Métro Montréal: Einsteigen, genießen, aussteigen - DER SPIEGEL
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Métro Montréal Einsteigen, genießen, aussteigen

Montréaler brauchen kein Auto: U-Bahn, Einkaufspassagen, sogar die Wohnblocks sind zu einer unterirdischen Stadt vernetzt - was besonders im klirrend-kalten Winter bequem für alle ist. Touristen bietet "Le Métro" dazu gratis Kunstgenuss und Multikulti.
Von Ole Helmhausen
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Winter, wenn das Thermometer bei minus 25 Grad Celsius einfriert, geht mein Freund Claude wochenlang nicht nach draußen. Nicht weil es ihm zu kalt wäre. Claude ist Kanadier und klirrende Kälte gewohnt. Er braucht es einfach nicht. Er muss sich auch nicht warm anziehen. Die zehn Kilometer zu seiner Arbeit im Zentrum der 1,5-Millionen-Stadt sind nämlich vollklimatisiert. Während draußen also ein Schneesturm den anderen ablöst, fährt Claude in seinem Wohnblock in der Vorstadt Longueuil per Aufzug hinunter zur Tiefgarage.

Dort zweigt ein Fußgängertunnel zur U-Bahn-Station Longueuil - Université-de-Sherbrooke ab. Ein paar Minuten später ist er unterwegs Richtung Centre-Ville, Innenstadt. Unter dem St.-Lorenz-Strom hindurch geht es zunächst zur U-Bahn-Station Berri-UQAM, dem größten Knotenpunkt des Montréaler U-Bahn-Systems. Hier steigt Claude von der gelben in die orange Linie um. 15 Minuten später steigt er an der Station Square-Victoria wieder aus.

Rolltreppen und weitere Fußgängertunnel bringen ihn zuletzt zu einer Mall mit Restaurants, dem Fitness-Studio Club Nautilus und netten Boutiquen. Von hier aus führt eine letzte Rolltreppe hinauf in die Lobby der Montréaler Börse. Hier verdient Claude seine Brötchen. Ein Auto hat der 44-Jährige nie besessen, nie gebraucht. "Wozu?" fragt er und guckt bass erstaunt.

Ein Drittel der Pendler hat kein Auto

Montréals U-Bahn ist ein Segen. Selbst die Anglos, traditionelle Wähler der Liberal Party (LP) und auch nach vielen Generationen in Québec noch kaum der französischen Sprache mächtig, sagen nicht "Subway", sondern "Métro". Von "chemin de fer métropolitain". Die wegen des harten kanadischen Winters ausschließlich unterirdisch verlegte U-Bahn verbindet alle Montréaler. 1966 nach vierjähriger Bauzeit eröffnet, wurde sie bis 1988 ständig erweitert und bedient heute mit vier Linien und 65 Stationen den größten Teil der Ile de Montréal.

700.000 Pendler nutzen sie täglich, davon - Claude ist nicht allein - besitzen stramme 34 Prozent kein Auto: In Nordamerika eine guinessbuchverdächtige Zahl. 59 Millionen Kilometer legen die Metrozüge jährlich zurück, die Société de Transport de Montréal (STM) gehört zu den zehn größten Arbeitgebern der Provinz Quebec.

Nach Büroschluss geht Claude gerne "magasiner", einkaufen. Auch dazu muss er nicht nach draußen. Seine und neun weitere Métro-Stationen in der Innenstadt sind der "ville souterraine" angeschlossen, der "unterirdischen Stadt". Diese lässt sich am besten als System aus insgesamt 30 Kilometern Tunnel, Passagen und Plätzen beschreiben. Hier kann Claude zwischen 1700 Boutiquen auswählen, in einem von 200 Restaurants dinieren und, falls es denn sein muss, an einem von 155 Punkten zur Oberfläche hochsteigen. Vom Métro-Niveau aus kann er sogar nach Ottawa und Toronto reisen, ohne einen einzigen Atemzug Frischluft zu inhalieren: U-Bahn und "ville souterraine" angeschlossen sind auch noch zwei Bahnhöfe und zwei Busterminals.

"Ich bräuchte gar nicht zu verreisen"

"Le Métro" gehört in Montréal zum urbanen Lifestyle wie Sushi und Latte. Die Züge gleiten auf Gummirädern sanft und fast lautlos durchs Erdreich. Jede Station hat ein anderes Layout und Dekor. Bekannte Montréaler Künstler haben sich hier verewigt, online gibt es sogar von Métro-Fans verfasste Führer zu den schönsten - Kategorisierung inklusive.

Einem Online-Führer zufolge sind acht Métro-Stationen so schön, dass sie "froh machen, in Montréal leben zu dürfen", und fünf Sterne beziehungsweise Métro-Logos, "Métros" genannt, verdienen. Vier "Métros" ("Sie haben Glück, nahebei zu wohnen") verdienen 20, drei "Métros" ("eine attraktive Station") 23 Stationen. Für Jean-Claude Germain, Québecs meistzitiertem Historiker, ist die Métro für Montréal das, was die Boulevards für Paris und die Kanäle für Venedig sind.

Für den Besucher ist sie jedoch vor allem die beste und billigste Art, Nordamerikas frankophone Metropole kennen zu lernen. Für einen Streifen zu sechs Tickets für 11,25 Kanadische Dollar (7,60 Euro) können sie bequem alle Sehenswürdigkeiten abklappern - und sich dazwischen in der Métro die über hundert Sprachen um die Ohren fliegen lassen, die Montréal zu einer der multikulturellsten Städte des Kontinents macht. "Im Grunde bräuchte ich gar nicht zu verreisen", meint Claude. Mein Freund hat seine Frau, eine Kolumbianerin, 30 Meter unter der Erde kennen gelernt. "Ich höre jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit ein Dutzend verschiedener Sprachen."

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