Essay: Wer fragt, gewinnt - DER SPIEGEL
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Essay Wer fragt, gewinnt

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Es ist schlimm genug, dass man jetzt nichts mehr für sein ganzes Leben lernen kann. Unsere Vorfahren hielten sich an den Unterricht, den sie in ihrer Jugend empfangen; wir aber müssen jetzt alle fünf Jahre umlernen."

Goethe, Wahlverwandschaften, 1809


Nur wenige Goethe-Zitate eignen sich so gut für Schulaufsätze. Was will uns der Dichter sagen? Dass die Bildungspolitiker alle mehr lesen sollten, bevor sie drauflos schwätzen: von der nie da gewesenen Herausforderung der weltweiten Wissensgesellschaft, von dem globalen Umbruch, der nun einen völlig neuen Schulunterricht für die Menschen von morgen verlangt, vom ungeheuren Dilemma, Kinder für die Hightech-Zukunft fit machen zu müssen ­ statt Hightech-Inder ins Land zu holen.

Das Dilemma der explosionsartigen Erweiterung des Wissens ist so alt wie die stets dann folgende Frage: Was sollen Kinder lernen? Und die Frage war schon alt, als Goethe sie so fein formulierte.

Wann ist Wissen nicht beängstigend schnell denen über den Kopf gewachsen, die zurückblieben? Was haben die Gallier empfunden, als die Römer über die Berge zu ihnen kamen? Was dachten die Spanier, als Columbus in Amerika landete? Bekamen die Mainzer vielleicht keinen Schreck, als sie das erste von Gutenberg gedruckte Buch sahen?

Trotzdem hat es immer Schule gegeben, und wahrscheinlich auch schon immer Schulpolitiker, die darauf bestanden, das überlieferte Wissen zu bewahren ­ und solche, die sich quälten, dahinter zu kommen, was wohl das richtige Schulwissen für die neue Welt sein könnte. Beide Seiten natürlich fest davon überzeugt, vor nie da gewesenen Problemen der abendländischen Kulturgeschichte zu stehen.

Dies wäre die ideale Stelle, auf Wilhelm von Humboldt überzuleiten, den Freund Goethes, der eindeutig zu den Männern mit dem Blick auf morgen gehörte und in Preußen eben jene Gymnasialbildung installierte, die heute als Bildung von gestern gilt. Doch warum die Debatte mit historischen Erfahrungen belasten? Schulpolitiker in Deutschland sind wie die Kinder: Sie müssen alle Fehler selbst machen, bevor sie daraus lernen.

Deshalb soll lieber von dem Schüler die Rede sein, dem Typen, den es sicher auch schon immer gab, den jeder Lehrer kennt, und der mit seinen Fragen mühelos jede Unterrichtseinheit sprengt. Der steht auf und fragt: "Warum vertauscht ein Spiegel rechts und links ­ aber nicht oben und unten?"

Nun gibt es ­ das war wohl auch schon immer so ­ zwei Arten von Menschen. Die einen halten das für eine Scherzfrage und wenden sich keineswegs beunruhigt wieder dem Pensum zu. Die anderen können nächtelang nicht schlafen, weil das blöde Problem, denkt man nur recht darüber nach, immer komplizierter wird. Ebenso gibt es natürlich auch zwei Arten von Lesern. Jene, die nun die Lektüre abbrechen und ihren Spiegel untersuchen (was beispielsweise, wenn man ihn hinlegt?), und jene, die sich fragen, was denn ein Spiegel mit Goethe zu tun hat.

Die Frage vom Spiegel gibt eine Idee davon, was Menschen ­ Bildungspolitikern ­ durch den Kopf gegangen sein könnte, wenn sie über den Schulunterricht ihrer jeweiligen Zukunft nachgedacht haben: Das Spannende sind die Warum-Fragen.

Wer hat wann Amerika entdeckt? Ach Gott, braucht man dafür die Schule, diesen milliardenteuren Apparat, dem die Gymnasiasten 7000 Stunden ihres Lebens opfern müssen?

Die Schulmeister haben sich allzu oft damit begnügt, ihren Schülern die Welt zu beschreiben. Das ist erstens relativ nutzlos, denn die Welt verändert sich viel zu schnell, als dass man mit dem Beschreiben noch recht hinterher käme. Und zweitens ist es Zeitverschwendung.

Wer hat wann und in wessen Auftrag Amerika entdeckt? Ach Gott, braucht man dafür die Schule, diesen milliardenteuren Apparat, dem die Gymnasiasten durchschnittlich 7000 Stunden ihres Lebens opfern müssen?

