Mango-Sause in Indien: Königin der Früchte und ihre Liebhaber
Indiens Nationalfrucht Hundert Tage Mango-Rausch
Es bedarf nur einer faustgroßen, gelbgrünen Frucht, dann werden Inder zu Poeten: "Es gibt in Indien nur zwei Jahreszeiten: den Monsun und die Mangos. Der eine erquickt die Erde, die anderen die Seele" lautet ein auf dem Subkontinent gern zitiertes Sprichwort.
Der Durst der Seele wird dabei zuerst gestillt: Die indische Mango-Saison, die im April beginnt und bis in den Juli hinein dauert, wird von den vom Süden heraufziehenden Monsunregen beendet. Mango-Liebhaber, und derer gibt es in Indien ganze Heerscharen, haben nur hundert Tage, um sich an ihrer Lieblingsfrucht zu laben.
Indien ist ein komplexes Land. Vieles trennt die 1,2 Milliarden Einwohner voneinander: Das Kastenwesen, die verschiedene Volksgruppen, Sprachen und Religionen und die landschaftlichen Extreme von den Wüste bis zum Hochgebirge haben eine Gesellschaft mit großen Widersprüchen hervorgebracht.
Da ist es die Liebe zu den Mangos, die Inder vereint - und doch auch wieder spaltet. Denn die Debatten darüber, welche der 50 Sorten die schmackhafteste ist, welche Region die besten Früchte hervorbringt, wird mit hitziger Wonne geführt. Echte Fans bestellen ihre Ware bis zu einem Jahr im voraus beim Bauern ihre Vertrauens vor. Einige machen Mangos zu Statussymbolen und kaufen für viel Geld den Ertrag eines ganz bestimmten Baums.
Am liebsten pur
15 Millionen Tonnen Mangos werden jedes Jahr in Indien geerntet, das ist die Hälfte der weltweiten Produktion. Die Inder sehen "Aam", wie sie auf Hindi heißt, denn auch als "ihre" Frucht an. Tatsächlich werden Mangos auf dem Subkontinent seit über 4000 Jahren angebaut. Von hier aus wurden sie von persischen Händlern in die Welt getragen.
Kaum eine Frucht ist so vielseitig wie die Mango: Sie ist Zutat in Süßspeisen und scharfen Currys, sie wird unreif für Chutneys eingelegt und vollreif zu Saft verarbeitet. Am liebsten aber essen die Inder ihre Mangos pur: In den heißen Sommernächten sitzen sie auf den Dörfern vor den Häusern und in der Stadt in den Parks, einen Eimer mit Eiswasser vor sich. Ab und an fischen sie daraus eine Frucht, schlitzen die Haut auf und lutschen das Fruchtfleisch aus, dass der Saft das Kinn hinabläuft.
"Wir handeln mit den Models unter den Mangos", sagt Kartik Batra, dessen Familie in vierter Generation mit der "Königin der Früchte" handelt, wie die Inder sie nennen. Safeda heißt die Sorte, die die Batras vertreiben. "Das ist die Sorte, die sie aus dem Fernsehen und den Zeitungen kennen. Sie schmeckt nämlich nicht nur hervorragend, sondern ist auch sehr fotogen", sagt der 19-Jährige zwischen Tausenden mit Mangos gefüllten Kisten auf dem Azadpur-Großmarkt im Norden Neu-Delhis.
Gehandelt wird auf althergebrachte Art: Gerade hält Kartiks Vater Krishan mit einem potentiellen Käufer unter einem Geschirrhandtuch Händchen. Per Fingerdruck einigen sich auf einen geheimen Preis für fünf Kisten, mit denen der Gemüsehändler seine Kunden beglücken will.
Mango-Makis und "Alles mit Mango"-Menüs
Mangos sind Termingeschäft: Einmal gepflückt, halten sie sich nur fünf Tage. Die indische Eisenbahn setzt deshalb in der Saison Mango-Express genannte Sonderzüge ein, um die Früchte direkt zu den Großmärkten zu schaffen. Auch der weltweit größte Kurierdienst DHL hat einen Service namens Mango-Express: Mit ihm schicken Inder nach Heimat schmeckenden Grüße an im Ausland lebende Freunde und Verwandte. Die meisten Kisten gehen per Luftfracht in die Golfstaaten: Dort leben sechs Millionen indische Gastarbeiter.
Mango-Liebhabern wird das Jahr 2014 in besonderer Erinnerung bleiben: Seit am 1. Mai ein wegen Insektenbefall verhängtes Einfuhrverbot der Europäischen Union für indischen Mangos in Kraft getreten ist, überschwemmt die sonst für den Export vorbehaltene Edelsorte Alfonso den Markt. Angesichts des plötzlichen Überangebots der rund um Mumbai gezüchteten Art sind die Preise im Sinkflug.
Mit einem Preis von umgerechnet vier Euro für ein Dutzend sind die Alfonsos plötzlich auch für die indische Mittelschicht erschwinglich und geben ein Gastspiel auf den Speisekarten der besseren Restaurants in Neu-Delhi: Beim Italiener gibt es derzeit Spaghetti mit Mangostreifen, beim Japaner Maki, in denen Yellowfish um gelbe Obstschnitze gewickelt wird, und bei den vielen Indern können die Gäste in "Alles mit Mango"-Menüs schwelgen.
Welchen Stellenwert die Mango in Indien einnimmt, lässt sich daran ablesen, wie sehr der EU-Einfuhrstopp den Nationalstolz verletzt hat. Der "Times of India" war der Affront gar einen Leitartikel wert. "Diese nervösen Europäer fürchten sich vor ein paar Fruchtfliegen in unseren Mangoexporten, sie haben Angst, dass die Fliegen ihre Tomaten und Gurken verwüsten", schrieb die Zeitung. "Wie kann man die Königin der Früchte für Salat opfern!"