Noten, Titel, Soft Skills: Die Tipps der Personalchefs - DER SPIEGEL
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Noten, Titel, Soft Skills Die Tipps der Personalchefs

Kommt frech weiter, oder müssen Ellenbogentypen draußen bleiben? Was zählt die Examensnote, wie viel ist Auslandserfahrung wert? Hochschulabsolventen rätseln oft über die Firmen-Kriterien bei der Bewerberauswahl - sieben Personalchefs großer deutscher Unternehmen lassen sich in die Karten schauen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie viel Allgemeinbildung, wie viel Fachwissen braucht ein Bewerber?

Wenn man Fachwissen auch konkret für die jeweilige Position einsetzen kann, ist es von großer Relevanz. Weil aber die Halbwertzeit des Wissens sehr gering ist, legen wir großen Wert auch auf übergreifendes Know-how, eine breite Interessensbasis und natürlich eine gute Portion von Allgemeinwissen. Uns ist es lieber, dass unsere Bewerber gelernt haben zu denken! Und ­ der gesunde Menschenverstand hilft im Berufsleben auch weiter.

Stefan Lauer, Personalvorstand Deutsche Lufthansa

Das Studium dient in den eher allgemeinen Studiengängen nicht in erster Linie dem Erwerb von Fachwissen, zum Experten werden Menschen in den ersten Berufsjahren ausgebildet, wenn sie sich mit einer konkreten Aufgabe beschäftigen. Von großer Bedeutung ist eine hohe Lernfähigkeit und schnelle Auffassungsgabe sowie das Beherrschen von Lernstrategien.

Adolf Michael Picard, Personaldirektor Otto Versand

Generell sind Leute mit hoher Allgemeinbildung meistens in der Lage, sich eventuell fehlendes Fachwissen innerhalb von kürzester Zeit anzueignen. Von daher gehen wir davon aus, dass das Verhältnis von Fachwissen und Allgemeinbildung erst bei Bewerbern mit Berufserfahrung im Ausgleich ist.

Anke Pflaumer, Personalchefin Springer & Jacoby


Welche Bedeutung hat die Examensnote?

Persönlichkeit steht vor Note. Bei der Einstellung von Hochschulabsolventen für unser Traineeprogramm spielen praktische Erfahrungen wie Praktika oder studienbegleitende Jobs eine weit wichtigere Rolle.

Paul Siebertz, Personalvorstand HypoVereinsbank

In den Augen vieler Führungskräfte noch eine sehr große, zu große. Es lohnt sich, die großen Abweichungen im Notenspiegel zu betrachten. Eine Eins oder Fünf in Mathematik sagt oft mehr über Begabungen als die Durchschnittsnote des Abschlusses.

Adolf Michael Picard, Personaldirektor Otto Versand

Sie ist nur ein Aspekt von vielen, ob ein Bewerber zu uns passt. Mindestens genauso wichtig wie die Praxisorientierung während des Studiums und die Studiendauer sind Eigenschaften wie Teamfähigkeit und Kommunikationsfähigkeit. Wir wollen keine egoistischen Ellenbogentypen, aber natürlich auch keine Eigenbrötler, die sich in kein Team fügen.

Peter Pribilla, Personalvorstand Siemens


Welche Rolle spielt der Ruf einer Hochschule?

Sofern einzelne Lehrstühle, an denen der Kandidat studiert hat, einen besonders guten Ruf genießen, ist das als Vermutung auf gute Qualität des Fachwissens beim Bewerber zu sehen, muss allerdings im Auswahlprozess noch mal geprüft werden.

Adolf Michael Picard, Personaldirektor Otto Versand

Der Ruf einer Hochschule ist lediglich bei einigen speziellen Studiengängen von Bedeutung und stellt daher einen weiteren Pluspunkt bei der Bewerberauswahl dar, ohne jedoch ein signifikanter Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Bewerbern zu sein.

