Burma: Opiumbann gegen das Volk - DER SPIEGEL
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Burma Opiumbann gegen das Volk

Das Goldene Dreieck versorgt die Opiumsüchtigen der Welt. Nun will gerade das Rebellenvolk der Wa, bisherige Nutznießer des Drogenhandels, radikal mit dem traditionellen Opiumanbau Schluss machen. Die Uno befürchtet eine humanitäre Katastrophe.
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Gleich hinter dem Bambuszaun, am Rande des Dorfes, wachsen die Blumen des Bösen. An einem steilen Hang wiegen ihre roten und weißen Blütenblätter sanft im Nachmittagswind. I Am, 35, kerbt mit einem kleinen dreischneidigen Messer die Mohnkapseln. Von anderen schmiert sie eine braune Masse in eine kleine Blechdose. "Nur Frauen können diese Arbeit machen", sagt sie. "Männer sind dafür zu ungeschickt."

Opiumbäuerin I Am: Hinter dem Bambuszaun wachsen die Blumen des Bösen

Opiumbäuerin I Am: Hinter dem Bambuszaun wachsen die Blumen des Bösen

Foto: Andreas Lorenz

I Am sammelt Opium - der Stoff, aus dem Heroin gefertigt wird. Solange sie denken kann, ist für die Angehörige des Palaung-Volkes das klebrige, braune Zeug lebenswichtige Einkommensquelle. Zwei Kilogramm erntete sie im vorigen Jahr, umgerechnet 95 Dollar gaben ihr die Händler dafür. Während sie sich auf der Suche nach reifen Hülsen gebückt durch das Feld arbeitet, zählt sie auf, was die Familie für das Geld kaufen konnte: "Reis, Öl, Salz, Chilischoten, Kleider." Nicht zu vergessen, das Schwein. Leider sind inzwischen alle Ferkel an einer "seltsamen Krankheit" gestorben, berichtet sie.

Das Dorf Wan Lone liegt im Herzen des Goldenen Dreiecks, jenes abgeschotteten Gebiets zwischen Laos, Thailand und Burma, das die Süchtigen der Welt mit Nachschub versorgt. Hier herrscht die Armee der Wa. Die Krieger, die bis Mitte der siebziger Jahre ihren Gegnern die Köpfe bei lebendigem Leib abschnitten, stritten, unterstützt vom Nachbarn China, einst für ein kommunistisches Burma. Vor 15 Jahren haben sie die Waffen niedergelegt und sich im Gegenzug vom Militärregime in Rangun weitgehende Autonomie eingehandelt. Ihr Territorium heißt jetzt offiziell "Sonderregion 2".

Die Wa-Armee gilt als skrupellose Narko-Armee

Für die 350.000 Untertanen hat sich allerdings nichts geändert. Von Demokratie und Mitsprache kann keine Rede sein. Die Wa-Führung ist nach wie vor in einem Zentralkomitee organisiert, und das duldet keinen Widerspruch.

Opiumhändlerin in Mongpawk: "Das Opium hat nur Elend gebracht

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Foto: Andreas Lorenz
Händler auf dem Markt von Mongpawk: Die Wa-Funktionäre sagen fünf Jahre Probleme nach dem Anbaustopp voraus

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Foto: Andreas Lorenz
Opiumbauern: Die blassgrünen Opiumfelder sollen bis Juni 2005 verschwinden BU

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Foto: Andreas Lorenz


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Vor allem nicht bei einem Beschluss von so enormer Tragweite, den die Wa vor geraumer Zeit fällten: Ab Juni 2005 wird Schluss sein mit dem Opium. Die blassgrünen Opiumfelder, die heute die sanfte Landschaft prägen, sollen völlig verschwinden, kündigten sie an. Ein Abschied des kolumbianischen Drogenkartells vom Kokain wäre kaum revolutionärer. Denn die Wa-Armee gilt Thailändern und Amerikanern als skrupellose Narko-Armee, die Asiens Städte mit Drogen überschwemmt. Auf den Wa-Kommandeur Bao Yue-xiang hat Washington eine Millionen Dollar Belohnung ausgesetzt.

Bao lässt sich an diesem Nachmittag entschuldigen, als die Wa-Führung westlichen Journalisten ihre neue Politik erläutert. Er sei leicht erkrankt, heißt es. Dafür fährt Shao Ming-liang, Vizegeneralsekretär der "Vereinigten Wa-Staatspartei", in einem grünen Pajero-V6-3000-Geländewagen vor dem Hotel in der Wa-Hauptstadt Panghsan, dicht an der chinesischen Grenze, vor. Er trägt eine blaue Windjacke, redet mit hoher Stimme, raucht eine Zigarette nach der anderen - ein alter Kämpfer, der es genießt, in friedlichen Zeiten zu leben.

Als Kind ging er auf der anderen Seite der Grenze zur Schule. Er spricht fließend chinesisch. Die Straße weiter unten ist er in Uniform mit seinen Genossen auf einem Propagandaplakat abgebildet: "Unser schönes Heimatland aufbauen", steht daneben in Burmesisch, Chinesisch und Englisch.

