Saskatchewan: Wandern durch ein Meer aus Gras - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Saskatchewan Wandern durch ein Meer aus Gras

So flach und weit ist das Land, dass Wanderer sich wie Ausrufezeichen fühlen, die diese Flachheit noch betonen. Der Grasslands National Park liegt in der untouristischen Mitte Kanadas, im Süden der Provinz Saskatchewan. SPIEGEL-ONLINE-Autor Ole Helmhausen machte sich zu Fuß auf in die Prärie.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Einen Hund, der von zu Hause wegläuft, sieht man noch drei Tage lang vom Küchenfenster aus. So beschreiben die Rancher dieses Land. Für uns Stadtmenschen klingt das wie Musik. Sobald wir jedoch die Piste verlassen und, Zelt und Verpflegung huckepack, Richtung Endlosigkeit stapfen, ist zunächst einmal alles anders. Nach 100 Metern schon mischt sich Beklommenheit in die Euphorie. Kein Baum wächst hier, kein Strohhalm, an dem sich das Auge festhalten könnte.

Der Blick irrlichtert über kniehohes, sich im Wind wiegendes Gras und verfängt sich erst am Horizont. Der beginnt in zehn Kilometer Entfernung. Oder in hundert, so genau ist das nicht zu erkennen. Wir drehen uns nach dem Wagen um, öfter als nötig. Ja doch, brav steht er noch immer da, wo wir ihn geparkt haben. Mit jedem Schritt scheint die letzte Verbindung zur Zivilisation jedoch kleiner. Als er endgültig im Gras untertaucht, bedarf es eines mentalen Kraftakts, um zu genießen, anstatt in Panik zu geraten.

Der 450 Quadratkilometer große Grasslands National Park im Süden der kanadischen Provinz Saskatchewan schützt das letzte Stück unberührter Prärie in Nordamerika. Er besteht aus zwei etwa gleich großen, räumlich voneinander getrennten Teilen. Der "West Block" ist überwiegend mesaähnliches Hochland, das vom Frenchman River Valley bis zu 200 Meter tief durchschnitten wird. Die Gletscher der letzten Eiszeit haben hier eine Landschaft aus sanften Hügeln und grasbedeckten Tälern, den "coulées", hinterlassen.

Der "East Block" mit den Killdeer Badlands ist rauer. Auch dessen Buttes, Hoodoos und erodierte Sandsteinformationen sind ein Produkt der letzten Eiszeit. Extreme Klimaschwankungen haben eine hochspezialisierte Flora und Fauna hervorgebracht. Dutzende abgehärteter Wildgrasarten gedeihen hier, Kakteen und Salbeibüsche sorgen für Halbwüstencharakter.

Die sichtbarsten tierischen Anlieger sind Goldadler, Füchse, Koyoten, Präriehunde und Pronghorn-Antilopen. Große ovale Mulden allerorten erinnern an die einst zu Millionen durchziehenden Büffel: In den so genannten "buffalos wallows" fläzten sich die Fleischberge zwecks Körperpflege, an blank gescheuerten Felsbrocken, den "rubbing stones", massierten sie die müden Flanken. Auch die sie jagten, haben steinerne Zeugnisse hinterlassen: Vorzugsweise auf Kuppen mit Rundumblick legten prähistorische Jäger ihre manchmal riesigen "medicine wheels" an, zu Kreisen angeordnete Steinreihen für rituelle Zwecke.

Val-Marie durfte bleiben, wie es war: ein verlorener Ort

Der Nationalpark Grasslands wurde 1989 gegründet und 2001 offiziell in die Parks-Canada-Familie aufgenommen. Der damals erwartete Besucheransturm blieb jedoch aus. Ganze 7000 Besucher pro Jahr registriert die im 140-Seelen-Nest Val-Marie am Rand des West Block angesiedelte Parkverwaltung. Verantwortlich dafür mag die isolierte Lage in der untouristischen Mitte Kanadas sein. Nach Calgary, dem nächsten internationalen Gateway, sind es nicht weniger als 700 lange Kilometer durch flaches Farm- und Ackerland. Im Auto. Nach Regina, der Hauptstadt Saskatchewans, sind es 300 Kilometer. Damit liegt der Park - milde ausgedrückt - abseits der Touristenströme. So durfte Val-Marie bleiben, wie es war: ein verlorener Ort, wo die Menschen noch immer mehr für ihren Truck zahlen als für ihr Haus.