Jürgen Göttler, Personalchef Voith Unternehmensgruppe

Wir kennen die Hochschullandschaft sehr genau. Wenn jemand an einer renommierten Hochschule studiert hat, dann ist dies ein aussagekräftiges Gütesiegel.

Peter Pribilla, Personalvorstand Siemens


Wie nützlich ist ein Doktortitel?

Für die eigentliche Aufgabe gar nicht, für Habitus, Aufstieg, soziale Resonanz scheint er noch eine Rolle zu spielen.

Adolf Michael Picard, Personaldirektor Otto Versand

Die Bedeutung des Doktortitels nimmt immer mehr ab ­ auch durch die starke Konkurrenz der praxisorientierten MBA-Studiengänge. Wir raten Bewerbern immer nur dann zur zügigen Promotion, wenn das Vorhaben ernst gemeinter Leidenschaft für ein Thema entspringt und nicht dem Visitenkartendenken.

Paul Siebertz, Personalvorstand HypoVereinsbank

In Deutschland ist der Doktor nach wie vor ein unbestreitbarer Vorteil, wir sind einfach titelsüchtig. Ich selbst bedaure es noch heute, nicht die Geduld aufgebracht zu haben. Natürlich sind bestimmte Berufe auch ohne Doktortitel nicht denkbar, wie zum Beispiel der Chemiker.

Christian Heuer, Personalentwickler Beiersdorf


Wie entscheidend sind Auslandserfahrungen?

Früher ist aufgefallen, wenn welche vorlagen, heute fällt es auf, wenn sie nicht vorliegen. Entscheidend sind intensive Erfahrungen im Umgang mit anderen Kulturen und Verhaltensweisen sowie die durch das Leben im Ausland erhöhte Sicherheit im Umgang mit fremder Sprache.

Adolf Michael Picard, Personaldirektor Otto Versand

Auslandserfahrungen sind Pflicht, und zwar nicht der einmonatige Abitururlaub in der Provence, sondern "work experience" ist gefragt. Auslandspraktika während des Studiums sind das Mindeste. Denn wer im Ausland gearbeitet hat, ist den internationalen Anforderungen besser gewachsen als andere.

Anke Pflaumer, Personalchefin Springer & Jacoby

Sie sind sicherlich nicht von Nachteil. Es wäre jedoch Unsinn zu verlangen, dass jeder Student ab sofort ein bis zwei Semester im Ausland studiert. Viel wichtiger als

Auslandserfahrung ist Auslandsfähigkeit, also die Bereitschaft, auch für Siemens im Ausland zu arbeiten.

Peter Pribilla, Personalvorstand Siemens


Welche Rolle spielen bei einer Bewerbung menschliche Qualitäten?

Wenn ein Bewerber unseren so genannten Segelcheck nicht besteht ("Kann ich mir vorstellen, mit diesem Menschen ein Wochenende auf einem Segelboot zu verbringen?"), hat selbst der Intelligenteste, Dr.-Weiß-und-kann-Alles, keine Chance. Die neuen Leute müssen kompatibel mit der bestehenden Mannschaft sein. Und das scheitert meistens, wenn überhaupt, nur am Charakter.

Anke Pflaumer, Personalchefin Springer & Jacoby

Extrem wichtig sind Authentizität und Echtheit, sozialemotionale Intelligenz, Initiative und Selbstverantwortlichkeit. Engagement in Aktivitäten neben dem Beruf ist bei unbekannten Kandidaten ein scheinbares Indiz, für mich mit unsicherer Validität.

Christian Heuer, Personalentwickler Beiersdorf

Die so genannten sozialen Kompetenzen sind genauso wichtig wie das Fachwissen und eine gute Allgemeinbildung. In Einstelltests und Assessmentcentern haben wir deshalb auch zahlreiche Gruppenübungen. Dort beobachten wir dann sehr genau, wie sich einzelne Bewerber anderen gegenüber verhalten, wie kooperativ, kommunikativ und hilfsbereit, aber auch wie erfolgsorientiert und zielgerichtet sie agieren.

Peter Pribilla, Personalvorstand Siemens