Absage an Opium auf Druck von China

Bis zum Jahr 1999 haben die Wa Heroin-Raffinerien und den Transport von Opium durch ihr Gelände nicht nur geduldet, sondern auch Steuern von internationalen Drogensyndikaten kassiert, gibt Shao zu, 18 Prozent auf die Einkünfte der Raffinerien zum Beispiel. "Doch jetzt verbieten wir Labore und Transporte", versichert er. Die Absage an das Opium erklären die Wa mit dem starken Druck Chinas. Im Nachbarland hängen immer mehr Menschen an der Nadel. Peking hat wirtschaftliche Hilfe versprochen, wenn die Wa aus dem Drogengeschäft aussteigen.

Überdies habe das Opium nur Elend gebracht, klagt Shao. "Unsere Bevölkerung wird ärmer und ärmer." 60 von hundert Kindern sterben derzeit vor dem fünften Lebensjahr, von 100 Menschen können bislang nur zwei lesen und schreiben, Malaria und Durchfallkrankheiten raffen ganze Dörfer dahin. Wenn ihr Reich, etwa fünfmal so groß wie Luxemburg, den Ruch des Narko-Staats verliert, werden andere Länder mit ihnen handeln und Hilfsgelder locker machen, hoffen die Wa-Regenten: "Bitte überzeugen Sie ihre Regierungen, uns zu helfen."

Ein ehrlicher Wandel vom Saulus zum Paulus? Kritiker winken ab. Zu verquickt erscheinen ihnen die Wa mit Finstermännern aus China und korrupten Offizieren der burmesischen Junta, als dass sie sich aus dem lukrativen Drogengeschäft freiwillig verabschieden würden. In Rangun wurden etliche Firmen mit Drogengeld gegründet, wissen internationale Fahnder. Unter den Unternehmern - die Wa.

Neue Einnahmequelle: Metamphetamine und Designerdrogen

Tatsächlich dürfte der Umschwung nicht ganz von Herzen kommen. Absatzmärkte des Goldenen Dreiecks sind in den letzten Jahren verloren gegangen. Afghanistan ist nach dem Zusammenbruch der Taliban übermächtige Konkurrenz. Nicht mehr Amerika und Europa sind die Adressen des burmesischen Heroins, sondern Südostasien, China, Indien, Australien und Japan. Die Opiumproduktion des Goldenen Dreiecks ist in den letzten Jahren auf unter 1000 Tonnen im Jahr geschrumpft. Und es gibt eine neue Einnahmequelle: Metamphetamine und Designerdrogen. Die sind leichter herzustellen, besser zu verstecken, schneller zu transportieren und höchst profitabel.

"Wir geben zu, dass einzelne Wa-Geschäftsleute Amphetamintabletten nach Thailand verkaufen", sagt Shao und trinkt einen Schluck Tee. "Aber es ist unfair zu behaupten, dass alle Metamphetamine von uns stammen." Polizeioberst Hkam Awng, Ranguns Chef-Drogenbekämpfer stimmt zu: Nicht die Wa, sondern "chinesische Syndikate" mit "guten Verbindungen" seien die Hauptdrahtzieher. Mit "Verbindungen" meint er vor allem gute Drähte zu den politisch Mächtigen in der Region.

Nach einer Weile gesteht Shao allerdings ein, dass zumindest der jüngste der vier Bao-Brüder an der Spitze der Wa in den Amphetaminhandel verwickelt ist. Der Mann, der sich innerhalb der Wa-Armee eine Spezialtruppe von einigen hundert Mann halten darf, wurde jüngst von seinen Genossen als Dealer entlarvt. Bislang ist ihm nichts geschehen. "Ich habe ihn gerade gestern gesehen", sagt ein Wa-Offizier.

Uno befürchtet humanitäre Katastrophe

"Die Wa", sagt der Repräsentant des Uno-"Büros gegen Drogen und Kriminalität" (UNODC) in Rangun, Jean-Luc Lemahieu, 44, "sind keine Chorknaben. Man kann sie nicht von einem Tag auf den anderen ändern." Dennoch hält die UNODC seit Jahren engen Kontakt zu den Wa. Im Dorf Mongpawk haben die Rauschgiftexperten Kofi Annans auf einem Hügel ein Camp errichtet. Heute herrscht Ausnahmezustand: Auf einem ehemaligen Rollfeld landen zwei Hubschrauber der burmesischen Armee. An Bord: der "Dienstagsklub" aus Rangun - ein Verein einflussreicher Geschäftsleute. Sie wollen sich über Opiumbann und Uno-Aktivitäten informieren.

Gute Nachrichten bekommen sie allerdings nicht zu hören. Ausgerechnet die UNODC, die angetreten ist, die Opiumquellen im Goldenen Dreieck so schnell wie möglich auszutrocknen, wird nicht froh über das Geschehen im Wa-Land. "Wenn die Einkünfte der Bauern aus dem Opium wegfallen und nicht schnell ersetzt werden", warnt Lemahieu, "droht eine humanitäre Katastrophe. Die Bevölkerung ist völlig unvorbereitet."

"Fünf Jahre Probleme", sagen die Wa-Funktionäre nach der Abkehr vom Opium für ihre Untertanen voraus. Unbemerkt von der Weltöffentlichkeit hat das Drama schon begonnen. Um guten Willen zu zeigen, fingen die Wa an, Opiumfelder zu zerstören. Folge: Der kleine Fortschritt, der nach dem Waffenstillstand von 1989 in die Dörfer einzogen ist, verweht wie der Rauch über den brandgerodeten Feldern.

Die Reportage über den Stopp des Opiumanbaus besteht aus zwei Teilen. Den zweiten Teil lesen Sie hier.

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