Comic-Metropole Brüssel: "Hagel und Granaten!" - DER SPIEGEL
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"Tim und Struppi" in Brüssel: Mekka für Comic-Fans

Foto: F. v. Poser

Comic-Metropole Brüssel "Hagel und Granaten!"

Steven Spielberg bringt "Tim und Struppi" auf die Leinwand, auf Brüssels Häuserwänden sind Hergés Helden längst zu sehen - sind die Belgier doch so Comic-verrückt wie sonst kaum eine Nation. Ein Rundgang durch ihre Hauptstadt ist ein Fest für Freunde der gezeichneten Abenteuer.
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Alle sind sie da: Asterix, Lucky Luke, Tim und Struppi und die Schlümpfe. Sie stapeln sich in Regalen und Schubladen, sie hängen an Wänden und liegen in Auslagen. Und Jean Philippe Steclebout steht mittendrin. Er hält zwei "Tim und Struppi"-Comics in der Hand und sagt: "Mit Hergé hat vor mehr als 80 Jahren alles angefangen."

Doch die Comics um ihn herum haben keine Patina angelegt. Sie sind nicht verstaubt und nicht vergilbt, sondern fein säuberlich sortiert. Viele stecken in Plastikfolien. Und Steclebouts Geschäft findet sich auch nicht in irgendeinem düsteren Hinterhof neben Graffitis und Tattoo-Shops. Es liegt in einer der besten Lagen Brüssels, am Boulevard de l'Impératrice, mitten in der Altstadt, nur einen Steinwurf von der prächtigen Grande Place entfernt.

Am Donnerstag läuft in den Kinos der Film "Die Abenteuer von Tim und Struppi" an. Regisseur ist kein Geringerer als Steven Spielberg. Und der "Herr der Ringe"-erprobte Andy Serkis wird Kapitän Haddock verkörpern und dessen Lieblingsfluch "Hagel und Granaten!" von der Leinwand donnern lassen. Brüssel erhofft sich von der Verfilmung einen regelrechten Touristenboom. Zu Recht, denn die belgische Hauptstadt gilt als europäische Comic-Metropole.

Nirgendwo sonst spielen Comics eine so große Rolle in der Gesellschaft wie in Belgien, nirgendwo sonst würden sie das Musée de la Bande Dessinée, in dem auch Steclebouts Laden liegt, und das berühmte Belgische Comic-Zentrum an so prominente Plätze bauen. Das Comic-Zentrum wurde 1989 sogar vom belgischen Königspaar höchstpersönlich eröffnet. Heute ist es mit mehr als 200.000 Besuchern jährlich nach dem Atomium und dem Magritte-Museum die drittgrößte Touristenattraktion der Stadt.

Jugendstil kombiniert mit Comic-Kultur

"Comics sind ein Teil unserer Identität", sagt Willem De Graeve, Direktor des Comic-Zentrums. "Sie sind tief in unserer Kultur verankert. Jeder hier hat eine Sammlung zu Hause, egal ob groß oder klein. Wer morgens die Zeitung aufschlägt, der liest zuerst den Comic, dann erst den Rest." Das Belgische Comic-Zentrum, das in einem vom Architekten Victor Horta entworfenen und 1906 errichteten Gebäude untergebracht ist, ist ein Meisterwerk des Jugendstils. Auf mehr als 4000 Quadratmetern finden Besucher hier alles, was mit Comics zu tun hat - von den Anfängen der Comic-Geschichte bis hin zu den neuesten Entwicklungen.

"Dass wir Belgier so comicverrückt sind, hat mit unserer Geschichte zu tun", sagt De Graeve, als er durch die Räume führt. "In der Vergangenheit war unser Land häufig von anderen europäischen Mächten besetzt. Wir mussten uns unterordnen. Zeichnen war die einzige Möglichkeit, sich ungefährdet auszudrücken." Dazu komme, dass Belgien drei offizielle Amtssprachen habe: Französisch, Niederländisch und Deutsch. Comics seien daher so etwas wie eine gemeinsame Sprache für die Belgier.

Zwar haben Länder wie Japan und die USA Belgien als Comic-Land Nummer eins den Rang abgelaufen. Seit ein paar Jahren ist die Comic-Szene in Belgien jedoch explodiert. Allein 2010 kamen fast 4000 neue Titel von 800 hauptberuflichen Comic-Zeichnern auf den Markt - nur auf Französisch. "Das ist viel für ein so kleines Land."