Dieses Abfragewissen erfährt man nun wirklich aus dem Internet, wenn man es tatsächlich einmal wissen muss. Ebenso ist es mit dem Expertenwissen: Wo liegt der Siedepunkt von Uran? Die Arbeit an solchen Was-Fragen ist vollkommen nutzlos, das Lernen schafft totes Wissen.

Bildung ist die Umwandlung von Wissen in Weisheit, sagt der wichtigste deutsche Bildungstheoretiker, Wolfgang Frühwald. Das Internet weiß alles, aber es ist nicht weise, weil es keine Antwort auf Warum-Fragen geben kann. Antworten auf Warum-Fragen sind Erklärungen. Weise ist, wer Erklärungen geben kann.

Warum also verwechselt ein Spiegel rechts und links, nicht aber oben und unten? Wie gut, dass für diese Frage keine Antwort geläufig ist. Dann wäre die Frage kaputt. Antworten zu wissen: Das ist das Ziel von Schulbildung der phantasielosen Art. Erklärungen zu finden: Das ist etwas anderes.

Ebenso witzlos wie die Beschreibung der Welt durch die Lehrer ist die Erklärung der Welt in der Schule. Auch dazu verändert sich die Welt viel zu schnell. Es geht vielmehr darum, dass Schüler lernen, die Welt erklären zu können.

Weisheit, so verstanden, ist der allgemeinste Ausdruck für jene wohltönenden Forderungen, die Politiker, Wirtschaftsbosse, Psychologen, Soziologen, Philologen jeweils aus ihrer Sicht an die Bildung von morgen richten. Erklären können ist die Voraussetzung von allem.

Nur wer Erklärungen findet für das noch Unerklärte, das andere so ratlos macht, kann auch Probleme lösen. Nur wer erklären kann, ist in der Lage, Prognosen abzugeben, wie es weitergeht ­ sind doch Prognosen nichts anderes als Erklärungen der Zukunft. Antworten kann jeder geben, der sich etwas gemerkt hat. Aber wer erklären kann, ist der Chef.

Wie also lernt man erklären? Eine Erklärung besteht im Wesentlichen aus einem Wenn-dann-Satz, der in allgemeiner Form eine Ursache für ein zu erklärendes Phänomen angibt. Und die Schwierigkeit besteht im Wesentlichen darin, passende Wenndann-Sätze zu "Theorien" zu finden.

Der mutige Aufbruch ins Ungewisse als Bildungskonzept

Lesen Sie im zweiten Teil:

Neue Theorien findet man, indem man sie sich erst ausdenkt, "Hypothesen bildet" und diese dann an der Wirklichkeit auf ihre Brauchbarkeit überprüft. Anspruchsvoll könnte man diesen Vorgang als Wissenschaft bezeichnen, dabei ist es in Wahrheit etwas, was jeder halbwegs intelligente Stammtischpolitiker tut, wenn er Erklärungen für das schlechte Abschneiden von Bayern München oder das Stottern der Konjunktur abgibt.

Hypothesen zu erdenken ist eine Frage der Phantasie, die Überprüfung eine Frage des genauen Hinsehens und Verarbeitens von Informationen. Wenn man das in der Schule lernt, entsteht: Schul-Weisheit.

Was Schüler in der Schule lernen sollen, lässt sich also recht konkret beantworten: alles und nur das, was ihnen hilft, Hypothesen über die Zusammenhänge in der Wirklichkeit zu bilden, Methoden des Erschließens von Tatsachen, Phantasie bei der Suche nach Ursachen. Nützlich dafür ist jeder Schulunterricht, der am Beispiel plastisch macht, wie Warum-Fragen in der Geschichte und in der Naturwissenschaft beantwortet werden, nutzlos jeder Schulunterricht, der Antworten auf Warum-Fragen als Fertigprodukt präsentiert. Nützlich ist jeder Mathematikunterricht, der die Werkzeuge zur Theorienbildung bei komplexen Fragestellungen liefert, nutzlos der Mathe-Unterricht, der Antwort produzierende Formeln präsentiert.

Nicht Kino, sondern Recherche, das ist die griffige Zusammenfassung eines Lehrplanexperten im Stuttgarter Kultusministerium über das, was künftig an den Schulen seines Landes passieren sollte. Die Schwaben schreiben schon an den neuen Curricula, um zu beweisen: Weisheit ist machbar.

Aber sollen unsere Kinder so etwas wirklich lernen? Gehen uns die Leute, die für alles eine Erklärung haben, nicht furchtbar auf die Nerven? Müssen wir nicht befürchten, dass solche Kinder irgendwann statt in der Zukunft schlimmstenfalls als Studienrat an einem deutschen Gymnasium landen?

