Burma: Angst vor einem zweiten Afghanistan - DER SPIEGEL
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Burma Angst vor einem zweiten Afghanistan

Nach dem zweiten Weltkrieg zwangen die chinesischen Kuomintang Burmas Bauern zum Opiumanbau - mit Unterstützung der amerikanischen CIA. Noch heute dominieren Chinesen den Drogenhandel und übervorteilen selbst die kriegerischen Wa. Zweiter Teil der Opium-Reportage.
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Andere Völker, wie die Shan und die Kokang, tun es den Wa gleich, vertreiben ihre Bevölkerung aus den Dörfern - und stürzen sie in arge Nöte. Viele Familien haben nicht mehr genug zu essen, Kinder gehen nicht mehr zur Schule, Mädchen werden von Menschenhändlern in die Bordelle Bangkoks gelockt. "Die Sterblichkeitsrate liegt weit über Landesdurchschnitt", sagt Jean-Luc Lemahieu von der UNODC. In dem von den Kokang beherrschten Gebiet muss das Uno-Welternährungsprogramm in einer Notaktion derzeit Reis liefern, um eine Hungersnot zu verhindern.

Opiumbauern in Mong Ka: "Die einzige menschliche Lösung lautet, die Frist zu verlängern"

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Foto: Andreas Lorenz

"Und das ist nur der Anfang", meint der Uno-Mann. 40.000 bis 50.000 Opiumbauern wurden bereits an die thailändische Grenze umgesiedelt, nun müssen im Wa-Staat ganze Dörfer von den Bergen in die Täler umziehen. Die Konsequenzen sind fatal. Die Menschen werden nicht nur entwurzelt, sondern geraten auch in Lebensgefahr: Im Dorf Son Khe etwa starben im ersten Jahr nach der Umsiedlung von 400 Menschen 49 an Malaria. Sie hatten sich nicht ausreichend gegen die in den Bergen unbekannte Krankheit geschützt.

Die Uno versucht derzeit, die Wa von den Zwangsumsiedlungen abzubringen. Doch die Funktionäre betrachten die Helfer meist nur als Geldquelle, Einmischung in ihre Angelegenheiten verbitten sie sich. Als die Uno begann, mit den Opiumbauern über alternative Getreidesorten zu diskutieren, flog sie aus vielen Dörfern wieder raus. Mitspracherecht ist im Herrschaftsgefüge der Wa nicht vorgesehen.

Opium ist oft das einzige Schmerzmedikament

Wie Seeleute, die auf einem sinkenden Boot immer neue Lecks stopfen, versuchen die Uno-Drogenleute dennoch, das Schlimmste zu verhindern. Sie begannen, den früheren Opiumbauern beizubringen, Reis und Mais anzupflanzen - im Idealfall zweimal im Jahr. Anderswo bohren sie Brunnen, legen Stromleitungen, planieren Straßen und bauen Schulen - der Beginn des Weges aus der Armut. Kosten bislang: rund zehn Millionen Dollar.

Casino "Gesundes Land" in Panghsan: Zu viele Funktionäre verspielen Steuergelder

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Foto: Andreas Lorenz
Holzlieferung nach China: "Sie holzen das Zehnfache dessen ab, was wir erlaubt haben"

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Foto: Andreas Lorenz
Uno-Helfer im Wa-Gebiet: Das Goldene Dreieck könnte ein zweites Afghanistan werden

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Foto: Andreas Lorenz


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Und sie kämpfen gegen die Drogensucht vor Ort. Für viele Einheimische ist Opium das einzige Medikament, um Schmerz zu stillen, viele kommen nicht mehr von der Droge los. "Jedes Dorf hat seine Drogensüchtigen", sagt der Arzt Sai Sing Tip, der im Dienste der Uno in Ho Tao eine Drogenklinik leitet. "Innere Unruhe, laufende Nase, Schwindel, Durchfall, Magenschmerzen. Manche wälzen sich auf dem Boden", beschreibt er die Symptome seiner Patienten. 40 Süchtige leben in den zwei primitive Baracken mit rohen Wänden, die von zwei jungen Soldaten bewacht werden.

