Hoi An Same same, but better
"Please, come in!" Wer westlich aussieht und durch die Straßen von Hoi An schlendert, hört diese Aufforderung, wann immer er an einer Schneiderei vorbeiläuft - also etwa alle fünf Schritte. Die Läden sind klein und fast immer leer. Den Blick auf das einzige Schaufenster verbauen Puppen mit Kleidern, Röcken, Hosen aus feinen, schimmernden Stoffen. Neben dem Eingang ein Plastikstuhl, ein kleiner Hocker mit einer Schüssel würziger Nudelsuppe.
Die Inhaberin kann es sich nicht leisten, die wenigen Touristen, die dieser Tage durch Hoi An spazieren, uneingeladen ziehen zu lassen. "Want new skirt?" Doch bei 36 Grad im Schatten und nach der 25. Einladung zu müde zum Antworten schüttele ich nur den Kopf und ziehe weiter.
Bis ins 19. Jahrhundert, als der Thu-Bon-Fluss noch mehr Wasser mit sich führte, war Hoi An einer der wichtigsten Handelshäfen Südostasiens. Niederländer, Japaner, Portugiesen und Chinesen legten hier an. Im 17. Jahrhundert ging der französische Missionar Alexandre de Rhodes hier an Land, der den Vietnamesen ihre aus lateinischen Buchstaben und unzähligen Betonungszeichen bestehende Schrift brachte.
Händler aus China und Japan pflegten mit dem Nordost-Wind im Frühjahr nach Hoi An zu kommen und im Herbst mit dem Südwind zurückzusegeln. Den Sommer verbrachten sie in gemieteten Lagerhäusern am Flussufer. Diese Häuser aus dem frühen 19. Jahrhundert sind noch heute erhalten - eine Rarität in Vietnam, das durch die Kriege erst gegen die Franzosen, dann gegen die Amerikaner so zerstört wurde, dass es an der Küste kaum noch historische Bauwerke zu sehen gibt.
Spätestens seit sich 1996 die Unesco für Hoi Ans Altstadt interessierte, hat die sozialistische Regierung in Hanoi erkannt, dass sich mit altem Gemäuer Geld verdienen lässt - wenn es nur gut genug in Schuss ist, um Touristen anzulocken. Folglich wurde fleißig restauriert und renoviert. Und während die Unesco noch zögerte, das stille Städtchen am Fluss wie das 100 Kilometer nördliche Hué und die westlich gelegenen Tempelruinen von My Son zum Weltkulturerbe zu erklären, kamen doch immer mehr Besucher in die Stadt.
"Have a look?" fragt Tran Tan Phat mit einem schüchternen Lächeln. Sein Laden "Faifoo", benannt nach der ehemals französischen Bezeichnung Hoi Ans, liegt ein wenig abseits des Zentrums in der Phan-Dinh-Phung-Straße. Vor vier Jahren haben er und seine Frau Nguyet das Geschäft eröffnet. Wie ihre Nachbarn links und rechts und die anderen Schneidereien auf der gegenüberliegenden Straßenseite beseelt von der Hoffnung, dass wo Platz ist für zwei, auch für zwanzig Platz sein mag. Oder zweihundert.
Stolz zeigt er seine Stoffe: Seide aus Japan, China, Thailand, Vietnam, schillernder Satin, buntbedruckte Baumwolle und edles Tuch für Anzüge nach westlichem Geschmack. Auf einem Tischchen neben dem Ventilator liegen Modezeitschriften und -kataloge, und an den Wänden unter der Decke hängen Musterstücke, die beweisen: Ob westlicher Anzug, frech-schnittiges Top, traditionell vietnamesischer ao dai oder klassischer Kimono, Tran Tan Phat schneidert alles. Und das zur Zufriedenheit seiner Kunden.
Wie seine Wettbewerber pflegt er ein Büchlein, in dem seine Kunden Dank und Empfehlung zu Papier bringen. Tadel findet sich nirgends. Den könnte sich Phat, dessen Name "Entwicklung" bedeutet, worauf er sehr stolz ist, auch gar nicht leisten. Kaum mehr als drei Kunden kaufen täglich bei ihm ein, alles Ausländer. Landsleute aus Hanoi oder Saigon reisen selten in den heißen Sommermonaten, und die Leute aus Hoi An haben ja selbst mindestens eine Schneiderei in der Familie.
Dass sie allesamt das Gleiche bieten, die gleichen Stoffe, den gleichen schnellen Service, in etwa die gleichen Preise, stört kaum jemanden. So ist es eben. Und wo der westliche Wirtschaftswissenschaftler die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, weil das Prinzip von Angebot und Nachfrage einfach nicht funktionieren kann, wenn 250 auf einer Fläche von vielleicht einem Quadratkilometer das Gleiche bieten, lächeln die Vietnamesen gelassen. "Das ist das chinesische Prinzip", sagt einer. Alles in einem Viertel, in einer Straße, da ist immer genug für alle da. Vor seinem Laden liegt der Großvater in einem Liegestuhl, ein schlafendes Baby auf dem Bauch, ein Radio am Ohr.
"Same same, but better" schreibt einer auf ein Schild an seiner Tür, in Anspielung auf den Lieblings-Spruch der vietnamesischen Schneider: Wann immer etwas farblich zusammenpassen, den gleichen Schnitt oder den gleichen Stoff haben soll wie ein Modell, heißt es kurz "same, same".
Tran Tan Phat hat mich überzeugt, dass ich eine "same same" aber längere Hose haben möchte wie die, die er draußen ausgestellt hat. Später möchte ich noch ein "same same" aber violettes Kleid und ein "same same" Top wie im Katalog aber aus roter Seide und ein buntes Baumwollhemd "same same" wie zwei Läden weiter, aber inzwischen versteht sich ja von selbst, dass ich es bei ihm machen lasse.
Seine Frau Nguyet nimmt Maß und schickt meine Wünsche per Mofa-Kurier in ihre Schneiderwerkstatt, einen dieser Hinterhöfe in der Nähe des Marktes, in denen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang die Nähmaschinen rattern.
Nach drei Tagen hat sich mein Gepäck verdoppelt, und ich kann die gleiche Geschichte in Phats Empfehlungsbüchlein schreiben, wie alle anderen vor und nach mir: Eigentlich wollte ich ja nur ein Teil, aber dann waren alle so freundlich, und die Sachen so gut und so günstig (eine Hose, sechs US-Dollar), und es gab Tee nach der Anprobe und zum Abschied eine kleine Handtasche als Geschenk, und natürlich kann ich Phat nur empfehlen und ihm wünschen, dass er in nicht allzu ferner Zukunft mehr als drei Kunden am Tag hat. Nicht 300. Aber vielleicht 30.