Die Avantgarde waren schon immer die Leute, welche die Zukunft machen, während die anderen darüber lamentieren, nicht zu wissen, was sie bringt.

Viel spannender als die Leute mit den Erklärungen sind doch die Leute mit den Fragen. Wer das Spiegel-Problem auf den Tisch bringt, eröffnet eine Debatte, wer die Erklärung hat, killt sie. Wer nur erklären kann, ist nicht wirklich zukunftsfähig. Denn während er heftig an der Erklärung ungelöster Fragen von heute arbeitet, sind schon wieder andere, neue, viel interessantere Fragen aufgetaucht. So bleibt auch solche Weisheit eine Hinterherlauftugend.

Die Avantgarde, das waren immer die Fragesteller. Das waren schon immer die Leute, welche die Zukunft machen, während die anderen darüber lamentieren, nicht zu wissen, was sie bringt. Begann nicht die Neuzeit, die das Zeitalter des Glaubens, das Mittelalter, ablöste, 1492 mit einer Frage? Warum kann man nicht mit dem Schiff nach Indien fahren?

Wie die Weltgeschichte lehrt, kam es auf die Frage, nicht auf die Antwort an. Der mutige Aufbruch ins Ungewisse als Bildungskonzept: Das ist die Fähigkeit, Fragen zu stellen, die nichts mit der fragend bohrenden Schneckenpädagogik im deutschen Schulunterricht zu tun haben. Nicht wer die Welt am besten erklärt, verändert sie, sondern nur, wer neue Fragen stellt.

Anspruchsvoll würde man das Forschung nennen, und soll man das Forschen wirklich in der Schule lernen? Es hilft nichts, nun sind wir doch bei Humboldt, der mit seiner preußischen Schulreform genau dies versuchte: Elementarschule, Gymnasium und Universitäten sollten aufeinander aufbauend jungen Leuten die Bildung vermitteln, die sie befähigte, Avantgarde zu sein, erst in der Wissenschaft und dann in der Politik die entscheidenden Fragen zu stellen. Lernziel: Von Preußen aus die Welt zu verändern, Teilnahme an jener rasanten Zukunft, die gerade mal wieder ­ wann eigentlich nicht ­ über Europa raste und den Freund Goethe so sehr beunruhigte.

Humboldt lehrte: Zu viel Wissen ist gefährlich, Kanon ist Quatsch. All dies blockiert die Offenheit fürs Neue. "Ich weiß, dass ich nichts weiß", dieser viel bejubelte Ausspruch von Sokrates, der seine Fragerei schließlich mit dem Leben bezahlen musste, war natürlich nicht der Freibrief für ewiges Schulfrei, sondern die strenge Aufforderung, sein Wissen gefälligst so zu organisieren, dass die Lücken deutlich werden.

Sind nicht die Lücken das Schönste am Wissen? Nur darum sammeln, sortieren wir doch, was wir im Kopf, auf dem Papier haben. Nur das ist die Faszination des Briefmarken- oder Bierdeckelsammelns: zu entdecken, was zur Vollständigkeit noch fehlt. Natürlich werden diejenigen niemals dieses saugende Gefühl empfinden, mit dem sich Fragen im Kopf ankündigen, die nicht wenigstens eine Idee von Vollständigkeit haben, ihr persönliches bescheidenes Weltbild.

Hans Magnus Enzensberger, auch ein Fragesteller, hat den Vergleich gewagt: einerseits der weise Melanchthon, der wenige Jahre nach Beginn der Neuzeit zur Welt kam, andererseits die Friseuse Zizi, geboren in der postmodernen Wissensgesellschaft. Beide waren sich in der Menge des im Kopf vorhandenen Wissens durchaus ebenbürtig. Trotzdem ist die fiktive Zizi über "Focus"-Niveau nie hinausgekommen. Denn ihr Wissen ist eine ungeordnete Sammlung nutzlos scheinenden Krams, nutzlos, weil unorganisiert, keine weiteren Fragen zulassend.

Das Wissen, das auch ohne Schule tagtäglich auf jedes Kind niederprasselt, muss nach Relevanz, Funktionalität und Brauchbarkeit für die Konstruktion eines eigenen Horizonts, eines individuellen Weltbilds sortiert werden. Das ist die Aufgabe der Schule ­ und nicht etwa die Lieferung von Weltbildern. So entsteht nach Frühwald neben Weisheit die zweite Komponente von Bildung: Urteilsfähigkeit. Den Aufbruch in die Zukunft, den Westweg übers Wasser ins Ungewisse, den muss trotzdem jeder allein machen.

Was also sollen Schüler lernen? Weisheit und Urteilsfähigkeit. Und: dass Fragen schöner sind als Antworten.