Nachsorge ist schwierig

Su Jin, 31, ist Bauer und einer der wenigen Heroinsüchtigen in der Anstalt. Vor zehn Tagen kam der Angehörige des Lahu-Volkes zu Sai, freiwillig, wie er beteuert. Als junger Soldat der Wa-Armee brachten ihn Freunde auf das weiße Pulver, "So aus Jux", wie er sich erinnert. Dann haben sie ihn aus der Armee geworfen, weil er ohne den Stoff nicht mehr leben konnte. "Heroin ist leicht zu bekommen", berichtet er. Er zeigt auf die andere Seite des Flusses, wo der Markt liegt. "Einige Händler bieten es heimlich an. Man muss wissen, wo sie sitzen."

Ein halbes Gramm kostete anfänglich 15 bis 20 chinesische Yuan (1,50 bis zwei Euro). Später stieg der Preis auf 50 bis 60 Yuan (fünf bis sechs Euro), was für die Bauern im Norden Burmas eine enorme Summe ist. Su brauchte zum Schluss ein Gramm pro Tag. Inzwischen geht es ihm besser, die Uno-Helfer wollen ihm nach dem Entzug weiter beistehen. Doch die Rückfallquote ist hoch, die Nachsorge schwierig. Denn die Anwesenheit der Mediziner in den Dörfern ist häufig unerwünscht.

Die Zocker sind meist Chinesen

Am frühen Morgen trabt die Wa-Armee durch die Straßen ihres Hauptquartiers Panghsan. 20.000 Mann hält die Führung unter Waffen, hinzu kommen Tausende Milizionäre. Abends hocken einige auf der Mauer der Kaserne, unter ihnen Kinder und Jugendliche, an ihren Füßen Plastiklatschen. Wie zu den egalitären maoistischen Zeiten tragen die Wa-Militärs keine Rangabzeichen. Auf der Uniformjacke steht auf Englisch: "United Wa-State-Army", auf dem Mützenemblem blinkt ein roter Stern über drei Bergen. Auf dem Kasernenhof steht ein riesiger goldener Ochse - das Wahrzeichen der Wa.

Im Zentrum von Panghsan hat die burmesisch-chinesische Yong-Yuan-Gruppe das Casino "Gesundes Land" errichtet. Der Teppich ist abgewetzt, die Kunden ignorieren die Spucknäpfe und rotzen auf den Boden. Gespielt wird Baijiale, eine Art 17 und 4. Die Zocker sind meist Chinesen aus der Nachbarprovinz Yunnan. Sogar einen VIP-Raum gibt es. Dort servieren Kellnerinnen im roten, geschlitzten Kleid frische Erdbeeren.

In letzter Zeit sind allerdings weniger Spieler gekommen, weil die chinesischen Behörden den Grenzübergang ins Wa-Land erschweren: Zu viele Funktionäre verspielen Steuergelder, zu viele Triaden-Soldaten waschen Drogengelder. In der Aktion "Blauer Pfeil" rückte Ende vorigen Jahres sogar die Armee an und löste die Grenztruppen ab.

Kuomintang zwangen Bauern zum Opiumanbau

Nach dem Weltkrieg hatten sich versprengte Truppen der chinesischen Kuomintang im Goldenen Dreieck festgesetzt, die von hier aus ihren Kampf gegen Maos Kommunisten weiterfochten. Sie zwangen die Bauern zum Opiumanbau - und hatten einen potenten Partner: die amerikanische CIA, die mit ihren Flugzeugen Truppen transportierte und wohl auch mal Rauschgift. Noch heute ist die von der CIA planierte Rollbahn im Ort Mongpawk zu sehen.

Als die Männer Chiang Kai-sheks einsahen, dass es keine Chance gab, China zurückzuerobern, konzentrierten sie sich völlig auf den Drogenhandel und legten so die Grundlage für Handelsrouten und Netzwerke. Nach wie vor dominieren nach Erkenntnissen der Fahnder ethnische Chinesen aus Burma, Thailand, Taiwan, Hongkong und China das Geschäft.

