Reisespeisen Beerenstarker Auftritt
Ein Spaziergang im sommerlichen Paris ist herrlich, zugegeben. Allerdings kann bei 28 Grad Celsius die Luft am Triumphbogen, wo stündlich Tausende Autos um den riesigen und chaotischen Kreisverkehr brausen, ganz schön stickig werden. Nur ein paar Schritte von dieser Hochburg des Städtetourismus entfernt winkt Erleichterung: In einer kleinen Straße zwischen der Avenue MacMahon und der Avenue Carnot führt Monsieur Roland ein kleines Restaurant, zwischen dessen toskanisch rot getünchten Wänden es angenehm kühl ist. "La Cave Lanrezac" liegt hinter einer völlig unscheinbaren Fassade aus Glas und Aluminium und überrascht mit einem seltsam barocken Dekor aus Kronleuchtern, Stillleben in Öl und verschnörkelten Spiegeln. Nur die Stühle sind seltsam nüchtern mit dunkelgrünem Leder bezogen.
Was aber die Abkühlung betrifft, so hat Monsieur Roland, ein 31 Jahre junger Riese von zwei Metern Körpergröße, noch mehr in petto: einen Besuch im Keller. Denn bei Monsieur Roland darf der Kunde in die noch kühleren Gefilde unterhalb des Restaurants hinabsteigen und seine Flasche höchstpersönlich aussuchen. Der ins Fenster geklebte Hinweis ist in charmant brüchigem Englisch verfasst: "Here customer go to cellar for choose his wine". Französischer geht's nicht - und das ist mit Blick auf die Küche eher viel versprechend.
Aber zurück zum Keller, ein Wort, das auf Deutsch eher Erinnerungen an Pfeifen im Dunkeln und modrige Gerüche hervorruft. Das französische "Cave" dagegen bringt fast jeden unserer westlichen Nachbarn sofort zum Träumen, denkt er doch an Reihen von verstaubten Flaschen mit reich verzierten Etiketten, die an außergewöhnliche Jahrgänge und ausschweifende Tafelfreuden gemahnen. Und so lässt Monsieur Roland seine Kunden auch in den ersten Minuten im Keller allein. "Es wäre nicht gut, gleich dahinter zu stehen und zu sagen, der da ist richtig für Sie. Die Leute wollen selbst entdecken, hier und da gucken, und ich lasse ihnen die Zeit."
Klein, hellrot und hocharomatisch
Über jeder Flasche hängt ein Etikett mit dem Preis. Monsieur Roland ist stolz darauf, einige außergewöhnliche Weine im Angebot zu haben, keineswegs besonders teuer, aber eben keine Durchschnittsware. "Ich habe auch immer einen Wein aus Korsika oder aus dem Ardèche zur Auswahl, es wäre wirklich langweilig, wenn ich fast nur Bordeaux hier hätte", sagt der Gastwirt. Wo seine teuerste Flasche liegt, zeigt er auch in Sekundenschnelle: ein "Cheval Blanc" für 300 Euro.
Heute allerdings empfiehlt der Chef etwas weniger Exklusives, einen Bordeaux Clairet aus dem Jahr 2004. "Das ist ein ganz spezieller Wein, er wird aus roten Trauben gekeltert, aber die Fruchtschalen werden schnell wieder herausgenommen - deswegen sieht er fast aus wie ein Rosé, aber er hat wenig Alkohol und ist in Wirklichkeit ein Rotwein." Der Tropfen schmeckt wirklich fruchtig leicht, wie ein federleichter Roter. Trinken soll der Kenner diesen Wein zu einem sommerlichen Dessert, das Küchenchef Eloi de Fontenay in diesem Monat auf die Karte gesetzt hat: eine eisgekühlte Erdbeer-Rhabarber-Suppe mit Minze.
Die Idee sei ihm gekommen, als er darüber nachgedacht habe, dass es "irgendwie nur zwei gebräuchliche Arten gibt, Erdbeeren zu servieren: mit Zucker oder auf einem Kuchen", so der Koch mit dem Bürstenschnitt. In seiner Erdbeersuppe sind die Erdbeeren geviertelt - aber nicht gezuckert. Dafür werden sie aber in einem selbst gemachten Sirup serviert. Ohnehin verwendet Eloi eine französische Sorte namens "Gariguette" - die ist klein, hellrot und hocharomatisch.
Klassisch französisch mit einem Hauch Inspiration
"Wir verarbeiten hier nur frische Produkte", sagt Roland stolz, "wenn es grüne Bohnen gibt, haben wir sie selbst geputzt und zerbrochen." Er lässt sich jeden Tag vom Großmarkt in Rungis beliefern. "Ich habe einen Lieferanten, der mir genau die Menge bringt, die ich brauche - also zum Beispiel vier Zitronen, nicht eine ganze Kiste." Der 31-jährige Wirt hat das "Cave de Lanrezac" im vergangenen September eröffnet und ist stolz, dass er seitdem durchgehalten hat. "In unserer Situation kommt es auf jede Zitrone an - ein Euro ist ein Euro."
Dennoch sind Monsieur Rolands Preise für die französische Hauptstadt fast schon human: So bietet er ein Menü mit zwei Gängen für 24 Euro an, für drei Gänge muss der Gourmet 30 Euro hinblättern. Die Karte ist klassisch französisch mit einem Hauch Inspiration: Zur Wahl stehen fünf Vorspeisen, fünf Hauptspeisen und fünf Dessert - und die Karte wechselt alle fünf Wochen. Derzeit gibt es sehr traditionelle Gerichte wie Lammschulter oder Tartar und zum Nachtisch Crème brulée - oder eben die Erdbeer-Rhabarber-Suppe. Und die kocht man so:
Zutaten: 500 Gramm Erdbeeren, 1 Kilo Rhabarber, 3 Liter Wasser, 1 Kilo Zucker, 3 Sternanis, 10 schwarze Pfefferkörner, 1 Esslöffel Hibiskusblüten, 1 Zimtstange. Zum Servieren frische Minze.
Zubereitung: Das Wasser mit dem Zucker und den Gewürzen zum Kochen bringen, mindestens 1 Stunde köcheln lassen, dann durchseihen. Den geputzten und in etwa vier Zentimeter lange Stücke geschnittenen Rhabarber 5 Minuten in dem erneut aufgekochten Sirup pochieren, herausnehmen und Sirup und Rhabarber getrennt kühl stellen. Mindestens 1 Stunde vor dem Verzehr die in Stücke geschnittenen Erdbeeren und den Rhabarber in eine große Suppenschüssel geben und das Obst mit Sirup bedecken. Kühl stellen und mit gehackter Minze servieren.
La Cave Lanrezac
3, rue du Général Lanrezac
75017 Paris
Tel. 0033-1-45722700
Montags bis Freitags geöffnet