback mit seiner roten Erde beginnt. Der UKW-Radioempfang ist längst verloren gegangen, die Zivilisation hat sich endgültig im Rückspiegel verabschiedet - und auch die Welt des "Crocodile Dundee" hört in Mataranka auf.
Christian Röwekamp, gms