Die Comic-Begeisterung hat Belgien vor allem einem Mann zu verdanken: Georges Prosper Remi, den alle nach seinen umgedrehten Initialen "R" und "G" einfach nur Hergé nennen. Der Künstler gilt heute als Urvater des modernen Comics, die Abenteuergeschichten von Tim und Struppi haben ihn berühmt gemacht. Tim, der Held des Comics, ist ein belgischer Reporter und erlebt mit seinem Hund Struppi jede Menge wilde Abenteuer. Tim startete seinen Siegeszug am 10. Januar 1929. Mittlerweile wurden die Alben in 70 Sprachen und 30 Dialekte übersetzt.

Klare Linien, einfache Geschichten

Hergé ist weltweit auch der einzige Comic-Zeichner, dem ein eigenes Museum gewidmet ist: das Musée Hergé im nur 25 Kilometer vor den Toren von Brüssel liegenden Louvain-la-Neuve. Das 2009 eröffnete Haus stellt originale Zeichnungen von den Anfängen bis zum Tod Hergés 1983 aus. 15 Millionen Euro kostete der Bau des französischen Architekten Christian de Potzamparc, bis zu 200.000 Besucher pro Jahr kommen auch hierher. "Und wir rechnen nach dem Filmstart mit noch größeren Zulauf", sagt Museumssprecherin Katia Baran.

Das Geheimnis Hergés ist die Einfachheit seines Stils. Klare Linien und gut verständliche Geschichten sind das, was ihn groß gemacht hat. Dabei war Hergé in Belgien nicht immer unumstritten. Mit dem ersten Album "Tim bei den Sowjets" verfasste der Künstler in den Augen vieler Kritiker ein Pamphlet gegen den Kommunismus. In "Tim im Kongo" warfen Kritiker ihm eine kolonialistische Haltung vor, weil Hergé nicht mit einem Wort Kritik an der grausamen belgischen Herrschaft im Kongo übte. Und während des Zweiten Weltkrieges zeichnete Hergé für die Zeitung "Le Soir", die die Nazi-Besatzer als Sprachrohr benutzten, was Kritiker als Sympathiekundgebung für die Nazis interpretierten.

"Ich glaube nicht, dass Hergé diese Dinge mit Absicht gemacht hat", sagt Willem De Graeve vom Comic-Zentrum. "Die ersten Alben waren sicherlich etwas unglücklich. Aber Hergé war damals noch jung, er hatte nicht viel Interesse an Politik." Immerhin verhinderte die Hergé-Stiftung 2001, 18 Jahre nach seinem Tod, dass der Titel "Tim in Tibet" in China unter dem Titel "Tim und Struppi im chinesisch besetzten Tibet" erschien.

Mit Stadtplan zu Wand-Comics

An beinahe jeder Ecke in Brüssel trifft man heute auf Comics. Stadtführer Didier Rochette macht auf die Graffiti in den Gassen der Altstadt entlang des Parcours Bande Dessiné aufmerksam. Der Comic-Rundgang wurde 1991 gemeinsam von der Stadt Brüssel mit dem Belgischen Comic-Zentrum entworfen. An mittlerweile fast 50 Hauswänden finden sich verschiedenste Comics in allen Größen, Farben und Formen.

Mit dabei sind natürlich Tim und Struppi mit einer Szene aus dem Album "Der Fall Bienlein", die Comic-Figuren Stups und Steppke - ebenfalls von Hergé -, Blondin und Cirage des Zeichners Jijé mit einer riesigen Zeichnung in der Nähe des Justizpalastes und Oliver und Columbine des Künstlers Dany in der Eikstraat. Sogar einen Stadtplan gibt es beim Fremdenverkehrsamt, in dem die schönsten Comics verzeichnet und zu einer Route zusammengefasst sind.

Und das ist noch nicht alles, denn seit die Brüsseler U-Bahn-Gesellschaft beschlossen hat, ihre Bahnhöfe mit Kunst zu verschönern, finden sich auch in so mancher U-Bahnstation überdimensionale Comic-Figuren. Im Bahnhof Stockel zum Beispiel, der Endstation der Metro 1, haben Zeichner auf fast 80 Meter Länge Hunderte Figuren aus den Tim-und-Struppi-Comics an die Wand gezeichnet. "Das ist Teil der kulturellen Mission der U-Bahn-Gesellschaft", sagt Rochette.

Stundenlang kann man hier stehen und sich die Bilder ansehen. "Für Hergé-Fans ist es das Größte, sich zu überlegen, welche Szene aus welchem Band stammt", sagt Rochette. "Manche wissen sogar, auf welcher Seite die Szene spielt." Und Rochette selbst kennt sie fast alle. Kein Wunder, er ist Comic-Fan, macht seinen Job aus Passion und hat selbst etwa 1500 Comic-Bände zu Hause. Ein ganz gewöhnlicher Belgier eben.

Fabian von Poser, SRT