Aruba-Urlaub: Traumstrände und heiße Schnecken - DER SPIEGEL
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Schneckenschmaus auf Aruba: Harte Schale, weicher Kern

Foto: Martin Cyris

Karibikinsel Aruba Traumstrände und heiße Schnecken

Meeresschnecke gefällig? Auf der Antillen-Insel Aruba zählt die glitschige Meeresfrucht zum traditionellen Speiseplan. Ob im Eintopf, als Filet oder Wurst: Die Einheimischen schwören auf das Weichtier - ein legendärer Schwimmer glaubt gar, es verleihe ungewöhnliche Kräfte.
Von Martin Cyris
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schleimig, glibberig, ein bräunlich-gelbes Etwas. Dafür muss die legendäre Donald-Duck-Übersetzerin Erika Fuchs den Begriff "glibberbibb" kreiert haben. Das flutscht rein - auf Aruba  im wahrsten Sinne des Wortes. Auf der Karibikinsel gehören Meeresschnecken zur traditionellen Küche.

Es gibt die Weichtiere im Eintopf, als Filet oder zu Würstchen verarbeitet. Letzteres ist auch deshalb am besten, weil dann nichts mehr an ihren unschönen Rohzustand erinnert. Mit Gewürzen und Knoblauch vermengt und anschließend gebraten sind die einstmals glitschigen Tiere eine leckere Sache. Auch einem Möchtegern-Piraten wie Erik Bisslik schmeckt das.

Der Chef des urigen Fischlokals Zeerover - niederländisch für Seeräuber - sitzt über seiner täglichen Portion Fisch und Meeresfrüchte, inklusive Meeresschnecke. Um nebenher ein paar Dollar und arubanische Florin zu machen, versorgte er Jahrzehnte lang die Fischer, die am späten Nachmittag von der Arbeit zurückkehren. In einer Hütte verkaufte er Cola und Bier, bis 2008 Hurrikan "Omar" alles zerstörte.

Statt seine Bude wiederaufzubauen, errichtete Bisslik vor vier Jahren gleich ein ganzes Lokal. Dabei hatte er mit Gastronomie vorher nichts am Hut. Fast 40 Jahre lang war er im Hauptberuf der Dorfsportlehrer von Savaneta. "Fußball und Schwimmen, was sonst?", knurrt Bisslik mit dem Habitus eines grobschlächtigen Freibeuters. Harte Schale, weicher Kern - ganz Meeresschnecke.

Gigantische Gehäuse in Hotelvitrinen

Auf Aruba ist für sie der englische Begriff Conch gebräuchlich. Zum Kochen wird fast ausschließlich die große Queen Conch verwendet - die Große Fechterschnecke. Ortsfremde kennen meist nur das mächtige, bis zu 30 Zentimeter große, rosa schimmernde Gehäuse des Weichtiers als Deko in Hotelvitrinen, und nicht das glitschige Innere. Bei den Insulanern ist das anders.

Erik Bisslik wuchs im Süden von Aruba auf, mit vielen Geschwistern und viel Fisch, und natürlich auch mit Würstchen aus Meeresschnecke. Die bereitete seine Mutter in einem typischen alt-arubanischen Haus mit dicken, kühlenden Mauern und hoher Decke über dem offenen Feuer zu. "Mit reichlich Pfeffer und Knoblauch", wie sich Bisslik erinnert.

Sein Elternhaus steht direkt am Meer. Wo er als Jugendlicher in den warmen Wellen badete, befindet sich heute eine kleine Mole für die Fischer, die bei ihm ihren Fang verkaufen. Und wo er mit anderen Jungs in der meist prallen Sonne kickte, befindet sich die Küche seines Restaurants, mit rustikalen Tischen und Bänken davor.

Das Zeerover ist kein typisches Lokal. Es ist Fischfabrik, Fischhandlung, Kühldepot, Restaurant - und eine Art Dorfkino: Ältere und Neugierige schauen den Arbeitern stundenlang zu, wie sie Fische zerlegen oder Schneckenhäuser mit derben Bürsten reinigen. Dabei geht es lässig zu: Arbeiter plaudern mit Hotelmanagern, die heimlich ihre Gäste ins Zeerover lotsen, und Lokalpolitiker mit Taxifahrern.

"Meeresfrüchte machen stark"

Auch Mitglieder der oberen Etagen mischen sich unters Volk: Fredis Refunjol, Gouverneur von Aruba und oberster Repräsentant des autonomen Landes innerhalb des Königreichs der Niederlande, zeigt in verschwitzten Freizeitklamotten Schnappschüsse seines letzten Berlin-Urlaubs. Ein Bruder von Erik Bisslik gesellt sich dazu.

Roly Bislick hat die gleiche Freibeuter-Lache wie sein Bruder, sein Nachname aber wird anders geschrieben. "Die Typen von der Einwanderungsbehörde konnten damals noch weniger schreiben als die Leute, die nach Aruba auswanderten", sagt er. Ursprünglich stammt die Familie vom Niederrhein, aus einem Ort namens Bislich.

Bislick ist wegen Leckereien wie der Meeresschnecke fast täglich im Zeerover - und eine echte Inselberühmtheit. Er war der erste und bis heute einzige Mensch, der die rund 25 Kilometer breite Seepassage von Venezuela nach Aruba schwimmend bewältigte. 1987 war das. Im Schneckentempo, "wegen der Strömung", sagt Bislick. "Aber Meeresfrüchte machen stark." Ihm zu Ehren kam Savaneta zu einer Kuriosität: einem Schwimmstadion mit Olympia-Ausmaßen. Das war Bislicks Bedingung für seine Leistung. Seitdem steht in dem kleinen Ort der "Roly Bislick Olympic Pool".

Touristen planschen freilich urlaubsgerechter an einem der Traumstrände. Die ganze Küste zieren Streifen weißen Sandes - vom eher ruhigen Arashi Beach im Norden über den berühmten Palm und den Eagle Beach bis zu dem vor allem bei Einheimischen beliebten Baby Beach im Süden.

Die Einheimischen stehen für fangfrischen Fisch Schlange

Doch die beste Wurst aus Meeresschnecke gibt's nur im Schatten des Schwimmstadions von Savaneta. Auch Fußballer fühlen sich im Zeerover wohl. Unlängst mischten sich Ruud Gullit und Marco van Basten unter die Gäste. So unauffällig, dass kaum einer Notiz von den niederländischen Kicklegenden nahm. "Wenn mir mein Bruder nicht gesagt hätte, wer die sind, hätte ich sie gar nicht erkannt", sagt Erik Bisslik und biegt sich vor Lachen. Seine Haltung erinnert ein wenig an den berühmten windschiefen Fofoti-Baum am Eagle Beach, das meistfotografierte Motiv auf Aruba.

Doch egal, ob Prominenter oder Normalbürger: Geduld muss jeder aufbringen, um aus der Küche Schneckenwürstchen oder frittierte Köstlichkeiten zu bekommen. Die Einheimischen stehen für den fangfrischen Fisch Schlange, für Makrelen, Barsche, Marline, Barrakudas.

Die Meeresschnecke kommt selten in den freien Verkauf - die Bestände vor Aruba sind überfischt. Nur wenige Wochen im Jahr darf die Queen Conch entnommen werden. Den Rest der Zeit werden die Schnecken importiert, vor allem aus Guadeloupe. Die Weichtiere von dort sind zwar auch nicht schöner - aber auch schön lecker.