Ein anderer Grund ist die große Leere. Nur wenige können sich mit ihr anfreunden. Die Prärie ist überwältigend in ihrer Einsamkeit. Einen Vorgeschmack davon bekommen wir, als wir mit dem Auto von Val-Marie aus auf der einzigen Piste des Parks tief in das Frenchman River Valley vorstoßen. Gespräche verstummen angesichts von so viel Vakuum. Beschilderte Wanderwege, sonst verlässliche Nabelschnüre zwischen Zivilisation und Wildnis, gibt es nicht. Was die Parkverwaltung Trails nennt, liest sich in der Wegbeschreibung so: "Parken Sie 2,8 km nach dem Parkeingang. Steigen Sie in südöstlicher Richtung die enge Falte hinab, die in das Timmons Coulée führt... Von hier aus folgen Sie am besten den Trails, die Hochwild und Antilopen hinterlassen haben. Im Norden sehen Sie bald eine U-förmige Ausbuchtung im Hang. Dies ist der Weg in das Police Coulée.."

Zuerst schlagen wir unser Zelt auf. Mindestens einen Kilometer von der Piste entfernt soll es stehen, bittet die Verwaltung. Eine Antilope schaut zu, wie wir uns häuslich niederlassen, bald darauf noch eine und noch eine. Unseren Aufbruch zum Frenchman River Valley verfolgt ein ganzes Rudel. Als wir die sofakissenähnlichen Hänge ins Timmons Coulée hinabklettern, folgt es uns oben auf der Ebene. Dies bleibt nicht die einzige Begegnung. Im Police Coulée, wo wir einem mäandernden Creek nach Norden folgen, schrecken wir einen Pronghorn-Bock auf, der zwei Meter von uns entfernt im hohen Ufergrass gedöst hatte.

Meer aus Gras, so weit das Auge reicht

Auf der gegenüberliegenden Seite des Coulée kraxeln wir einen erodierten Hang zur Mesa hinauf. Einen Trail oder zumindest Spuren anderer Hiker gibt es nicht. Der Blick ist überwältigend. Der Himmel ist endlos, wir sind winzig klein. Im Westen ragt 70 Mile Butte auf, ein alle anderen überragender Tafelberg. Der einzige Blickfang im Osten ist ein von dunkelgrüner Vegetation umzingeltes Wasserloch. So flach und weit ist das Land von hier oben, dass wir uns wie Ausrufezeichen fühlen, die diese Flachheit noch hervorheben.

Auch die französischen Reisenden, die im 18. Jahrhundert als erste Weiße hier durchkamen, hatten so etwas noch nie gesehen. Sie nannten die Prärie ein "Meer aus Gras, so weit das Auge reicht". Früher prägte es das Herzland des Kontinents, reichte von Nord-Alberta bis nach Texas. Geblieben sind winzige Grasland-Inseln. Und der Grasslands National Park, der die Prärie noch so zeigt, wie sie die von Sitting Bull geführten Sioux sahen, als sie unweit von hier nach Schlacht am Little Big Horn die Grenze überschritten, um Schutz in Kanada zu suchen.

Etwas später marschieren wir den Timbergulch Coulée hinab zum Frenchman River Valley, alten Wildtiertrails folgend, die umsichtig Umwege um ausgedehnte Kakteenfelder machen. Derzeit denkt die Verwaltung daran, wieder eine Büffelherde im Park anzusiedeln. Im Frenchman River Valley empfangen uns Präriehunde mit einem schrillen Pfeifkonzert, als wir mitten durch ihre Kolonie, ein fußballfeldgroßes, von ihren halbmeterhohen Burgen übersätes Areal, wandern.

Inzwischen haben wir zwölf Kilometer in den Knochen. Für den Rückweg zum Zelt nehmen wir die Piste, die freundlicherweise bei den Präriehunden vorbeikurvt. Die Nacht ist klar. Der Sternenhimmel spannt sich bis zum Horizont. Am nächsten Morgen haben wir wieder Gesellschaft. Die Antilopen wollen wissen, wie wir geschlafen haben.