Südafrikas gefährlicher Verkehr: Siegesfeier auf der Autobahn
Südafrika WM der weiten Wege
Auf Südafrikas Highway N1 haben die Autofahrer am Sonntagmittag den Atem angehalten. Etwa 20 Kilometer vor Bloemfontein, wo wenige Stunden später das Achtelfinale England gegen Deutschland angepfiffen werden sollte, setzte ein Kleinflugzeug mitten auf der viel befahrenen Autobahn zur Notlandung an. Wie durch ein Wunder kamen aber sowohl die Fahrer der Autos als auch die Insassen des Flugzeugs - Fans auf dem Weg zum Spiel - mit dem Schrecken davon.
Südafrikas Straßen sind alles andere als sicher - auch wenn die Gefahr normalerweise nicht von oben kommt. Viele Autos sind schrottreif, haarsträubende Überholmanöver auf dem Standstreifen üblich. Ebenfalls am Sonntag kamen zwei deutsche Touristen bei einem Verkehrsunfall in der Nähe der Stadt Brits ums Leben. Mehr als 15.000 Verkehrstote weisen die Statistiken des Landes für 2009 aus. Zum Vergleich: In Spanien, einem Land mit etwa der gleichen Einwohnerzahl, waren es im selben Jahr nur 1897.
Das Auswärtige Amt empfiehlt auf seiner Webseite, Überlandfahrten durch Südafrika nach Einbruch der Dunkelheit zu vermeiden. Schlaglöcher, ungesicherte Baustellen und Tiere auf der Fahrbahn würden ein zu großes Sicherheitsrisiko darstellen. Für viele Fußballfans, die für die WM nach Südafrika gekommen sind, gibt es aber zu den gefährlichen Nachtfahrten kaum eine Alternative.
Sieben Stunden für die Heimfahrt
"Das war wirklich sehr frustrierend", sagt der Deutsche Ingo Roolf. Unmittelbar nachdem feststand, wann und wo Deutschland im Achtelfinale antreten würde, hatte sich der in Durban lebende 59-Jährige mit seinem Reisebüro in Verbindung gesetzt. Dort konnte man ihm jedoch weder Flüge noch Übernachtungsmöglichkeiten vor Ort besorgen, alles ausgebucht. Also fuhren er und seine Freunde mit dem Auto nach Bloemfontein und nach dem Spiel gleich wieder zurück, sieben Stunden durch die Dunkelheit.
"Am meisten ärgert mich, dass so viele Fans von diesen Problemen betroffen sind", schimpft Roolf. In der Tat, in Bloemfontein gibt es gerade einmal 6500 Betten, allein aus England waren aber geschätzte 25.000 Fußballfans angereist. Stoßstange an Stoßstange machten sich die meisten von ihnen nach dem Spiel auf den langen Weg nach Johannesburg. Diejenigen, die keinen Mietwagen bekommen konnten, mussten sich entweder mit den wenig verlässlichen öffentlichen Verkehrsmitteln durchschlagen oder in den Kneipen auf den nächsten Morgen warten.
Bloemfontein, Rustenburg, Nelspruit - es sind vor allem die kleineren WM-Städte, die auf den Ansturm der Fans nicht ausreichend vorbereitet waren. Die Transport- und Übernachtungsprobleme könnten auch ein Grund für die mangelnde Auslastung mancher Stadien sein. Laut Fifa seien 97 Prozent der WM-Tickets verkauft worden, trotzdem blieben zuletzt immer wieder Tausende Plätze leer.
Es ist eine WM der weiten Wege. Fast 2000 Kilometer sind es von Kapstadt nach Polokwane, dem nördlichsten WM-Spielort in der Nähe des Krüger-Nationalparks. Die großen Distanzen zwischen den Stadien dürften viele Fans trotz Ticket davon abgehalten haben, die Spiele zu besuchen. Abschließende Untersuchungen der Fifa stehen dazu aber noch aus.
Komplett ausgebucht für das Freitagsspiel
Was die lokalen Organisatoren übersehen zu haben scheinen, ist die Tatsache, dass viele WM-Besucher bis zum Ende der Gruppenphase nicht wissen konnten, welches Spiel sie in der nächsten Runde sehen würden - nämlich die Fans, die einer bestimmten Nationalmannschaft hinterher reisen. Als diese dann für ihre Partien Flüge und Hotels buchen wollten, war es oftmals zu spät.
Ab dem Viertelfinale werden nun fast alle Spiele in den drei großen Metropolen Kapstadt, Durban und Johannesburg stattfinden, die bis jetzt noch über ausreichend Übernachtungsmöglichkeiten verfügen. Es gibt jedoch noch mindestens eine Partie, die den Organisatoren große Sorgen bereitet. Am Freitagnachmittag treffen in der überschaubaren Hafenstadt Port Elizabeth Brasilien und die Niederlande aufeinander. Gerade die holländischen Fans gelten als besonders reisefreudig.
"Wir sind komplett ausgebucht", sagt Yandifa Mbaligonti von Port Elizabeths Touristenbüro. Auch im 60 Kilometer entfernten Jeffreys Bay sieht es nicht besser aus. Hotels, Bed&Breakfast- und Privatunterkünfte seien bis auf das letzte Bett belegt. Man könne den Fans nur raten, sich irgendwo abseits der Küste eine Unterkunft zu suchen. Die Straßen im Hinterland von Port Elizabeth gelten jedoch als besonders gefährlich. Immer wieder kommt es nachts zu tödlichen Zusammenstößen mit Kudus, einer besonders großen Antilopenart.
Ingo Roolf, der Deutschland-Fan aus Durban, hat dieses Mal Glück gehabt. Für das Viertelfinalspiel seiner Mannschaft gegen Argentinien hat er noch einen Flug nach Kapstadt ergattern können, auch ein Hotelzimmer hat er bekommen. Für das Halbfinale muss er sich ja ohnehin keine Gedanken machen. Wenn die deutschen Kicker wirklich Argentinien schlagen sollten, werden sie als Nächstes in Durban spielen. Direkt bei Ingo Roolf vor der Haustür.