Nach den Nationalchinesen kamen Maos Rote Garden, die die "Kommunistische Partei Burmas" im Kampf gegen die Zentralregierung nicht nur ideologisch, sondern auch mit Waffen aufrüsteten. Mittlerweile sind die chinesischen Vertreter der reinen Lehre zu Anhängern des reinen Heroins mutiert. Etliche Rote Garden sind zu Drogenkönigen des Goldenen Dreiecks aufgestiegen - und Drogenpolizisten sagen ihnen exzellente Verbindungen zu chinesischen Politikern, Militärs und Geheimdienstlern nach.

"Die Chinesen übervorteilen die Wa"

China ist im Wa-Land stark präsent, Panghsan könnte mit seinen Kachelbauten und chinesischen Aufschriften auch sonst wo im Reich der Mitte stehen. Chinesische Arbeiter leisten den Wa nun Entwicklungshilfe. Sie bauten unter anderem Straßen, ein Zinnwerk und eine Kautschukplantage.

Richtig durchdacht scheint das nicht zu sein. Denn niemand will derzeit Zinn kaufen. Auch der künftige Export des Kautschuks ist fraglich, weil China womöglich die Einfuhr blockiert, um die eigene Produktion zu schützen. Andere Absatzmärkte haben die Wa aber nicht. "Diese Art von Entwicklungshilfe ist gelinde gesagt 'seltsam', sagt Uno-Projektleiter Jeremy Milson. Denn den Chinesen scheint es weniger um selbstlose Unterstützung als um gute Kasse zu gehen. Milson: "Die Chinesen übervorteilen die Wa."

In Panghsan rollt ein blauer Lastwagen mit chinesischem Nummernschild nach dem anderen über die schmale Grenzbrücke in die Provinz Yunnan. Auf der Ladefläche: wertvolle Tropenhölzer aus dem Dschungel der Wa. "Sie holzen das Zehnfache von dem ab, was wir erlaubt haben", klagt Funktionär Shao.

Schafft die Uno es nicht, den Bewohnern einen Weg aus der Armut zu öffnen, könnte das Goldene Dreieck ein zweites Afghanistan werden, fürchtet Uno-Mann Lemahieu. Und: Drogensyndikate könnten die Bauern aufstacheln, gegen die Wa-Führung zu rebellieren, das ganze Goldene Dreieck wieder in den Bürgerkrieg zurückfallen. "Stabilität und Ruhe" der Region könnten gefährdet werden, gibt Shao zu. Denn: "Das Verbot wird einigen Leuten nicht gefallen."

Verlierer in einer verheerenden humanitären Krise

Keiner der Uno-Helfer aber wagt den politisch unkorrekten Gedanken offen auszusprechen, den sie alle denken: Es wäre besser, wenn die Wa-Führer den Opiumbann ein paar Jahre aufschieben würden, um der Bevölkerung ausreichend Zeit zu geben, den Anbau von Reis, Mais oder Weizen zu lernen. Die Experten des Transnationalen Instituts (TNI), einer holländischen Nichtregierungsorganisation, die sich öfter in der Region umgetan haben, äußern sich klarer: "Die einzige vernünftige und menschliche Lösung lautet, die Frist zu verlängern." Denn der Befehl werde "nur Verlierer in einer verheerenden humanitären Krise schaffen".

Auf dem Freitagsmarkt von Mongpawk blüht der Opiumhandel nach wie vor. Über zehn Händler kaufen an einem Vormittag im Februar von den Bauern Opium auf. Sie sitzen auf kleinen Hockern und wiegen auf Handwaagen die klebrige Masse mit alten Silberrupien aus der britischen Kolonialzeit auf. Sorgfältig prüfen die Bäuerinnen die Münzen mit dem Konterfei König Edwards, bevor sie ihre wertvolle Ware hergeben. 170 Dollar bringt heute ein Kilo. Die Uno-Leute überprüfen jeden Markttag unauffällig Angebot und Preise.

Die Opiumbäuerin I Am hat ihr Tagewerk beendet. Im nächsten Jahr wird sie noch einmal ernten können - das letzte Mal. Deswegen plant sie, in den nächsten Wochen besonders viel Mohn auszusäen. Und dann wird sie Augen und Ohren offen halten: "Wenn meine Nachbarn weiter anpflanzen, bin ich dabei."

Die Reportage über den Stopp des Opiumanbaus durch die Wa besteht aus zwei Teilen. Den ersten Teil lesen Sie hier.

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