Reisespeisen: Linsensuppe im Luxusturm - DER SPIEGEL
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Reisespeisen Linsensuppe im Luxusturm

Reiseerlebnisse gehen immer auch durch den Magen - mal genüsslich, mal rumpelnd. In der Serie Reisespeisen testet SPIEGEL ONLINE den Geschmack der großen weiten Welt. Zum Auftakt serviert der Küchenchef des luxuriösesten Hotels aller Zeiten ein uraltes Gericht.
Von Florian Harms
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er gilt als das exquisiteste Hotel der Welt. Sieben Sterne hat die Direktion des Burj al-Arab, des "Turms der Araber", ihrem Haus selbst zuerkannt, obwohl die internationale Hotelklassifikation nur fünf Sterne kennt. Doch im Burj al-Arab, der vor Dubais Küste auf einer künstlichen Insel thront, ist alles noch eine Spur feudaler als anderswo. Selbst das Anfang 2005 eröffnete Emirates Palace Hotel im Nachbaremirat Abu Dhabi mag zwar größer sein, kann aber mit der luxuriösen Ausstattung und der spektakulären Lage des fünf Jahre älteren Burj kaum mithalten.

Da sind zunächst die Superlative: Mit 321 Metern ist der Burj al-Arab nicht nur höher als der Eiffelturm, sondern auch das höchste Hotel der Welt. Die verglasten Aufzüge rasen mit sieben Metern pro Sekunde an der Außenfassade ins Aussichtsrestaurant hinauf und sind damit die schnellsten ihrer Art. Fast überflüssig zu erwähnen, dass der Burj al-Arab natürlich auch eines der weltweit teuersten Hotels ist: Zwischen 1000 und 10.000 Euro kostet eine der zweistöckigen Suiten, privaten Butler inbegriffen.

Und schließlich ist er noch das wohl bunteste aller Luxushotels: Tagsüber von außen wie ein weißes Segel im Wind schimmernd, nachts in allen Farben des Regenbogens illuminiert, entfacht der Turm von Innen ein wahres Feuerwerk der Farben, das kitschig zu nennen eine Untertreibung wäre. Auf geringelten Teppichen, vorbei an einer knallroten, zehn Meter langen Couch, wandeln die Gäste durch das Foyer, in dem stets ein Dutzend Bediensteter in blauen Kostümen ausharrt, um auf den kleinsten Fingerzeig der Herrschaften herbei zu eilen. Auf einer geräuschgedämpften Rolltreppe gleitet man hinauf in die 300 Meter hohe Haupthalle, die von vergoldeten Säulen gestützt wird, an denen wiederum die blau-gelb-grün-roten Balustraden mit den Eingängen der Suiten hängen - riesigen Bienenwaben gleichend. Nicht wenige Menschen bezahlen ohne zu zögern die 55 Dollar "Besuchsgebühr", nur um ein halbes Stündchen in dieser Halle flanieren zu dürfen und hinterher erzählen zu können, dass sie wenigstens einmal im luxuriösesten aller Hotels waren.

Tatsächlich ist die Atmosphäre in der Halle des Burj al-Arab etwas ganz Besonderes. Die kühle Luft ist unaufdringlich parfümiert und das Licht im Gegensatz zum gleißenden Sonnenlicht draußen angenehm gedämpft. Ein Quartett fiedelt dezent im Hintergrund, libanesische Schönheiten kichern über ihrem Eiscafé, und russische Ehepaare inspizieren die Schaufensterauslagen der Juweliergeschäfte. Die Wasserspiele der stufenförmigen Springbrunnen sind so raffiniert, dass man ihnen gut und gerne eine Stunde lang beim Plätschern zuschauen kann. Viele Gäste ziehen es allerdings vor, in ihren Gemächern zu bleiben, wo sie neben gigantischen Betten, begehbaren Kleiderschränken und einer kompletten Büroeinrichtung auch einen herrlichen Blick über das Meer geboten bekommen.

Und mitten in diesem Luxusturm, in einem der sechs Restaurants, serviert Chefkoch John Wood Linsensuppe. Ausgerechnet Linsensuppe! Doch schon nach dem ersten Löffel ist klar, dass es dieses alte arabische Gericht problemlos mit all den Hummern, Krebsen und Filets auf der Speisekarte aufnehmen kann. "Traditionell isst man die Linsensuppe mit Zitrone und Thymian-Brot", erklärt der Engländer, der schon in Hamburg, St. Moritz, Paris, Kapstadt und Hongkong in den Töpfen gerührt hat und seit 2001 das Team aus sage und schreibe 194 Köchen im Burj al-Arab leitet. "Die arabische Küche ist sehr stark im Geschmack. Anders als bei europäischen Gerichten schmeckt man selbst mit geschlossenen Augen sofort, was man isst."

Nach dem Schlucken durch die Nase atmen

Gemeinsam mit anderen Spitzenköchen in Dubaier Nobelhotels versucht Wood zu verhindern, dass die lokalen Speisetraditionen gänzlich dem kollektiven Vergessen anheim fallen. Diese kulinarischen Zauberkünstler, die auf Zuruf komplizierte chinesische oder französische Gerichte kreieren können, scheuen nicht davor zurück, ihren Gästen auch einfache Speisen aus der arabischen Küche anzubieten.

Zwar kommt die Linsensuppe, ein Jahrtausende altes Gericht, das bereits in Bibel und Koran erwähnt wird, dann in feinem Porzellan statt in einer Lehmschüssel daher. Doch die Zubereitung für vier Personen, die rund eine Stunde dauert, ist fast dieselbe, wie sie auch in arabischen Familien von Generation zu Generation weitergegeben wird: 1 klein gehackte rote Zwiebel, 2 Zehen Knoblauch, 1 gewürfelte Kartoffel und 1 gewürfelte Tomate andünsten, 1 Esslöffel Kumin ("Kreuzkümmel") und 1 Esslöffel frisch zerstoßene Koriandersamen unter ständigem Rühren zugeben. Danach 250 Gramm gelbe Linsen und 1 Liter Hühner- oder Gemüsebrühe zugeben. Kurz aufkochen, Hitze reduzieren und die Suppe ca. 40 Minuten köcheln lassen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken. Alle Zutaten im Mixer oder mit einem Pürierstab pürieren. Sollte die Suppe zu dickflüssig sein, mit Brühe strecken. Geröstete Brosamen und 1 Löffel Crème Fraiche auf die Suppe geben und mit Zitronensaft beträufeln - fertig ist eine köstliche Vorspeise, die mit umgerechnet neun Euro im Burj al-Arab sogar erschwinglich ist.

John Wood schwört auf solche alten Rezepte, die er weitgehend unverändert lässt. Denn als Schlemmer müsse man seinen Geschmack trainieren. "Wer fortwährend nur Billiges oder Fast Food verschlingt, verliert sehr schnell nicht nur seinen 'psychischen', sondern auch seinen physischen Geschmackssinn und kann Feinheiten mit der Zunge nicht mehr unterscheiden." Auch für seine Linsensuppe hat der Meister einen Tipp parat. "Bei der Suppe ist es wie bei einem guten Wein: Man darf sie nicht gleich herunterschlucken, sonst hat man nichts davon. Man sollte die Suppe eine Weile lang im Mund behalten, damit der Geschmack sich ausbreiten kann. Dann schluckt man sie hinunter und atmet mehrmals durch die Nase ein und aus. So kann das Aroma sich optimal entfalten." Noch Fragen?

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